Analyse

Der Tanz um die Schweizer Singles

Das Januarloch scheint die grossen Dating-Agenturen nicht zu kümmern. Momentan werden Hunderttausende von Franken für die Dauerwerbeberieselung für Singles investiert. Das ist kein Zufall.

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Es gibt kein Entkommen, sie sind überall. Beim Bahnhof im Riesenformat, auf dem Weg zum Einkaufen an der Plakatwand oder abends im Schweizer Fernsehen strahlen sie uns entgegen: Singles, die via Internet ihre grosse Liebe suchen oder – Singlebörse sei Dank – schon gefunden haben. Und das derzeit auffallend oft.

Die grossen Dating-Agenturen scheinen ihr Budget momentan mit beiden Händen auszugeben. Überall Werbung von Parship, ElitePartner, eDarling, be2 oder wie sie alle heissen. Das kostet. Für einen 20-Sekundenspot vor der heutigen Abend-«Tagesschau» beispielsweise müssten die Firmen 9208 Franken auf den Tisch legen. Welche Agentur wie viele Spots auf SF schaltet, konnte der Verantwortliche von Publisuisse, Peter Kaufmann, zwar nicht bekannt geben. Momentan seien jedoch in den Abendprogrammen der einzelnen TV-Programme querbeet Kampagnen verschiedener Singlebörsen zu sehen.

Januar ist «Wintimacy»-Zeit

Die Zahl der Singles in der Schweiz steigt kontinuierlich, das belegt eine repräsentative Befragung der Online-Partneragentur Parship.ch. 23,2 Prozent der Bevölkerung ist alleinstehend. Doch warum kommt die Werbeattacke ausgerechnet jetzt? «Die Zeit nach Weihnachten und in den Januar hinein ist für das Thema Partnersuche besonders wichtig», weiss Stella Zeco von Parship, der grössten Dating-Agentur der Schweiz. Viele Menschen hätten gerade in dieser Zeit verstärkt den Wunsch nach einer neuen Beziehung. «Deshalb sind wir zurzeit im TV, um die Möglichkeiten der Partnersuche, wie wir sie bieten, einem noch breiteren Userkreis bekannt zu machen.» Auch andere Anbieter im Bereich der Online-Partnersuche oder des Online-Datings haben ihre Werbeaktivitäten in diesem Zeitraum verstärkt. Der Januar ist also einer der wichtigsten Monate für die Branche. ElitePartner hat für dieses Phänomen gar einen Begriff: «Wintimacy». Ein Mix aus den Wörtern Winter und Intimacy, was auf Englisch Nähe bedeutet.

So ist auch ElitePartner «mit einem enormen Mediendruck angetreten», so die Medienverantwortliche Anna Kalisch zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Mit TV- und Radio-Spots sei man quer durch alle Sender auf ausgewählten Sendeplätzen zu sehen und zu hören gewesen. Auch die Agentur eDarling hat vor vier Wochen eine TV-Kampagne gestartet, die erste grosse in der Schweiz, sowohl bei SF als auch bei privaten Sendern. «Das Bruttomediavolumen der aktuellen Kampagne liegt im hohen sechsstelligen Bereich», sagt David Khalil, Geschäftsführer von eDarling. Den Konkurrenzkampf mit anderen Dating-Agenturen sehen sowohl Stella Zeco, als auch David Khalil gelassen. Allgemein betrachtet helfe der Werbedruck der verschiedenen Anbieter, das Thema Online-Partnersuche noch stärker in den Fokus der Menschen zu rücken, so Zeco. Das helfe allen im Markt.

