Der Tag, an dem der Aargauer Samurai starb

Am 24. August vor zehn Jahren starb der Schweizer Kampfsport-Superstar Andy Hug. Kaum ein anderer Sportler hat die Martial-Arts-Szene so geprägt wie er. Ein Rückblick auf ein Leben, das sich wie das Skript eines Hollywood-Blockbusters liest.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In Japan kennt ihn jeder. Den Mann aus dem Westen, der es geschafft hat, zur Ikone des asiatischen Kampfsports zu werden. Sein Name: Andy Hug. Der Metzger, der im Aargau aufwuchs und sich zum besten Kickboxer der Welt hochkämpfte, starb vor zehn Jahren. Auch lange nach seinem Tod ist sein Einfluss auf den Kampfsport gross.

1964 in Zürich geboren, wuchs Hug zusammen mit Bruder und Schwester bei seinen Grosseltern in Wohlen AG auf. Seinen Vater, einen Fremdenlegionär im Dienste Frankreichs, hatte er nie zu Gesicht bekommen, er starb unter mysteriösen Umständen in Thailand. Hugs Mutter musste arbeiten und hatte wenig Zeit für die Kinder. Bei seinen Grosseltern fand Hug seine Heimat in ärmlichen Verhältnissen ohne Dusche, Bad oder warmes Wasser, wie er in einem Interview sagt. Seine Geschwister nannten ihn als Kind gelegentlich den «kleinen dicken Professor», weil er leicht rundlich und sehr nachdenklich war.

Karatetraining zum Geburtstag

Doch die sportlichen Ambitionen des kleinen Pummelchens zeigten sich früh: Im Alter von sechs Jahren fing er mit Fussballspielen an, schaffte es später gar in die Schweizer U-16-Auswahl. Doch als er mit 11 einen Freund zum Karatetraining begleitete, entdeckte er seine grösste Faszination: den Kampfsport. Zu seinem nächsten Geburtstag wünschte er sich von seinen Grosseltern die Erlaubnis, selbst ins Karate-Training gehen zu dürfen. Zwei Jahre später war er bereits Schweizermeister seiner Kategorie und hatte zahlreiche Turniere gewonnen. Weil die Grosseltern das Geld nicht hatten, um Hug beide Trainings zu finanzieren, musste er sich zwischen Fussball und Karate entscheiden. Die Sache war schnell klar. Das Nachwuchstalent kam mit 16 Jahren in die Nationalmannschaft des Vollkontakt-Karate.

In seiner Pubertät galt er als harter Strassenkämpfer, aber auch als Party-Löwe. Er verkehrte in Jugendgangs, klaute ab und zu und drohte, vom rechten Weg abzukommen. Doch Hug war der Sport wichtiger und er trainierte mit eiserner Disziplin. Er begann eine Metzgerlehre, nahm an vielen Turnieren teil und machte mit Siegen auf sich aufmerksam. In der Karateschule konnte man ihm bald nichts mehr beibringen. Also gründete er mit 17 einen eigenen Karate-Club in Bremgarten.

Asiaten waren verblüfft

1983 nahm er erstmals an der Karate-WM teil, kämpfte sich unter die besten 20. Seine Stärken zeigten sich da bereits deutlich: kaum voraussehbare, schnelle Angriffe und ein kräftiger High-Kick, den er mit beiden Beinen ausführen konnte.

Nach Abschluss der Lehre nahm er eine Stelle in der Grossschlächterei Wohlen in Angriff. Zwei Jahre später wurde das Arbeitsverhältnis jedoch aufgelöst, zu häufig war Hug wegen Turnieren abwesend oder verletzt.

1987 dann der Durchbruch: Hug schaffte es an der WM bis ins Finale. Und das als Nicht-Asiate. Die Karate-Welt war verblüfft – obwohl Hug das Finale nach Punkten verlor. Im gleichen Jahr lernte Andy Hug seine spätere Ehefrau Ilona, Fitnesstrainerin und Model, kennen.

K1 als Paradedisziplin

Sportlich stand Hug 1991 an einem Wendepunkt: Im Finale der WM musste er sich geschlagen geben. Hug glaubte an Manipulation, wollte den Kampfsport an den Nagel hängen. Doch es kam anders. Förderer konnten ihn dazu überzeugen, ins Profilager zu wechseln. Das zahlte sich aus: 1992 wurde er der erste nicht-asiatische Weltmeister im Vollkontakt-Karate.

