Der Schwarm bei Wikipedia schrumpft

Zu wenig Neue, zu wenig Frauen: Der Online-Enzyklopädie gehen die Autoren aus. Kritiker sprechen von einer Oligarchie der Nerds, die Einsteiger abschreckt.

Ein Schwarm von Staren im Formationsflug. Wikipedia praktizierte Schwarmintelligenz, bevor der Begriff geläufig wurde. Foto: Buiten-Beeld (Alamy)

Ein Schwarm von Staren im Formationsflug. Wikipedia praktizierte Schwarmintelligenz, bevor der Begriff geläufig wurde. Foto: Buiten-Beeld (Alamy)

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Wikipedia stapelt Superlative. Keine nicht kommerzielle Website zieht weltweit mehr Besucher an. In der Schweiz ist Wikipedia die am fünfthäufigsten angesehene Internetsite, nur die ganz Grossen (Google.ch, Google.com, Facebook, Youtube) schlagen das Nachschlagewerk.

Weitere Rekorde: Bald gibt es zwei Millionen deutsche Einträge, die Spendeneinnahmen steigen. Längst bietet Wikipedia mehr Artikel als alle traditionellen Nachschlagewerke. Nie hat eine einzelne Wissensquelle so viel Reichweite erlangt.

Nur eine Kurve zeigt in die Gegenrichtung: diejenige der Autoren. Seit 2008 sinkt die Anzahl der Menschen, die regelmässig Artikel verfassen. Einst waren es weltweit 51'000, heute sind es 31'000.

Der Rückgang bringt das Lexikon in Schwierigkeiten: Es gibt mehr Artikel, die aktualisiert und vor Manipulation geschützt werden müssen. Doch dafür stehen weniger Leute bereit. Der Arbeitsaufwand steigt, das Personal schrumpft. Wikipedia kann nicht einfach mehr Menschen einstellen. Das Lexikon lebt von freiwilligen Mitarbeitern.

Die Entwicklung zeigt sich auch in der Schweiz: «Wir haben Mühe, neue Autoren zu finden», sagt der Schweizer Wikipedia-Sprecher Patrick Kenel. Die Zahl der Wikipedianer, die konstant mitarbeiteten, habe sich ungefähr bei 100 eingependelt.

Ein weiteres Problem liegt in der Einheitlichkeit dieser Autoren. Die meisten sind männlich, weiss, mittelalt, haben studiert, oft bringen sie einen IT-Hintergrund mit. Es fehlen Junge und Frauen. Das Profil der Schreiber prägt den Inhalt. Von den 450'000 Biografien auf der deutschen Wikipedia handeln nur zwölf Prozent von Frauen.

Wer wagt, wird gelöscht

Eine Erklärung für den Autorenschwund lieferte kürzlich ein amerikanischer Wissenschaftler. Wikipedia fehle ein übersichtlicher Zugang für Handys und Tablets sowie eine Verbindung zu Social-Media-Plattformen. Beiträge auf kleinen Bildschirmen zu bearbeiten, sei umständlich. Das schrecke Junge ab, die oft mobile Geräte benutzten.

Andere Wikipedia-Kritiker bemängeln die interne Hierarchie. Beim Online-Lexikon herrsche eine «formelle und bürokratische» Atmosphäre, sagt etwa der Zürcher Internetanwalt Martin Steiger. Die Administratoren verhielten sich sehr streng. Eher würden sie Neueinträge löschen als Verbesserungen vorschlagen. «Die Anreize führen in die falsche Richtung. Wenn man den ersten Artikel schreibt und dieser verschwindet gleich wieder, verlockt das niemanden zum Weitermachen.»

Der deutsche Soziologe Christian Stegbauer hat untersucht, wie sich die soziale Struktur von Wikipedia seit der Gründung entwickelt hat. Ursprünglich fusste das Projekt auf dem, was Stegbauer «Befreiungsideologie» nennt. Die besteht aus zwei Punkten: 1. Alle haben gratis Zugang. 2. Alle können Wissen beisteuern. Wikipedia setzte auf Schwarm­intelligenz, bevor der Begriff geläufig wurde.

Das rasche Wachstum habe den gemein­schaft­lichen, gleichberechtigten Ansatz schnell vor Probleme gestellt, schreibt Stegbauer. Fehler schlichen sich ein, die Qualität vieler Artikel blieb ungenügend, um heikle Themen entwickelten sich endlose Streitereien. Als Folge habe Wikipedia seine Ideologie abgeändert, Kontrollen eingeführt, die Organisation ausgebaut und Spezialisten zur Lösung strittiger Fragen eingesetzt. Ungleichheiten und Machtstrukturen entstanden. Grund dafür sei oft nicht das Machtstreben einzelner Wikipedia-Autoren. Wer Verantwortung übernehme und viel Zeit investiere, erlange automatisch mehr Einfluss.

