Der Stoff, der uns zusammenhält

Seit TV-Empfang auch via Internet möglich ist, schwindet die Bedeutung des Fernsehens als Leitmedium für Information und Unterhaltung.

Als das Fernsehen noch die Familie versammelte: TV-Konsum in den 50er-Jahren. Foto: National Archives and Records Administration

Als das Fernsehen noch die Familie versammelte: TV-Konsum in den 50er-Jahren. Foto: National Archives and Records Administration

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Es tönt fast ein bisschen verzweifelt. «Kampf der Orchester» heisst die neue Musikshow des Schweizer Fernsehens, in der ab November acht Blasmusikformationen mithilfe prominenter Teammitglieder, moderiert von Sven Epiney und Nicole Berchtold um Sieg oder Niederlage kämpfen. «Wir blasen euch weg», lautet die Unterzeile der stolzen Ankündigung, die das SRF gestern verschickte. Zu hoffen bleibt, dass das nicht wörtlich zu nehmen ist. Sonst schaltet sich am Ende gar niemand mehr zu.

Die Fernsehbranche steht vor einem gravierenden Umbruch. Seit der TV-Empfang auch via Internet möglich ist, verschwimmt die Vorstellung davon, was Fernsehen genau ist. Jeder hat irgendwo einen Bildschirm, mit dem er via Internet Fernsehprogramme empfangen kann. Niemand muss mehr um halb acht zu Hause sein, um sich die «Tagesschau» anzusehen oder den Videorekorder zu programmieren – schliesslich lässt sich alles zeitversetzt ansehen. Und wer ohnehin schon immer am Programmangebot zweifelte, kann sich heute sein eigenes zusammenstellen.

Für das Fernsehen bedeutet das, dass seine Vormachtstellung als Zentralorgan der Informationsgesellschaft zu Ende geht. Jahrelang versammelte das Fernsehgerät Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft und Bildung zu festgelegten Zeiten vor dem Gerät. Alle konsumierten dieselben Informations- und Unterhaltungssendungen, über die dann am nächsten Tag in der Kantine, vor dem Kaffeeautomaten oder in der Beiz gesprochen wurde. Das kollektive Fernseherlebnis gehörte zum Selbstverständnis von Herr und Frau Schweizer wie der Kirsch zum Fondue.

Der Druck auf die SRG steigt

Das ist heute vorbei. Seit dem Jahr 1999 ist die Zuschauerquote der Hauptausgabe der «Tagesschau» um mehr als ein Viertel eingebrochen. Neben dem «Tatort» am Sonntagabend oder sportlichen Grossereignisse wie der Fussball-Weltmeisterschaft gibt es kaum mehr Fernsehsendungen, die die Nation zur gleichen Zeit und in Scharen vor dem Gerät versammeln. Verloren geht dabei nicht nur das Wirgefühl, verloren geht zunehmend auch der Wille, ein Programm zu finanzieren, mit dem man sich nicht mehr identifiziert.

Damit kommen auch Anbieter wie die SRG unter Druck. Schon heute wechseln die meisten TV-Konsumenten nicht mehr nur linear zwischen den Kanälen, sondern zappen dank Youtube, Apple TV und Streamingdiensten wie Netflix kreuz und quer durch die Zeit und über die Landesgrenzen hinweg. Das spiegelt sich in den Wachstumsraten neuer digitaler Sparten im Medienkonsum – etwa Video-on-Demand und Streaming, beides Formen digitaler Onlineabrufe. Laut dem Schweizerischen Videoverband hat etwa der Umsatz mit Video-on-Demand in den letzten zwei Jahren von 36,7 auf 46,1 Millionen Franken zugenommen.

Seit Jahren sucht die SRG nach Strategien, auf diesen Wandel zu reagieren, mit zeitversetztem Fernsehen und Podcasts, mit einem eigenen, im Internet abrufbaren Sendearchiv und einem Online-Newsangebot. Allerdings mit bescheidenem Erfolg. Erst sechs Prozent der Zuschauer konsumieren die Inhalte des SRF zeitversetzt über dessen Videoportal. Die Ausgaben der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens werden dort im Schnitt nicht mehr als etwa 6000-mal per Internet abgerufen.

