Der Münzexperte, der sich genierte

Edwin Tobler gehört zu den versiertesten Numismatikern des Landes. Seine ersten Fachartikel schrieb er unter einem Pseudonym, weil er sich als Bäcker und VBZ-Kondukteur in der Fachwelt «genierte».

Präsentiert einen Teil der über 600 Münzen, die er dem Münzkabinett Winterthur geschenkt hat: Edwin Tobler.

Präsentiert einen Teil der über 600 Münzen, die er dem Münzkabinett Winterthur geschenkt hat: Edwin Tobler. Bild: Sabina Bobst

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In Edwin Toblers Freizeit dreht sich alles ums Geld. Doch auf die Bemerkung, da müsse er ja steinreich sein, erwidert er: «Ich habe tatsächlich viele Steine im Garten.» Edwin Tobler ist 91  Jahre alt, gelernter Bäcker-Konditor und einer der besten Kenner des Schweizer Münzwesens. Benedikt Zäch, Leiter des Münzkabinetts Winterthur, sagt von ihm: «Er hat wie kaum ein anderer ein Auge für das Material und für stilistische und typologische Unterschiede.»

Vor kurzem hat Tobler dem Münzkabinett ein Herzstück seiner über 4000 Münzen umfassenden Sammlung geschenkt: 616 Münzen der Stadt und der Abtei St. Gallen aus der Zeit zwischen 1407 und 1797. Diese ergänzen die rund 400 Münzen des Bestands so gut, dass das Winterthurer Münzkabinett nun weltweit die vollständigste Serie St. Galler Münzen vorweisen kann.

Edwin Tobler ist mit Zäch am Fachsimpeln. Jahreszahlen, Taler, Batzen, Silbergehalt. Über französische «Napoleons» und 5-Francs-Stücke, die um 1905 in der Schweiz mit Abstand häufigste Währung. Toblers wache, blaue Augen blitzen, er schaut seinem Gegenüber auf den Mund, um seine Hörschwäche zu kompensieren. Je vertiefter er ins Thema taucht, desto stärker drückt in seinem Dialekt das Appenzellerische durch. Er erzählt lebhaft und engagiert, doch fällt er nie jemandem ins Wort.

500 Franken – ein rechter Lohn

Seine ersten Fachartikel hat Edwin ­Tobler unter einem Pseudonym geschrieben. «Weil ich mich genierte», sagt er. «Die andern waren versierte Numismatiker, ich hab ja nichts studiert.» ­Tobler hat sich seine profunden Kenntnisse der Schweizer Münzgeschichte durch Beobachten, Fragen und Lesen angeeignet. Seit den 1960er-Jahren hat er zahlreiche wichtige Artikel zur Schweizer Münzgeschichte veröffentlicht. Darunter das dreibändige Standardwerk zur Münzprägung der Schweiz vom 17. bis 19.  Jahrhundert, das er zusammen mit Jean-Paul Divo verfasste.

Zum Münzensammler wurde Edwin Tobler Ende der 1940er-Jahre. Damals weilte er ein paar Jahre als Konditor in Schweden und war mit einem Bahn­angestellten befreundet, der schwedische Münzen sammelte. Tobler kennt heute noch jeden Schwedenkönig samt Regierungszeit, weil deren Konterfei auf die Kronen geprägt wird. Seiner Frau ­zuliebe kehrte er 1952 in die Schweiz zurück und wollte den Beruf wechseln. Er wurde Kondukteur bei der VBZ, verkaufte und knipste Fahrkarten und verdiente dafür 500  Franken im Monat. «Ein rechter Lohn.» Ähnlich viel wie ein Lehrer ­damals.

Musste er sich damals schon mit ­pöbelnden Fahrgästen auseinandersetzen? «Nie! Ich erlebte kein einziges Mal einen solchen Zwischenfall.» Und nach dem Dienst ging er in Trämler-Uniform und mit voller Kasse unterm Arm ohne Bedenken quer durch die Stadt nach Oerlikon, wo er mit Frau und Tochter lebte. Als die VBZ in den Sechzigerjahren auf den kondukteurlosen Betrieb umstellten, trat Tobler in den Abrechnungsdienst über.