Wer bei Wikipedia mitschreibt, muss harte Kritik einstecken.

«Heute hält eine kleine Gruppe von Aktivisten die Macht in den Händen», schreibt Stegbauer. Diese «Elite» wirke teils abgebrüht, sie betreibe das Löschen neuer Artikel als reine Routine, auch wenn sich Anfänger stark bemüht hätten. Die Eingesessenen verspürten wenig Lust, sich mit Neuen auf die ewig gleichen Diskussionen einzulassen. Es ist, wie wenn Erwachsene Kindern stets das Gleiche er­klären. Irgendwann ist die Geduld aufgebraucht.

Ist Wikipedia also zu einer Nerd-Oligarchie gewachsen, in der wenige Eingeweihte alle Einsteiger rausekeln? Wer sich mit Wikipedianern unterhält, bekommt einen anderen Eindruck.

Zum Beispiel Patrick Kenel, Präsident und Sprecher von Wikimedia.ch. Er ist Mitte 30, tritt zurückhaltend auf, trägt zum Interview ein T-Shirt mit Wikilogo. Schon als Kind habe er ein «Flair für Nachschlagewerke» entwickelt, sagt Kenel. 2004, während des Geschichtsstudiums, begann er, Artikel zu schreiben. «Dafür nutzte ich einen Grossteil meiner Freizeit.» Heute verfasst Kenel kaum mehr eigene Artikel, stattdessen pflegt er vorhandene Texte.

Oder Lantus und Lantina*. Das Ehepaar ist vor zwei Jahren aus Deutschland in den Kanton Aargau gezogen, weil Lantina hier Arbeit fand. Beide haben gute Jobs (Haustechnikplanerin und Informatiker), beide reden schnell, klar, pointiert. Der 52-Jährige schrieb den ersten Beitrag vor elf Jahren. Als er nach Infos zu einem Grenzübergang im Saarland suchte und ihm Wikipedia nichts bot, beschloss er, die Lücken selber zu füllen. Seither vergeht keine Woche, in der er nicht mindestens einen Eintrag online stellt. Seine Spezialgebiete: Weinbau, historische Persönlichkeiten, Bauwerke.

Lantus’ Begeisterung hat auch seine Frau angesteckt. Statt immer nur zuzusehen und mitzudiskutieren, verfasste sie kürzlich ihren ersten Artikel.

Kenel, Lantina und Lantus orten Gründe für die Nachwuchs- und Frauenknappheit anderswo.

Hohe Einstiegshürde Wer einen Wikipedia-Artikel schreiben möchte, kann nicht einfach loslegen. Während seines 15-jährigen Bestehens hat sich Wikipedia ein ausführliches Set an Regeln und Standards gegeben, die jeder Autor einhalten muss. Alles ist festgelegt: Schreibstil, Aufbau, Verweise. Diese Vorgaben zu verstehen, braucht viel Geduld.

Selbst erfahrene Autoren scheitern manchmal daran. So bekam Lantus nach dem Verfassen seines 648. Wikipedia-Artikels eine überraschende Nachricht. Jemand hatte seinen Beitrag über den tschechischen Künstler Jan Grimm zur Löschung empfohlen. Grund: Grimm erfülle die Relevanzkriterien nicht. Ohne diese würde die Enzyklopädie überlaufen vor unwichtigem Wissen. Nur ist die Entscheidung, welches Wissen zählt und welches nicht, schwierig. Die Liste der Bedingungen füllt ein halbes Buch. «Als Anfänger kann man da kaum durchblicken», sagt Lantus. Der Löschungsantrag wurde später übrigens abgewiesen.

Fehlender Pioniergeist Zu Beginn bestand Wikipedia aus weissen Seiten, die man mit Wissen füllen konnte. Davon sind nur kleine unbeschriebene Flecken übriggeblieben. «Als ich anfing, konnte man sich mit den grossen Themen auseinander­setzen», sagt Kenel. Heute finde man fast nur noch spezialisierte Nischen. Die grösste Aufgabe bestehe im Unterhalt des Bestehenden. «Gut möglich, dass das vielen weniger Freude macht», sagt Kenel.

Lantus dagegen fühlt sich durch die Artikelfülle nicht eingeschränkt. «Mir kommen beim Schreiben immer Artikel in den Sinn, die es noch nicht gibt.» Diese mögen keine welthistorische Bedeutung haben. «Aber interessant sind sie trotzdem.»

