Der Rosenkavalier

Rosen wollen gerochen werden, sagt Kasimir Magyar. Der Marketingprofessor hat schon ein Vermögen für Duftrosen ausgegeben. Seiner japanischen Frau widmete er eine persönliche Sorte namens Keiko.

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«Wissen Sie, was ein Snob ist?», fragt Kasimir Magyar lauernd, als wir in seinem Rosengarten in Rüschlikon zwischen «Duftwolke», «Papa Meilland» und «Schneewittchen» stehen. «Jemand, der ein Buch schreibt, um endlich ein gutes Buch zu lesen.» Der gebürtige Ungar, der sich selber gern als «Lustredner» bezeichnet, lacht dabei unbescheiden von einem Ohr zum andern, denn er mag kernige Sprüche, wie sich an diesem sonnigen Morgen noch zeigen wird. Mag­yar bringt die Dinge gern plakativ auf den Punkt, neben dem Rosenbeet oder in seinen Büchern, wenn er über Managerweisheiten und -bosheiten schreibt oder eben über Rosen. Die liebt er noch mehr als Aperçus.

Bis vor kurzem hat Magyar in Rüschlikon in einer Villa mit Seeblick gelebt, inmitten von 200 Rosensorten und mehr als 2000 Rosenstöcken. Dagegen nimmt sich sein jetziges modernes Eigenheim bescheiden aus: «Meine Frau und ich haben uns von 1000 Quadratmeter Wohnfläche auf 500 verkleinert», sagt er, «schliesslich bin ich bald 80.» Das Erdgeschoss mit eigenem Büro bewohnt er selber, die erste Etage ist das Refugium seiner japanischen Frau Keiko, die er 1998 in zweiter Ehe geheiratet hat.

Bis zu 100 Duftkomponenten

Etwa 50 Sorten hat Magyar vom alten Rosarium mitgenommen, viele sind auf Hochbeete gepflanzt, damit er sich nicht bücken muss – «das schont Knie und Bandscheiben», meint er sachlich. Aus­serdem habe man die Blüte so direkt unter der Nase. Etwa die «Duftwolke», die noch betörender duftet, als ihr Name vermuten lässt. Eine sogenannte Teehybride, die älteste Klasse der «modernen» Rosen, die im 19. Jahrhundert aus chinesischen Teerosen und europäischen Remontantrosen gezüchtet wurde. Die Olfatorik der «Duftwolke» entspricht einer 3:1-Kombination von abendländischen und chinesischen Rosen. Die europä­ische Seite trägt den blumigen Duft bei, das chinesische Erbe erinnert an Litschis, gelbe Freesien und Anis. Herrlich auch die rote, ins gelbliche gehende Farbe der üppigen Blütenblätter, ein Zinnoberrot, das knallt und lockt.

«Wie eine Operation am Hirn»

Magyar hat die Düfte der Rosen akribisch analysiert, hat sie unter einem Glaszylinder mit einer Pumpe eingefangen und im Labor untersuchen lassen. Bis zu 100 Duftkomponenten stecken in einer Rose, und es gibt allein 50'000 Teehybriden – eine ungeheure Wucht von Stimuli, die auch den hart­gesottensten Realisten umweht. «An Rosen zu schnuppern, ist die schönste Form einer unblutigen OP am Hirn», findet Magyar.

Zwischen 9.30 Uhr und 10.30 Uhr sondern die kleinen Drüsen auf den Blütenblättern am meisten Duftmoleküle ab, das lässt sich auch an den Insekten beobachten, die um diese Zeit am liebsten zum Rendezvous auf die Blüte kommen. Doch Rosen sind eigenwillig: Einige haben ihre grosse Zeit erst am Nachmittag, andere duften weit geöffnet am stärksten, wieder andere in halb geschlossenem Zustand.

Die Rose ist kapriziös und ihre Züchtung höchst komplex. Selber gezüchtet hat Magyar noch keine, «mich mit einer Rose verheiraten?, um Gottes willen!», ruft er aus. «Das ist schon mit einem Menschen schwierig genug. Wissen Sie, ich bin gegen eine Asiatin verheiratet!» Vieles sei beim Rosenzüchten Zufall, man brauche Wissen und noch mehr Geduld. Glück habe ein Amateur mit Sally Holmes gehabt, damals im Jahr 1976. «Kein Fachmann hätte die Eltern je verheiratet», sagt Magyar. Doch dem englischen Hobbygärtner Holmes gelang eine «Weltrose», ein zartes Etwas mit cremefarbigen Blüten, die in Farbe und Grösse unterschiedlich sind und einen weichen, zarten Duft verströmen.

