Der Schalter stirbt aus

Tasten werden von der Touch-Technologie abgelöst. Das macht niemanden so traurig wie unseren Autor.

Nicht gerade attraktiv, aber funktional: Ein typischer Schweizer Lichtschalter. Foto: Maurizio Di Iorio

Nicht gerade attraktiv, aber funktional: Ein typischer Schweizer Lichtschalter. Foto: Maurizio Di Iorio

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Das schönste Geschenk, das ich als Kind bekommen habe, war ein Etui. Es war kein gewöhnliches, sondern hatte die trutzige, quaderförmige Gestalt eines Ziegelsteins und hielt in seinem Inneren Buntstifte, Spitzer, Radiergummi, eine Lupe und ein Geheimfach verborgen. Das Beste aber waren die Knöpfe. Um an den Radiergummi zu kommen, musste man eine Taste drücken – und zack, schnellte eine Schublade heraus. Drückte ich nebenan, schoss mit einem satten Knall der Spitzer aus einer Versenkung. Das Stiftefach öffnete sich langsam und majestätisch. Die Lupe schnarrte aus einer der Schmalseiten, und diskret glitt ein klandestines Kästchen aus der Plastikwand.

Die Tasten sahen alle gleich aus, rechteckig und rot wie die ganze Apparatur, aber jede musste man anders drücken. Bei der einen brauchte es Nachdruck, als müsste man erst einen Widerstand überwinden. Der Lupenknopf blieb unten und rastete erst wieder ein, wenn die Lupe zurück im Gehäuse war. Der Stifteknopf gab nach wie in Butter, und für das Geheimfach ertönte ein feines, verschwörerisches Klicken. Klick – und zack. Klick – und zack, stundenlang. Die Welt war so gross und komplex. Aber hier war etwas, das konnte ich, auf Knopfdruck, beherrschen.

Der Schalter ist ein beweglicher, dienstbarer Bote zwischen Mensch und Maschine.

Das Etui habe ich längst nicht mehr; irgendwann haben die Tasten den Geist aufgegeben. An der Befriedigung, die mir das Drücken eines Knopfes verschafft, hat sich jedoch bis heute nichts geändert. Das feine Klacken eines Lichtschalters, der samtige Widerstand des Verstärkerknopfes oder die verführerische Wippe eines elektrischen Fensterhebers bereiten mir eine Wonne, die einerseits eine sehr sinnliche ist, andererseits aber auch eine mechanische. Die Schönheit eines gelungenen Schalters liegt ja darin, dass man durch ihn mit minimalem körperlichem Aufwand eine grandiose Kausalität in Gang setzt.

Aber was heisst «gelungen»: Die wenigsten Tasten sind es. Winzige, wackelige Play-Tasten an CD-Spielern können einem die Musik verleiden, die man mit ihnen zum Ertönen bringt, Schalter, die beim Umlegen nicht klicken, mögen zwar etwas auslösen, aber ich vertraue ihnen nicht, ebenso wenig Knöpfen ohne Tiefe. Denn unter ihnen liegen die verschlungenen Gedärme der Kausalität – die Kabel, Relais und Platinen, zu deren Unterwelt der Knopf die Verbindung herstellt. Geht der Knopf diesen Weg nicht mit, duckt er sich nur unmerklich oder ist gar berührungsempfindlich und statisch, hat er seinen Daseinszweck verfehlt: ein beweglicher, dienstbarer Bote zu sein zwischen Mensch und Maschine.

«Touch» ist das neue «Push»

Da beide, Maschinen wie Menschen, sich im Laufe der Zeiten verändern, verändern sich auch ihre Beziehungen zueinander und damit die Knöpfe, die zwischen ihnen vermitteln. Der mechanische Schalter, der einen physischen Kontakt zwischen zwei Leitern herstellt oder unterbricht, ist auf dem Rückzug. Es wird weniger gedrückt und mehr getoucht. Der Knopf ist dadurch zwar nicht verschwunden – man klickt ja weiterhin –, es geht dem Knopf aber eine entscheidende Dimension verloren: die dritte und damit die sinnliche. Wobei dieser Verlust auch nur eine logische Konsequenz ist, eine Weiterführung des Prinzips, das dem Schalter seit seinen Anfängen zugrunde liegt.