Der Druck auf die SRG steigt. Im Brennpunkt stehen die 1,3 Milliarden Radio- und Fernsehgebühren – und damit die Frage nach dem Service public. Gerade wird im Parlament eine Gesetzesrevision diskutiert, die alle Haushalte und Firmen zu einem Beitrag verpflichten würde – unabhängig davon, ob sie ein Empfangsgerät besitzen oder nicht. Der geplante Systemwechsel könnte dazu führen, dass das Schweizer Stimmvolk letztlich darüber abstimmen müsste, ob man sich ein nationales Fernsehprogramm überhaupt noch leisten will. Und wenn ja, was der Service public bieten sollte.

Die Jungen wandern ab

«Wir sind Teil der Realität und des Selbstverständnisses dieses Landes», gab sich Fernsehdirektor Ruedi Matter im «Blick»-Interview gestern überzeugt. Die Frage ist, wie lange dies noch so sein wird. Dem «Media Use Index 2014» nämlich ist zu entnehmen, dass das Schweizer Fernsehen für die Bevölkerung über 30 zwar tatsächlich noch zu den Top 5 der wichtigsten Medienmarken gehört – nicht aber bei einem jüngeren Publikum, das lieber auf Youtube, Google, Wiki­pedia oder Whatsapp zurückgreift, um sich zu informieren.

Auf die entscheidende Frage, wie man die Menschen auch in Zukunft ans alte Fernsehen mit seinem festen Programm zu binden gedenkt und inwiefern dieses Programm dem Angebot der Konkurrenz überlegen sein soll, gibt es bislang keine überzeugenden Antworten. Experten sagen zwar voraus, dass die sogenannten Leuchtturmmarken, jene Anbieter mit hohen Marktanteilen und grosser Reichweite wie die SRG, in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden. Das kommt allerdings nicht ganz gratis. Gerade weil sich das Angebot laufend vervielfältigt, schauen die Konsumenten gezielter und selektiver fern und setzen sich intensiver mit den Inhalten auseinander. Damit steigen Qualitätsansprüche und die Erwartungen an die Vertrauensmarken kontinuierlich – die Diskussion darum, was wir unter Service public und Qualitätsfernsehen verstehen ist eröffnet. Und «Kampf der Orchester» wird kaum die Antwort sein.

(Erstellt: 19.09.2014, 07:51 Uhr)

Das muss man über Netflix wissen

Nach den Nachbarländern Deutschland, Frankreich und Österreich mischt der US-Videodienst Netflix jetzt auch den hiesigen Markt auf. «Grüezi! Netflix ist jetzt auch in der Schweiz», schrieb der Videostreamingdienst gestern kurz nach Mitternacht auf Twitter.

Mit 50 Millionen Abonnenten, davon 35 Millionen in den USA, ist Netflix gemäss eigenen Angaben der weltweit grösste Internet-TV-Anbieter. Das Unternehmen war bis vor wenigen Jahren bloss eine Videothek, heute produziert Netflix sogar eigene Serien.

Im ersten Halbjahr machte das Unternehmen 2,6 Milliarden Dollar Umsatz und 124 Millionen Gewinn.

In der Schweiz kostet das billigste Abo 11.90 Franken pro Monat. Wer hochaufgelöste Bilder (HD) will, zahlt einen Franken mehr und kann dafür die Inhalte auf zwei Bildschirmen gleichzeitig schauen. Für Familien sind Abos mit bis zu vier Geräten erhältlich. Jeder Nutzer erhält dafür ein eigenes Profil, das die jeweiligen Vorlieben speichert.

Praktisch ist, dass man einen Film auf dem Wohnzimmer-TV stoppen und nachher im Bett auf dem iPad an der gleichen Stelle weiterschauen kann. Der erste Monat ist für alle Nutzer gratis, danach kann man den Vertrag jederzeit online kündigen.

Zum Start hat Netflix keine Angaben zur Zahl der verfügbaren Filme und Serien gemacht. Auf Italienisch ist derzeit noch gar nichts im Angebot. Wann das nachgeliefert wird, ist offen.

Voraussetzung für hochaufgelöste Bilder (HD) ist eine Internetleitung mit mindestens 5 Megabit pro Sekunde Geschwindigkeit. Für Ultra-HD, das mehr als die doppelte Auflösung von HD hat, sind bis zu 15 Mbit/s nötig. Netflix hat keinen Offlinemodus, man braucht also zwingend eine Internetverbindung, um ein Video abzuspielen. (aba/SDA)

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