Beachtet die Düfte!

Viel zu oft würden Rosengärten nur nach optischen Gesichtspunkten angelegt, findet Magyar, nach Farben oder Klassen wie Wildrose, Alte Rose, Edelrose. Den Düften werde viel zu wenig Beachtung geschenkt: «Eine Rose ohne Duft ist nicht weniger schön, aber sie ist weniger anziehend.» Es fehle ihnen dieser nicht greifbare, flüchtige, veränderliche und doch so wichtige immaterielle Teil.

Magyar schnuppert seit vielen Jahren leidenschaftlich am Duftkelch. Sein Vater, der vor dem Ungarnaufstand 1956 Oberstaatsanwalt in Budapest war, hatte bereits einen Rosengarten. Vielleicht aber, so spekuliert Magyar scherzhaft, rühre seine sensitive Seite auch daher, dass er als Mädchen erzogen worden sei. Die Besucherin stutzt, aber diesmal ist es keiner von Magyars Sprüchen. Weil seine Mutter keinen Buben haben wollte, steckte sie den kleinen Kasimir bis zu seinem vierten Lebensjahr einfach in Mädchenkleider.

Einst der Chef von Mövenpick

Schaden hat er nicht genommen, denn Magyar hat das, was heute Resililenz heisst. Er hat diese Stehaufmännchenmentalität, ist ein Hansdampf in vielen Berufen. Nachdem seine Familie in den Wirren des 2. Weltkrieges fast alles verloren hatte, flohen die Magyars nach der niedergeschlagenen Revolution über Wien in die Schweiz. Kasimir bekam mit viel Glück an der Uni St. Gallen einen Stu­dienplatz in Wirtschaftswissenschaften, dissertierte, war Verkaufsdirektor der Mineralquellen Elm, leitete eine Getreidemühle, hat sogar ein Viehhändlerpatent. 1961 Heirat mit einer Deutschen, drei Söhne. 1976 wurde er Generaldirektor der Mövenpick-Gruppe. In den 80ern liess er als Professor für Marketing an der Uni Rennes und als Dozent an der Sorbonne in Paris von sich hören. In den 90ern kam eine eigene Management- und Marketing-AG hinzu, heute ist er vor allem Seminarleiter und Buchautor.

Ein reicher Mann, keine Frage, «aber meine Rosenleidenschaft kostet auch einen Haufen Geld», sagt er. Während andere seines Kalibers ihrer Frau einen Sportwagen kaufen, verehrte Magyar Gattin Keiko eine persönliche Rosensorte gleichen Namens. 12'000 Euro hat ihn der Spass gekostet. Eine aparte, weis­se, halb gefüllte Strauchrose mit fruchtigem Duft, die nahe der Hauswand steht. Rosennamen, das wissen Connaisseurs, kann man beim Züchter kaufen, sie werden Sorten gegeben, die demnächst auf den Markt kommen.

Eine Rose namens Leuthard

Noch bevor wir ins Haus wechseln, wo hinter der weitläufigen, beigen Polstergruppe Vater, Mutter und Ehefrau Keiko als grosse Gemälde hängen, fällt der Blick auf eine pinkfarbige Duftrose. «Ja, das ist ‹Doris Leuthard›», erklärt Magyar, ein Aargauer Züchter habe sie der CVP-Politikerin gewidmet. Ob eine Rose mit solchem Namen über die Parteigrenzen hinweg verkäuflich ist, fragen wir lieber nicht.

Rosen gibts auch im Haus üppig – auf dem Salontisch steht ein bildschönes Bouquet. «Rosen gehören in die Vase», findet Magyar, man solle endlich aufhören mit dem Mythos, dass Gartenrosen unantastbar seien. Und wenn sie dann nach vier Tagen im Haus den Kopf hängen lassen, hat Magyar ein todsicheres Rezept: «Köpfen!» Ab damit in eine schöne, flache Silberschale – und die Rose blüht noch vier Tage weiter.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2014, 08:38 Uhr

Kasimir M. Magyar: Der Rosenflüsterer.
Hirmer-Verlag, München 2013. 440 S., 500 Fotos, ca. 125 Fr. (mit Schmuckschuber).

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