Der Neger bleibt

Rassismus ist eine Frage der Haltung, nicht des Vokabulars.

«Nigga» with Attitude: Der Komiker Richard Pryor, 1968. Foto: Henry Diltz (Dukas)

«Nigga» with Attitude: Der Komiker Richard Pryor, 1968. Foto: Henry Diltz (Dukas)

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Bevor der Entscheid angewendet werden kann, schreibt die «Washington Post» bereits über seine Nutzlosigkeit. Die amerikanische Football League will Spieler auf dem Feld bestrafen, die Afroamerikaner als «Nigger» beschimpfen. Das N-Wort, wie es in den USA umschrieben wird, stammt aus der Zeit der Sklaverei.

Spielsperren zu verhängen als Beleg dafür, dass man solche Beschimpfungen nicht toleriert – warum bringt das genauso wenig wie frühere Verbotsversuche? Es hat schon damit zu tun, dass das Wort den Alltag dominiert, wenn auch in der leicht anderen Schreibweise «Nigga». Der Begriff hat den Jugendslang dermassen infiltriert, dass er allein auf Twitter eine halbe Million Mal pro Tag geschrieben wird. Es mag paradox klingen, aber: Je pauschaler ein rassistisches Wort zur Anwendung kommt, desto mehr verliert es an negativer Strahlkraft.

Dazu muss es aber zuerst neu aufgeladen, also von den Diffamierten selber erobert und zweckentfremdet werden. Schwarze Komiker wie Richard Pryor, Eddie Murphy oder Chris Rock nutzten das N-Wort obsessiv – komisch, provokativ, denunziatorisch. Die Hip-Hop-Gemeinschaft griff die Provokation auf und setzte den Begriff erst wie ein Statement ein, dann wie eine Drohung; heute klingt er beinahe wie eine Anrede. Der Wandel erklärt, warum das nationalsozialistische «verjudet» nie etwas anderes bedeutete als eine Diffamierung: Es blieb in den Fängen seiner Benutzer.

Allerdings bleibt die Entwicklung beim amerikanischen N-Wort ambivalent. Seine alltägliche Verwendung deutet im besten Fall darauf hin, dass sich eine neue Generation nicht an die Bürgerrechtskämpfe erinnert, an die Rassengesetze und Lynchmorde. «Nigger» meinte einen Sklaven. «Nigga» meint je nachdem eine Beschimpfung oder ein Kosewort. Nicht jeder darf es brauchen, nicht überall ist es erlaubt, der Kontext entscheidet über Absicht und Wirkung, aber kein Verbot kann das regulieren. Rassismus ist eine Haltung, kein Vokabular.

PS: Als er von seiner afrikanischen Reise zurückkehrte, gelobte Richard Pryor öffentlich, nie mehr das N-Wort zu brauchen. Stattdessen sagte er «Motherfucka».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.11.2014, 07:31 Uhr

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