Der Rausch geht ins Auge

Nach dem Rauschtrinken kommt das Eyeballing: Jugendliche führen sich Alkohol unter anderem über die Augen zu. «Das ist sehr extrem», sagt ein Experte.

">Schnell, günstig, gefährlich: Eyeballing. (Quelle: Youtube)

Schnell, günstig, gefährlich: Eyeballing. (Quelle: Youtube)

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Man nennt es Eyeballing. Die Methode besteht darin, sich hochprozentigen Alkohol, zum Beispiel Wodka, direkt ins Auge zu giessen. Ein Brennen ist garantiert, eine Verminderung der Sehschärfe bei wiederholter Anwendung möglich. Aber das Ziel ist natürlich ein anderes: ein sehr schneller und ausgesprochen heftiger Rausch.

Das Benetzen des Auges ist dabei nur ein Weg, den Alkohol in den Körper zu bringen, ein anderer ist das Einführen eines in Schnaps getränkten Tampons in die Vagina oder in den After. Oder das Inhalieren eines Gemischs aus Tequila und Sauerstoff durch ein Glasröhrchen: Der sogenannte Oxy-Shot wurde auf Mallorca entdeckt – und wirkt so beunruhigend, dass ihn die spanischen Behörden verboten haben.

Kommen nach dem Rauschtrinken diese in Grossbritannien und Spanien beobachteten extremen Arten des Alkoholkonsums jetzt auch in die Schweiz? Dies jedenfalls befürchtet die Eidgenössische Alkoholverwaltung, die dem Eyeballing einen Artikel in ihrer jüngst erschienenen Zeitschrift widmet.

Moderne Sage oder gefährliches Spiel?

Unter Experten leugnet man das Phänomen nicht, bleibt aber vorsichtig. «Ich glaube nicht, dass es sich um eine moderne Sage handelt, aber es gibt auf europäischer Ebene so gut wie keine zuverlässigen Daten zu diesen Methoden», sagt Michel Graf, Direktor von Sucht Schweiz. Er hält Eyeballing nicht für ein neues dauerhaftes Phänomen wie das vor ein paar Jahren aufgetauchte Binge Drinking (Rauschtrinken).

«Es handelt sich hier um so extreme Verhaltensweisen, dass sie mir nicht wirklich attraktiv scheinen», sagt Graf. «Ich sehe darin eher eine Art Spiel – wenn auch ein ziemlich schwer nachvollziehbares.» Der Sucht-Experte pocht aber auf die reelle Gefahr solcher Praktiken: Alkohol, der direkt mit den Schleimhäuten in Kontakt kommt, gelangt sofort in den Blutkreislauf. Der Rausch erfolgt dadurch viel plötzlicher – und kann gefährlich sein.

Tiefe Kosten und hoher Gruppendruck

Als Präventionsverantwortliche beim Blauen Kreuz meint auch Lisa Bourgeois, es handle sich vorläufig um eine sehr marginale Methode, sie kenne keinen konkreten Fall. Für das neue Phänomen sprechen laut der Spezialistin zwei Hypothesen: die Lust, sich so schnell und billig wie möglich zu berauschen, und die Herausforderung.

«Der Gruppendruck ist sicher sehr stark bei dieser Konsumart», sagt Bourgeois. «Es ist wie ein Spiel: Getraust du dich? Hast dus schon ausprobiert? Auch wenn es selten vorkommt, bin ich der Meinung, man müsse darüber sprechen. Man macht sich viele falsche Vorstellungen über die Auswirkungen von Alkohol, vor allem bei Jugendlichen.» Die Fachfrau rät zu einem Dialog, der informiert und nicht moralisiert.

Situation bleibt «besorgniserregend»

Denn an der Alkoholfront verbessert sich die Situation nicht: Zwischen 2006 und 2010 nahm zwar der übermässige Konsum bei unter 15-Jährigen nicht zu, pendelte sich aber auf einem hohen Niveau ein. «Es ist nach wie vor besorgniserregend», sagt Michel Graf.

Übersetzung: Sibylle Bühler Beltran (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.04.2012, 12:04 Uhr

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