Zeitaufwand Für Wikipedia gilt das Gleiche wie für jede Freiwilligenarbeit: Zeit ist die Währung. «Sich als Autor zu etablieren, geht nicht von heute auf morgen. Man muss viele Stunden investieren», sagt Kenel. Sowohl er als auch Lantus setzten sich fast täglich hinter das Onlinelexikon. Nicht, weil sie nach Macht innerhalb der Community strebten. Beide sagen, sie glaubten an die Idee von Wikipedia und versuchten, das Lexikon besser zu machen.

Angst vor Angriffen Wer bei Wikipedia mitschreibt, sollte harte Kritik ertragen. «Der Ton kann belehrend bis grob werden», sagt Kenel. Damit hätten wohl vor allem Frauen Mühe. Das bestätigt Lantina. «Ich staunte über Ruppigkeit.» Einige Wikipedianer schienen es sich zum Ziel gesetzt haben, andere Autoren – oft Neulinge – zurechtzuweisen, dabei schrammten sie die Grenze zur Beleidigung entlang. Die Online-Pöbeleien zielen auch gegen erfahrene Schreiber. Er lasse sich nie darauf ein, sagt Lantus. «Das frustriert nur.» Oft erlebe er aber sehr «konstruktive Diskussionen».

Fehlende Gesellschaft Wikipedia ist ein Lonely-­Medium, dabei mitzuwirken, eine einzelgängerische Tätigkeit. Obwohl unter Autoren ein reger Austausch auf Diskussionsseiten entstehen kann; man sitzt doch allein vor dem Computer. Oder liest allein in einer Bibliothek.

Das Lexikon kann allerdings auch dazu dienen, um richtige Menschen zu treffen. Nachdem Lantina und Lantus in die Schweiz gekommen waren, besuchten sie die «Stammtische», zu denen sich Wiki­pedianer regelmässig versammeln, machten bei Ausflügen in Bibliotheken mit. «Andere treten einem Verein bei. Wir integrierten uns über die Wiki-Szene», sagt Lantus. Die beiden planen sogar ihre realen Ferien nach den Bedürfnissen des Online-Lexikons. Oft reisen sie an Orte, um sie zu fotografieren und später darüber zu schreiben.

Die Motivationsoffensive

Wikimedia.ch, der Schweizer Förderverein des Lexikons, versucht auf verschiedenen Wegen, Junge und Frauen zum Mitmachen zu motivieren. Wikipedianer besuchen Schulen, bieten Einführungskurse. Neu gibt es eine virtuelle «Teestube», in der Neugierige Fragen stellen können. Schon länger können sich Anfänger einen Mentor suchen, der ihnen den Einstieg erleichtert. Eine andere Strategie besteht darin, Spezialisten an Hochschulen dazu zu bewegen, ihr Wissen auf dem Online-Lexikon zu teilen. Und kürzlich entwickelte die Zentrale in San Francisco eine App, die das Redigieren auf kleineren mobilen Geräten erleichtern soll.

Lantus beteiligt sich an dieser Motivationsoffensive. Schulkinder lässt er Beiträge zu Lieblings­comics oder Lieblingsbands verfassen, ihre Lehrer versucht er, von den Vorteilen des Lexikons für den Unterricht zu überzeugen. Manchmal leitet er Workshops in Bibliotheken, an denen Anfänger sich im Schreiben von Beiträgen üben können. Alles macht er in seiner Freizeit, ohne Lohn. Wikimedia erstattet Fahr- und Übernachtungskosten.

Den Kritikern reichen diese Bemühungen nicht. Sie fordern einen Abbau der Hürden. Viele der heutigen Wikipedianer hätten den heutigen Standards selber nicht standgehalten, als sie mit Schreiben begannen, sagt Anwalt Steiger. «Man muss Neue unterstützen, statt sie durch schnelle Löschungen und autoritäres Gehabe abzuschrecken.»

Dem stimmen alle Wikipedianer zu. Um im gleichen Satz zu betonen: Ohne Regeln würde Wikipedia in kürzester Zeit voll sein von subjektiven, manipulierten oder falschen Beiträgen. Dazu komme, dass die Mitarbeit an einem Online-Lexikon wohl immer einen bestimmten Typ Mensch anziehe.

Ausserdem sei das Lexikon gar nicht so dringend auf neue Autoren angewiesen, sagt Lantus. Heute gebe es Programme, die Einträge automatisch aktualisieren; Programme, die Vandalismus erkennen und ausmerzen. «Die Technik wird immer besser. Bald wird vieles von selber laufen.»

Ein weiterer Superlativ: Wikipedia, das erste Lexikon, das von Computern mitgeschrieben wird.

*Pseudonyme in Wikipedia. Die beiden wollen anonym bleiben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.10.2015, 22:55 Uhr

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