Das Prinzip heisst Reduktion. Den Verlust von Komplexität kann man natürlich als Gewinn sehen, aber er bleibt doch ein Verlust. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts Maschinen in der Industrieproduktion leistungsfähiger und zahlreicher wurden, wuchs auch die Zahl der Schalter, mit denen man sie bediente – damals regte sich noch vor allem Kritik. Die Handarbeit sei dadurch noch mehr auf dem Rückzug und werde auf ein schnödes Drücken reduziert; Expertise gehe verloren über die Abläufe, die, verborgen hinter den Schaltern, von deren Bedienern nicht mehr verstanden würden. Überhaupt gehe der «Reiz für die Arbeiter» verloren, wie es Karl Marx und Friedrichs Engels im «Manifest der Kommunistischen Partei» formulierten. Eine Beschäftigung, die sich auf das Herumdrücken auf Maschinen beschränkt, die man nicht versteht, verdumme, entwürdige und frustriere. Die Maschine war eine Blackbox, die den Menschen bedrohte, und der Schalter, der sie aktivierte, avancierte zum Auslöser des Bösen.

Die Industrie musste gegensteuern. Wie, das hat die Historikerin Rachel Plotnick in ihrem faszinierenden Buch «Power Button: A History of Pleasure, Panic, and the Politics of Pushing» über Knopf und Schalter der Jahrhundertwende dokumentiert. Die wachsende Elektroindustrie, die nicht nur in die Fabriken, sondern auch in die privaten Haushalte drängte, musste dem Knopf seinen Schrecken nehmen und plakatierte vorzugsweise junge Frauen, die, schwach und unschuldig, Knöpfe drückten. Eine Illustration aus dem Jahr 1885 zeigt ein elfjähriges Mädchen, das in sicherer Entfernung den Finger auf den Knopf einer Fernzündung senkt, woraufhin eine gewaltige Explosion Felsbrocken in die Luft schleudert und den Himmel bewölkt. Der grösste Effekt, das war die Botschaft, selbst ein Kind kann ihn auslösen. Gegen «Klick macht dumm» sprach ein viel überzeugenderes Argument: «Klick und bumm.»

Die Taste spendet nicht nur Behaglichkeit und Verfügungsgewalt, sie bietet vor allem Kontrolle.

Einfach nur drücken, das wurde zur Formel der behaglichen Vereinfachung. Ein Knopf, und die Wäsche ist gemacht; ein Knopf, und das Geschirr ist gespült; ein Knopf, und alle Wünsche sind erfüllt. «You Press the Button, We Do the Rest», so bewarb Kodak seine ersten Amateur-Fotokameras, und bis heute ist der Knopf so sehr Archetyp der Einfachheit, dass selbst ein Digitalkonzern wie Amazon den – inzwischen wieder eingestellten – analogen Dash-Button einführte: physische Tasten mit den Markennamen von Waschmitteln, Chips oder Kondomen. Wenn sie zur Neige gehen, braucht man, genau, «nur zu drücken», und die Ware wird geliefert. Die Vorstellung, einen jederzeit verfügbaren Dienstboten an der Hand respektive unter dem Finger zu haben, über den man nach Belieben walten beziehungsweise schalten kann, auch diese Konnotation drückt man immer mit.

Die ersten Tasten überhaupt waren Klingeln für Dienstboten. Wollte man Tee trinken, wurde geklingelt. Hatte man sich den Tee aufs Hemd geschüttet, wurde geklingelt. Wollte man ein Buch lesen, wurde geklingelt. Die Anfänge der Taste waren eine Art Generalschalter. Dann teilten sich die Funktionen auf. In Hotels und Büros wurden Knöpfe für jeden Bedarf installiert: Zeitung, Whiskey, kaltes Wasser, heisses Wasser. Schalter waren früher einmal nicht nur Mittel zu grösstmöglichem Komfort, sie waren auch Insignien der Herrschaft. Heute ist der Knopf der Diener des kleinen Mannes. Will dieser Musik, drückt er auf «Power» – Macht.