Auf Trödlertour im Niederdorf

Der kleine Mann hat erstaunlich grosse Hände. Mit denen hat er, wie einst sein Vater, hölzerne Masken und Wurzelfiguren geschnitzt, die er im Niederdorf zum Verkauf anbot. Um ein paar Franken dazuzuverdienen, die dann bei den «Minggishändlern» um die Ecke – bei den damals noch zahlreichen Trödler- und Antiquitätenläden in der Zürcher Altstadt – sofort in bare Münzen umgesetzt wurden. So trug er eine der bedeutendsten Schweizer Privatsammlungen der Gegenwart zusammen.

Seine Tochter Ursula erinnert sich, wie sie mit ihrem Vater auf Flohmärkten und in Antiquariaten Schuhkartons voller Münzen durchwühlte. Und wie er abends seine selbst gebastelten Holzschublädchen hervorzog und stundenlang seine «Batzen» studierte. «Ich frage mich heute noch, wo Papa die Zeit für diese Sammlung und die Publikationen hernahm», sagt Ursula Tobler.

Ihr Vater sagt: «Ich hatte bei den VBZ unregelmässige Dienste. Bei Nachtschicht hatte ich ja tagsüber frei. Und sonntags oft auch.» Mussten Mutter und Tochter auf Annehmlichkeiten verzichten, weil der Vater seinen Lohn in Münzen umsetzte? Edwin Tobler schaut seine Tochter fragend an. Sie antwortet: «Papas Sammlerleidenschaft hat unsere Bedürfnisse nie geschmälert. Im Gegenteil: Sie hat auch uns in jeder Hinsicht bereichert.»

Ohne eine Spur von Bitterkeit

Edwin Toblers Sammlung zeichnet sich nicht durch prächtige grosse Goldmünzen oder exotische Sonderprägungen aus. Dafür fehlte ihm das Geld. Benedikt Zäch sagt: «In der Fachwelt ist die Sammlung Tobler vor allem deshalb so hoch angesehen, weil sie äusserst kenntnisreich zusammengetragen wurde.» So hat sich Tobler nicht damit zufriedengegeben, wenn er von einem Jahrgang mit zehn Variationen eine Münze gefunden hatte.

Er suchte zu jedem Typ ein Exemplar. Sein wertvollstes Stück ist ein St. Galler Halbdicker aus dem Jahr 1517, wohl eine Versuchsprägung, von der nur drei Exemplare bekannt sind: Eines ist verschollen, eines in der Stiftsbibliothek St. Gallen, eines ist in seiner Sammlung. Ein Händler verkaufte ihm die Münze zu einem «guten Preis», wie er sagt. Eine Trouvaille.

In seinen frühen Jahren als Sammler waren solche Trouvaillen noch eher zu machen, weil sich nur wenige für Schweizer Münzen interessierten. Dann aber zogen die Preise an – nicht zuletzt wegen Toblers Publikationen, die internationale Sammler auf die Schweizer Besonderheiten aufmerksam machten. «So ist es, wenn man den Ast, auf dem man sitzt, selbst absägt», sagt Edwin Tobler – ohne eine Spur von Bitterkeit. Nach der langen Krankheit und dem Tod seiner Frau, die er bis zuletzt pflegte, hat Edwin Tobler sich Gedanken gemacht, was aus seiner Sammlung werden soll.

Die beste Linzertorte

Seine Tochter machte zwar als Landkartenzeichnerin zuweilen Illustrationen für den Vater, hat aber weder Zeit noch die tiefe Fachkenntnis, um die Sammlung zu betreuen. Einige Stücke gingen an Auktionen, einige verkaufte er an Händler, Museen oder an befreundete Sammler. Im letzten Herbst erhielt Benedikt Zäch einen Brief von Edwin ­Tobler mit der Frage, ob er wohl eine Schenkung seiner St. Galler Münzen ­akzeptieren würde. Zäch machte einen Luftsprung vor Freude.

Das Abschiednehmen von seinen Münzen falle ihm nicht schwer, sagt Tobler. «Weil sie in guten Händen sind.» Er lebt allein in seinem Haus im Zürcher Unterland, in das die Familie Tobler Anfang der Siebzigerjahre gezogen war. Er geht jeden Tag eineinhalb Stunden spazieren und führt den Haushalt selbst. Es heisst, er backe weitherum die besten Linzertorten und St. Galler Biber. Nur abends vermisst er manchmal das «Chramen» in seinen Münzschubladen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2013, 11:23 Uhr

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