«Ruinöse Werbeschlacht»

Dass Singles derzeit medial so umschwärmt werden, ist auch Daniel Baltzer vom Portal Singlebörsen-Vergleich für die Schweiz aufgefallen: «Die grossen Dating-Agenturen schalten momentan sehr aggressiv TV- und Plakatwerbung. Eine hat vor Jahren damit angefangen und nun gibt es eine recht ruinöse Werbeschlacht, da sich keiner zurückziehen möchte.» Es sei jedoch fraglich, ob sich TV-Spots oder Plakatkampagnen lohnen. David Khalil von eDarling pflichtet dem bei. Kurzfristig seien teure Kampagnen für die Agentur tatsächlich nicht wirtschaftlich. «Wir wollen jedoch auch in 20 Jahren Paare über unseren Service zusammenbringen. Über solche Zeiträume gerechnet, lohnen sich diese Investitionen für uns.»

Auch immer mehr kleinere Agenturen drängen in letzter Zeit auf den Markt. Für diese sieht Daniel Baltzer vom Singlebörsen-Vergleich jedoch wenig Chancen. «Der Markt ist von den zehn grössten Dating-Agenturen bestimmt.» Für kleine Agenturen lohne es sich nicht, ins Geschäft einzusteigen. Ausser, sie würden sich spezialisieren oder fänden einen Weg, ohne teure Werbung genügend Aufmerksamkeit zu bekommen. «Wahrscheinlich wird sich die intensive Offline-Werbung langfristig nur für die zwei oder drei Dating-Agenturen auszahlen, die den Kampf um Marktanteile gewinnen und dann mehr oder weniger konkurrenzlos Geld verdienen können.»

Gute Noten für Singlebörsen

Dating-Agenturen versprechen hohe Trefferquoten und können sich über steigende Mitgliederzahlen freuen. Doch wie kommt es, dass immer noch jeder Vierte in der Schweiz Single ist und der Prozentsatz steigt? Versprechen die Agenturen mehr als sie halten? Daniel Baltzer winkt ab. «Die grossen Singlebörsen machen ihren Job bezogen auf die angebotene Dienstleistung unwahrscheinlich gut.»

Auch Stella Zeco von Parship lässt den Vorwurf nicht gelten. Die Menschen seien je länger je mehr beruflich eingespannt, was sich auch im Privatleben bemerkbar mache. Sprich: Es gibt immer mehr Singles. Gleichzeitig habe die Onlineaffinität der Menschen rapide zugenommen. Anna Kalisch von ElitePartner sieht dies ähnlich. «Es findet ja bereits jeder fünfte deutschsprachige Internetnutzer seinen Partner online.» Allerdings unterlägen Beziehungen heutzutage einer Fluktuation, Paare blieben nicht mehr ein Leben lang zusammen und so erlebe man heute verschiedene Singlephasen, ob mit 25 oder 55 Jahren.

Die Online-Partnersuche ist also kein Nischenphänomen mehr, sondern von der Gesellschaft breit akzeptiert. «Wir sind davon überzeugt, dass wir erst am Anfang der Entwicklung der Partnersuche im Internet stehen», so Zeco. Und deshalb ist der Kampf um die Schweizer Singles nun endgültig lanciert, besonders jetzt in der «Wintimacy»-Zeit.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.01.2011, 14:25 Uhr

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Die Zahl der Singles in der Schweiz steigt kontinuierlich, das belegt eine repräsentative Befragung der Online-Partneragentur Parship.ch. 23,2 Prozent der Bevölkerung ist alleinstehend. Am höchsten ist die Single-Dichte mit 26,5 Prozent in der Region Bern. Dann folgt Zürich mit 24,9 Prozent. Über die Hälfte der Singles ist bereits seit mehr als drei Jahren Single. Bei den Single-Frauen ist das sogar bei 60,1 Prozent der Fall. Allerdings hat ein Drittel dieser Frauen keinen Wunsch nach einer neuen Partnerschaft. Frauen bemängeln, dass es an passenden Gelegenheiten fehlt, einen neuen Partner zu finden. 45,3 Prozent der Männer geben ihre Schüchternheit als Grund für die schwierige Partnersuche an.

Singlebörsen im Vergleich

Bei den vielen Singlebörsen ist es schwierig, den Überblick zu behalten. Die Website Singlebörsen-Vergleich für die Schweiz testet die verschiedenen Dating-Agenturen regelmässig.
www.singleboersen-vergleich.ch

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