Die Taste – und das ist die wichtigste ihrer gesellschaftlichen Funktionen – spendet aber nicht nur Behaglichkeit und Verfügungsgewalt, sie bietet vor allem Kontrolle. Kontrolle ist eine zwiespältige Sache, denn wo man etwas kontrollieren muss, besteht auch immer die Gefahr, dass etwas aus dem Ruder läuft, unkontrollierbar wird. Nichts drückt diese Ambivalenz besser aus als der bekannteste Knopf der Geschichte: der nuclear button. Es gibt ihn zwar gar nicht wirklich, aber im Bild dieses Knopfes kondensiert sich die Vorstellung eines Instruments, das den Gegner davon abhält, die Katastrophe auszulösen – weil man selbst in der Lage ist, die Katastrophe auszulösen. Der Sinn dieses Knopfes aller Knöpfe, dieses On/ Off-Schalters der Welt, besteht nicht darin, dass er gedrückt werden soll, sondern dass er gedrückt werden könnte. Der Schalter kann den Untergang bringen, er bewahrt uns aber auch davor.

Auch die digitale Welt hat ihren Knopf, den Like-Button, aber er spioniert mich aus.

Immer dann, wenn sich der Mensch einer Technik anvertraut, von der er befürchten muss, ihrer nicht mehr Herr werden zu können, wächst der Schalter zur Schicksalstaste. Das begann nicht erst mit der Atombombe, sondern schon mit den ersten Lichtschaltern, welche die Welt zwar heller machten, hinter denen aber der Strom lauerte und mit ihm der Stromschlag. Tasten in Houston und Baikonur entscheiden über Triumph und Tod gewagter Weltraummissionen. Die Taste ist die Verbindung zum Unantastbaren, sei es Elektrizität, das All oder der Krieg. Auch die digitale Welt hat ihren Schicksalsknopf, den Like-Button von Facebook. Wenn ich ihn klicke, kann er mein Leben einfacher machen, denn er füttert den Algorithmus, und der füttert mich. Aber er spioniert mich auch aus.

Die Zeit, zu der ich das Etui bekam, waren die Achtzigerjahre. Ich denke, in ihnen erlebten die Tasten ihre grösste Blüte. Knöpfe wucherten in die Küchen, über Stereoanlagen und die Armaturenbretter der Autos. Der Wert einer Sache schien sich an der Zahl ihrer Tasten zu bemessen, selbst in der Populärmusik: Nie wieder seit der Romantik wurde so leidenschaftlich in die Tasten gegriffen wie im berüchtigten Synthesizer-Pop. Die Schalter-Forscherin Rachel Plotnick erklärt sich diese «Verknopfung» der Welt einerseits mit der Technikbegeisterung der Raumfahrtära, andererseits mit dem Nuklearzeitalter. Ähnlich wie zuvor angesichts der Elektrizität empfanden die Menschen nun beim Uran sowohl Faszination als auch Furcht. Und um die Furcht, so Plotnick, in Zaum zu halten, brauchte es Knöpfe, um die Technologie zu kontrollieren, die das Uran kontrolliert. Je mehr Knöpfe, desto kontrollierbarer die Situation. Steht deshalb beim Einsteigen in ein Flugzeug die Tür zum Cockpit offen, damit man einen Blick auf die Überfülle der Instrumente und Tasten werfen kann, so viele, dass mit ihnen auch das abseitigste Risiko einfach abgeschaltet werden kann? Jedenfalls wäre das eine Erklärung für die Knopfkolonien, die in die Autos wanderten und auf die Küchenmaschinen. Auch hier galt die Gleichung: Je zahlreicher die Tasten, desto geringer das Unfallrisiko von Mensch oder Teig.