Doch Hug war noch längst nicht auf seinem Höhepunkt. Die Erfindung des Kampsports K1 im Jahre 1993, welche Karate-, Kung-Fu- und Kempo-Kämpfer mit Kickboxern vereinte, sollte die Karriere Hugs besiegeln. Mit K1 wurde eine Mischung geschaffen, die ihm wie auf den Leib geschneidert schien. In den nächsten Jahren sollte er die Sportart entscheidend prägen. 1996 erkämpfte sich Hug den Grand Prix des K1, indem er drei Siege an einem Nachmittag errang. 1997 und 1998 schaffte er es jeweils auf Platz 2.

«Ziemlich wehleidig»

Hug lebte nun mindestens zehn Monate pro Jahr in Japan und bestritt bis zu acht Wettkämpfe. Auch an einer Kampfmaschine wie ihm ging das nicht spurlos vorbei: Der 1.80-Meter-Mann mit 98 Kilo Kampfgewicht lag nach Turnieren tagelang mit Schmerzen im Bett, war sichtlich gezeichnet. «In diesen Phasen bin ich ein ziemlich wehleidiger Typ», sagte er 1999 gegenüber der Zeitschrift «Sport». «Ich lecke dann meine Wunden und pflege meine Bobos. Dann ist es vorbei mit dem harten Hund.» Dennoch: In seiner Karriere ging Hug nur sechsmal K.o. 21 Mal war er es hingegen, der den Gegner ausknockte. «Ich habe früh kämpfen gelernt, mir ist nie etwas geschenkt worden, mein ganzer Lebensweg war ein Fight», sagte er 1999 gegenüber derselben Zeitschrift.

«Big in Japan»

Sein Erfolg in Japan ist unvergleichlich. Erst wehrten sich die Japaner gegen ein neues Gesicht im Vollkontakt-Karate. Sie stellten Hug grössere und schwerere Gegner vor die Nase. Doch Hug schaltete sie alle aus. Er zeigte Beständigkeit, trat immer wieder an. Mit seinem Ehrgeiz und seinem Willen vermochte er die Asiaten nach und nach zu beeindrucken. Und wurde so zum japanischen Idol, indem er die Tugenden der alten Samurai – Bescheidenheit, Disziplin, Wille und Durchhaltevermögen – lebte. 70'000 Menschen sassen in den Rängen, wenn er kämpfte – heute schauen bei K1-Kämpfen noch rund 20'000 zu.

Schon zu Lebzeiten entstand eine Manga-Biografie von Andy Hug. Sie wurde millionenfach verkauft. 1999 galt er für die jungen Japaner zwischen 12 und 14 als berühmtester Ausländer des Jahres. Sport-Kommentatoren sollen in Tränen ausgebrochen sein, als sie vom Tod Andy Hugs erfahren haben.

Auf dem Weg ins Filmbusiness

Doch Hug blieb bescheiden, auch wenn er als Profi die Höhe seiner Gage von rund 50'000 Franken auf bis zu einer halben Million steigern konnte. Vermutungen, er sei ein Multimillionär, widersprach Hug aber konsequent. Neben seiner Villa am Vierwaldstättersee waren seine Residenzen in Japan eher bescheiden. Die Familie Hug wohnte zeitweise an drei Orten.

Am 24. August 2000 starb Andy Hug überraschend an den Folgen von Leukämie. Bis kurz vor seinem Tod hatte er nichts von seiner Erkrankung gewusst. Er stand kurz davor, ins Filmbusiness einzusteigen, war bereits im Gespräch mit Hollywood. Doch ein Actionheld ist er auch so geworden, für all seine Fans, die ihn noch heute verehren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.08.2010, 17:22 Uhr

Andy Hug in Aktion: Er war eine Ikone des Kampfsports.

Hugs berühmt-berüchtigte Waffe: der Andy-Kick.

Artikel zum Thema

Andy Hugs Kick ist nicht vergessen

Vor zehn Jahren erlag die Schweizer Kampfsport-Legende seinem Krebsleiden. Durch den Andy-Kick ist er aber bis heute in den Kampfringen präsent. Mehr...

Schweizer Firma verfilmt Andy Hugs Leben

Andy Hug ist eine der grössten Schweizer Sportler-Legenden. Nun soll sein Leben in Hollywoodmanier verfilmt werden. Mehr...

Blogs

Sweet Home Zeit, sich ums Esszimmer zu kümmern

Tingler Schreiben Sie Tagebuch?

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...