Der Pöstler, der ins Kloster zog

Er wollte nicht mehr bloss ein Rädchen in der Gesellschaft sein. Dann schlüpfte Bruder Adrian unter eine Kapuze.

«Das Sterben hat mich während der Kindheit begleitet»: Bruder Adrian (53) hat mehr Geld, als er brauchen kann. Foto: Christian Hartmann

«Das Sterben hat mich während der Kindheit begleitet»: Bruder Adrian (53) hat mehr Geld, als er brauchen kann. Foto: Christian Hartmann

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Veränderung bedeutet Ungewissheit. Deshalb verharrt der Mensch gerne dort, wo er sich befindet. Und verlässt diese Situation nur, wenn er wirklich muss – oder wenn die Sehnsucht nach etwas anderem so mächtig geworden ist, dass sie kaum noch zu besänftigen ist. In dieser Serie erzählen fünf Menschen, wie sie den Mut aufbrachten, neue Wege zu gehen – und wie sie dabei ihr Glück fanden.

Teil 2: Der Kapuziner

Fragt mich einer, was mich zu dem gemacht hat, was ich bin, antworte ich: «Alles.» Ich bin Guardian im Kapuzinerkloster Rapperswil, gewissermassen Hüttenwart, und habe mehr Geld, als ich brauchen kann.

Und fragt mich jemand, ob sich in meinem Leben schon früh abgezeichnet habe, dass ich irgendwann Bruder werde, muss ich lachen und sage, bereits mit vier hätte ich meine liebe Mama theologisch schachmatt gesetzt. Meine Mutter, gelernte Pflegefachfrau, hatte mir erzählt, der liebe Gott habe seinen Sohn Jesus für die Sünden der Menschen geopfert. Worauf ich sagte: «Ein Vater, der seinen Sohn opfert, kann nicht Gott sein.»

Die schönsten Momente meiner Kindheit erlebte ich wohl mit meinem Vater. Drei Tage lang waren wir, nur Bruno und ich, im Zelt unterwegs, irgendwo im Berner Oberland, nachdem Louise, meine Mutter, eine Tochter geboren hatte. Ich bin das älteste von fünf Kindern, mein Vater war Betriebssekretär PTT, zuerst in Basel, dann in Bern – von ihm lernte ich später, sparsam zu sein, meine Finanzen allzeit zu überwachen.

«Macht das Sinn? Was macht Sinn? Ich begann, die Bibel zu lesen.»

Als junger Mann, Betriebssekretär PTT wie er, führte ich ein Milchbüchlein und trug darin jeden Rappen ein, den ich ausgab, auf den Fünfer genau wusste ich, wie teuer ein Bleistift war. Tempi passati, zum Glück. Wie wird man, was man ist? Eines Tages kam ich vom Kindergarten nach Hause, Leute standen vor dem Haus, jemand sagte, meine Mutter sei mit Beatrice im Spital, Beatrice, einer meiner Schwestern, sei etwas passiert – dann stand ich allein in unseren leeren stummen Räumen, niemand da. Niemand.

Beatrice, vier Jahre jünger als ich, hatte ihren Kopf zwischen Chassis und Lenkrad meines Tretautos gesteckt, während die Mutter am Stillen war, hatte sich dabei tödlich verletzt. Hier im Kapuzinerkloster Rapperswil, gleich neben dem Eingang, ist eine kleine Halle, darin, unter dem Kreuz, ein Spruch: Sei willkommen, Bruder Tod.

«Ein Vater, der seinen Sohn opfert, kann nicht Gott sein»: Bruder Adrian. Foto Christian Hartmann

Ich bin beileibe kein Kind von Traurigkeit – man sieht es mir an –, aber das Sterben hat mich während Kindheit und Jugend begleitet: Als ich neun war, starb mein Götti an einem Hirntumor, drei Jahre später ein Onkel. Als ich achtzehn war, kam mein wichtigster Freund, den ich an jenem Tag hatte begleiten wollen – die PTT gaben mir nicht frei –, in einer Lawine um.

Macht das Sinn? Was macht Sinn? Ich begann, die Bibel zu lesen. Es gab in meinem Leben Augenblicke von grösstem Glück, wichtig nur für mich: Ich war sieben oder acht, ich sass auf unserem Balkon in Ostermundigen, ein Gewitter zog auf, stürmisch und dunkel, ich schaute, geschützt vom Vordach, den Wolken zu, dem Regen, den Blitzen – und ass Nussstängeli. Alles war gut – vielleicht meine erste Meditation. Nussstängeli liebe ich noch heute.

Als ich zehn war, lag ich nach einem Velounfall im Inselspital, Anna-Seiler-Haus, es war Winter, ich konnte nicht schlafen und drückte die Rückenlehne meines Krankenbetts hoch und sah durchs Fenster hinaus auf eine Kreuzung, Strassenlampen streuten ihr gelbes Licht, dann begann es zu schneien, es schneite und schneite, und ich vergass meine gerissene Niere, das Spital, die Welt.

Damals wollte ich Arzt in Afrika werden, zuvor Tramführer, dann Sportlehrer, schliesslich Sozialarbeiter oder Pfleger. Vater sagte: «Lern etwas, von dem du eine Familie ernähren kannst.» Also besuchte ich zwei Jahre lang, 1982 bis 1984, die Verkehrsund Verwaltungsschule in Biel, machte dann eine Lehre als Betriebssekretär PTT, ging ins Militär, arbeitete schliesslich in Genf und Nyon bei der Post. Kaum hatte ich 30 000 Franken beisammen, schrieb ich mich am Gymnasium Immensee ein. Und je näher die Matura kam, desto drängender die Frage, wie ich leben wollte.

«Ich bin Kapuziner, weil die ganze Gemeinschaft in Bescheidenheit und Solidarität leben will.»

Wollte ich, mittlerweile 25 Jahre alt, ein Rädchen sein in einer Gesellschaft, in der viele wenig haben und wenige viel?

Und teilte meinen Eltern irgendwann mit, dass ich mir überlege, ins Kloster zu gehen. Als sie nicht in Jubel ausbrachen, hielt ich ihnen – ich war gemein – einen Spruch aus der Bibel vor: Und wer verlässt Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen, der wirds hundertfältig nehmen und das ewige Leben ererben.

Aber wohin? Zu den Benediktinern? Zu den Dominikanern? Zu den Kartäusern? In Ostermundigen sah ich ein Plakat hängen, Kapuziner luden zu einem Informationswochenende in ihr Kloster Solothurn. Ich ging hin – und wusste sofort: Entweder hier oder nirgends.

Kapuziner bin ich, weil nicht nur ich als einzelner Mensch in Bescheidenheit und Solidarität leben will, sondern weil die ganze Gemeinschaft dies tut. Alle haben ähnlich viel, alle reden mit. Über eine Summe von bis zu 2000 Franken darf ich als Guardian allein bestimmen. Kostet eine Anschaffung mehr, brauche ich die Bewilligung meiner Gemeinschaft und, ab 6000 Franken, auch die des Provinzialrates der Schweizer Kapuziner.

Darum sage ich: Früher sang ich «Das Leben ist ein Kampf, und den willst du gewinnen», heute singe ich «Das Leben ist ein Geschenk, und das darfst du geniessen».


Bereits erschienen ist Teil 1: Der Ökonom, der lieber Schuhe putzt (Schweizer Familie)

Erstellt: 15.05.2018, 21:16 Uhr

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