Plotnicks Argument klingt plausibel. Ich denke jedoch, ein anderer Grund ist ebenso wichtig: die Unwiderstehlichkeit des Knopfes. Ich wette, wenn man Versuchspersonen vor einen Knopf setzt, egal ob man ihnen erklärt, ob er etwas auslöst oder nicht, fast alle werden ihn drücken. Einfach weil man muss. Möglicherweise hat das auch der US-Psychologe Stanley Milgram unterschätzt, als er in seinem berüchtigten Experiment Probanden aufforderte, per Knopfdruck Stromschläge an «Schüler» zu verteilen, die bestimmte Aufgaben falsch lösten. Noch makabrer, aber auch noch anschaulicher ist die Kunstinstallation des dänischen Künstlers Marco Evaristti, der im Jahr 2000 lebende Goldfische in zehn Moulinex-Mixern präsentierte. Tatsächlich gab es Ausstellungsbesucher, die den Startknopf am Mixer drückten.

Der Schweizer Druckschalter

Weniger grausam stellt sich die Frage nach der Attraktivität des Knopfes für Unternehmen, die ihr Geld damit verdienen, Tasten und Schalter zu verkaufen beziehungsweise diese zu einem Argument zu machen, damit ihre Produkte gekauft werden. Die grossen Autohersteller haben ganze Abteilungen, die sich um nichts anderes kümmern, als Knöpfe, Schalter und die wenigen verbliebenen (und unterschätzten!) mechanischen Hebel so zu platzieren und zu designen, dass man sie einfach und vor allem gerne bedient.

Entscheidende Fragen sind da nicht nur, wo eine Taste platziert ist, sondern auch wie gross sie sein sollte, wie stark der Widerstand der Feder ist, die man hinabdrückt, und wie tief man drücken muss, bis der Rastpunkt erreicht wird. Schliesslich, wie laut und wie diskret dieser mit einem Klick akustisch bestätigte Rastpunkt klingen soll. Die Industrie hat, jede für sich, Formeln für das ideale Verhältnis von Druckweg und -widerstand aufgestellt. Leider hütet sie diese wie ein Staatsgeheimnis.

Es sind die Druckschalter – und nicht die Berge, das Bündnerfleisch oder die SBB –, welche die Schweiz so lebenswert machen.

Andere Firmen hingegen scheinen sich die Frage nach dem rechten Knopf gar nicht gestellt zu haben. Ein Aufzughersteller aus Ebikon, immerhin der zweitgrösste Liftproduzent der Welt, konnte mir unter seinen gut 60'000 Angestellten niemanden nennen, der dazu etwas sagen kann. Dabei ist der Liftknopf ein besonders delikater: Selten bekommt man ein direktes Feedback, nachdem man eine Aufzugtaste gedrückt hat. Bei älteren Aufzügen geht manchmal ein behagliches Ruckeln durchs System, wenn man einen Etagenknopf gedrückt hat.

Bei neueren Modellen dagegen passiert zunächst meist erst einmal nichts. Um dem entgegenzuwirken, verbauen die meisten Hersteller Tür-zu-Tasten, um dem Nutzer das Gefühl zu vermitteln, dass er tatsächlich Herr der Tasten ist und diese ihm «gehorchen». Wehe, sie tun es nicht. Placebo-Knöpfe, wie nicht reagierende Lifttasten oder die berüchtigten Ampelknopfprothesen, die nur so tun, als würden sie etwas auslösen, sind viel schlimmer als Schalter, die erst spät reagieren. Diesen gegenüber fühlt man sich machtlos, von Ersteren dagegen schlichtweg verarscht. Ein Knopf ohne Kausalität ist kein Knopf.

Gott schied das Licht von der Finsternis? Der klassische Schalter kann das auch. Foto: Maurizio Di Iorio

Die direkteste Kopplung von Ursache und Wirkung hat man beim Lichtschalter. Es ist eine geradezu biblische Befriedigung, in einen dunklen Raum zu kommen, und – klick – es ward Licht. Der Lichtschalter hat seine eigene kulturgeschichtliche Betrachtung verdient, an und für sich und je einzeln der Dreh- und Wipp-, der Kipp- und Schiebeschalter und die Geräusche, die das Betätigen dieser klangvollen Instrumente erzeugen. Ich kann ihn an dieser Stelle nur in einer Form würdigen: als Druckschalter. Die Schweiz ist eines der wenigen Länder der Welt, wo man das Licht heute standardmässig nicht an- und auskippt, sondern per Knopf ein- und ausdrückt. In Wahrheit sind es die Druckschalter – und nicht die Berge, das Bündnerfleisch oder die SBB –, welche die Schweiz so lebenswert machen. Die Firma, die in Horgen den klassischen Schweizer Schalterknopf herstellt – passenderweise heisst er Standard –, hätte ihn, wie mir deren Designverantwortliche erzählt, fast schon aus dem Sortiment genommen, aber der Aufschrei der Architekten war zu laut. Dieser Schalter ist nicht, wie die übrigen Schalter der Welt, aus geschmolzenem Kunststoffgranulat geformt. Er ist aus schwerem, hartem Duroplast und wird nicht gegossen, sondern in Form gepresst. Wie anders sollte eine Taste, zum Drücken geschaffen, auch produziert werden?

Der Schweizer Standard-Druckschalter ist der ideale Knopf: Seine Fläche ist gross genug, dass der Finger bequem darauf Platz findet; er steht weit genug aus dem Gehäuse, sodass man ihn in der Dunkelheit leicht ertasten kann; er bietet einen sanften, aber spürbaren Gegendruck, und er krönt den Prozess der Erleuchtung mit samtenem Schmatzen. Er ist weiss, wie das Licht. Oder schwarz, wie die Nacht. Er ist kühl und glatt, und wenn er einen Makel hat, dann jenen, dass man ihn gar nicht mehr loslassen mag.

Um den Raum, in dem er sich bewegt, kennen zu lernen, muss der Mensch die Dinge darin anfassen.

Im Wort «Taste» steckt das Verb «tasten». Die Taste ist eine Funktionseinheit, die nicht in erster Linie für das Auge oder das Ohr gemacht ist, sondern für unseren Tastsinn. Wir fingern nach dem Schalter, wir berühren dessen Oberfläche, fühlen den Gegendruck. Wenn wir einen Knopf drücken, reagiert nicht nur eine Maschine, die durch die Taste aktiviert wird; auch wir selbst reagieren. Wie genau? Ich habe eine Mail an Martin Grunwald geschrieben, er ist Psychologe und leitet das Haptik-Labor am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung an der Universität Leipzig. Ein paar Tage später sass ich in seinem Büro, das ich angesichts der Fülle an Gegenständen aller Art, die immerhin noch Platz für einen sehr bequemen Besuchersessel aus Kunstleder liessen, als ausgesprochen haptisch bezeichnen würde. Grunwald hat in einem Buch mit dem schönen Titel «Homo hapticus» die noch schönere Geschichte des Wortes «begreifen» referiert: Es kommt von «greifen».

Der Mensch, sagt Grunwald, ist ein dreidimensionales Wesen. Er lebt und wirkt im Raum. Und um den Raum, in dem wir uns bewegen, kennen zu lernen, muss er die Dinge darin anfassen. Das Anfassen, und damit auch das Drücken, sind elementar. Es ist eine Kontaktaufnahme mit der Welt. Man sucht den Kontakt mit den Körperteilen, die am empfindlichsten sind. Babys stecken alles in den Mund, Kinder und Erwachsene fassen alles an. Oder sollten es zumindest tun. Denn nur, wenn ich die Dinge berühre, weiss ich, ob sie es gut mit mir meinen. Ob der Apfel faul oder das Brot hart ist, kann ich nicht sehen oder hören. Ich muss mit dem Finger darauf drücken, dann weiss ich es, und dann kann ich entsprechend darauf reagieren. Der Druckknopf sei eine logische Konsequenz unseres Daseinstriebs, die Welt zu erkennen und zu verändern, indem wir sie anfassen.

Wer nicht fühlen will, muss sprechen

Fehlt der Zugriff auf die Welt, geht uns diese abhanden. Und ebendies, sagt Grunwald, geschieht, wenn das Touchpad, wenn Sprach- und Gestensteuerung von Geräten den Kontakt zu den räumlichen Gegenständen auf ein Minimum reduzieren oder sogar ganz unterbinden. Im Auto ersetzen immer grössere und sinnlosere Touchpads bereits grossflächig die einstigen Bedienfelder, die noch mit den Fingern ertastet und blind bewirtschaftet werden konnten. Heute muss man den Blick von der Strasse nehmen, um die Monitore mit den Augen abzusuchen, da man die digital gewordenen Knöpfe nicht mehr fühlen kann. Nicht zu fühlen, kann gefährlich sein.

Der Touch wird den Druck niemals ganz ablösen. Grunwald ist überzeugt, dass die derzeitige Touch- und Wischmanie eine Phase ist, die den üblichen Gezeitenbewegungen technischer Neuerungen folgt: Erst findet man sie nur bei Spitzenprodukten, dann wird die Technik billig und das Volk mit sinnlosen Gimmicks zugeknallt, während Hi-Fi-Geräte, Edelküchen und Sportwagen längst wieder auf den analogen Schalter setzen. Das Pad dem Proleten, der Schalter dem Standesbewussten.

Da die Algorithmen eh schon wissen, was man eigentlich will, braucht es nur noch einen letzten, ergebenen Fingerzeig.

Allerdings lässt sich die Verschiebung vom Druck zur Berührung nicht nur als eine Modeerscheinung erklären. Eine wesentliche Aufgabe der Taste, etwa eines Lichtschalters, ist es, immer an derselben Stelle zu sein. Der analoge Knopf ist der Ort einer Funktion. Der digitale Knopf ist es nicht mehr. Mit den Tasten der Computermaus begann er, beweglich und hybrid zu werden. Zwar blieben die Knöpfe der Maus, wo sie waren, aber die Maus selbst bewegte sich und mit ihr die Funktionszuordnung der Tasten. Je älter die Betriebssysteme und Benutzeroberflächen, desto stärker erinnerten die Aktionsfelder, etwa in Microsoft Word, an dreidimensionale Tasten, die nach unten gedrückt werden müssen. Spätestens seitdem Computer und das Internet aber mobil und die Monitore berührungsempfindlich geworden sind, mutieren die Tasten zu Flächen. Knopf wie Nutzer sind ortlos und der Ort unerheblich geworden, denn alles ist ja überall verfügbar, ob Wissen, Musik oder Sushi.

Gleichzeitig nimmt der Kraftaufwand weiter ab. Eine Funktion muss nur noch angedeutet werden. Da die Algorithmen eh schon wissen, was man eigentlich will, braucht es nur noch einen letzten, ergebenen Fingerzeig. Der Touch gehört zu einem System, das nicht den Willen feiert und wie leicht – man muss nur drücken – er ausgeübt werden kann. Der Touch ist nur noch Wahloption zwischen Wünschen, die einem vorgelegt werden: Temperatur wie gestern? Kennst du schon das neue Album von Taylor Swift? Pizza mit extra Käse?

Für diesen Artikel habe ich 18'898-mal die Tasten meines Laptops gedrückt.

Ganz zu Beginn der «Nikomachischen Ethik» schreibt Aristoteles, die höchste Form, tätig zu sein, sei es, wenn man etwas nur um seiner selbst willen tut. Wenn ich etwas mache, weil es mir Freude bereitet, und nicht, weil es ein bestimmtes Resultat erzielt, dann habe ich einen Zustand wahren Glücks erreicht. Auf das Betätigen von Knöpfen übertragen, hiesse das: Wenn man den Knopf um des Knopfdrückens willen drückt, dann ist das sein End- und Höhepunkt, Knopfes Erfüllung, Drückers Glück.

Für diesen Artikel habe ich, laut der Buchstabenzählfunktion meines Schreibprogramms, bisher 18'898-mal die Tasten meines Laptops gedrückt. Ich weiss nicht, ob es etwas gebracht, ob ich damit irgendetwas ausgelöst habe. Ich kann nur sagen, es war mir eine Freude. Und mit leichtem Bedauern tue ich es nun ein letztes Mal. (Das Magazin)

Erstellt: 15.05.2019, 19:22 Uhr

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