«Der Vater muss seinen Platz wiederfinden»

Der Psychoanalytiker Alain Valterio diagnostiziert einen verbreiteten Therapiewahn, der die Gesellschaft vergifte.

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«Der Vater ist tot, das Kind ist König.» So könnte man die Analyse in Ihrem Buch zusammenfassen. Was ist in der Erziehung passiert?
Ich stamme aus einer Generation, die sich als Opfer einer repressiven judäisch-christlichen Kultur verstanden hat – vor allem im Bereich der Sexualität. Ich glaube nicht, dass diese Kultur noch über Einfluss in der Gesellschaft verfügt. Es dominiert die Kultur der Therapie, die Mitgefühl über alles setzt und pathologisch geworden ist. Ich nenne sie «psychiatrische Neurose» oder «Psyrose».

Sie selber sind ja auch Therapeut.
Ja, aber ich beklage, dass die Therapiekultur die Kliniken und Praxen verlassen hat und die Mentalität in allen Lebensbereichen vergiftet. Den grössten Einfluss hat die «psychiatrische Neurose» in der Erziehung. Der heute praktizierte Erziehungsstil ist pathologisch.

Inwiefern?
In den 1970er-Jahren galt das Verbot als Ursache aller Pathologien. Autorität wurde mit Misshandlung gleichgesetzt. Die Autoritäten mussten gestürzt werden. Und die Urform der Autorität ist der Vater. Der Vater musste sich in den «neuen Vater» verwandeln. Der «neue Vater» erzieht das Kind mit weniger Autorität. Verbote gelten nicht mehr den Kindern, sondern den Eltern. Diese dürfen nicht bestrafen, nicht streng sein.

Sie sind auch als Supervisor in Bildungsinstitutionen tätig. Gibt es dort ähnliche Tendenzen?
Natürlich. Die Erzieher halten sich bei Interventionen zurück, weil die Psychologen das Suizidrisiko derart stark in den Vordergrund rücken. Es ist nicht mehr erlaubt, einen Suizidversuch nicht nur als Hilfeschrei, sondern auch als Form der Erpressung zu sehen. Ich erinnere mich an ein Heim, wo die Kinder bei jeder Bemerkung der Erzieher so taten, als ob sie sich gleich die Pulsadern aufschneiden würden. Die Erziehung im Zeichen der «Psyrose» sorgt dafür, dass aus jugendlicher Aufmüpfigkeit stets ein klinischer Fall zu werden droht.

Sie waren Teil der 68er-Bewegung. Haben Sie die Befreiung von den Autoritäten nicht genossen?
Meine Generation hat daran geglaubt. Ich habe sogar meine Diplomarbeit an der Universität Genf über den «neuen Vater» geschrieben. Aber bereits damals hatte ich den Verdacht, dass sich manche Männer vor der beruflichen Realität in die Vaterrolle flüchteten.

Hatte das nicht eher mit dem Anspruch der Frauen zu tun, einen Teil der Hausarbeit abzugeben?
Es war beides. Ich selber war ein «neuer Vater». Ich habe mein Pensum als Lastwagenfahrer und später als Leiter einer Bildungsinstitution nach der Geburt der Kinder reduziert. Oft habe ich die Kinder ins Büro mitgenommen, während ihre Mutter studiert hat.

Und jetzt sind Sie konvertiert?
Ich bin konvertiert aufgrund der Erkrankung der Gesellschaft an «Psyrose». Sie ist dem Wahn verfallen, die Nähe des Vaters zu den Kindern sei für diese essenziell. Meine Überzeugung ist: Der Vater muss Distanz zu den Kindern bewahren. Natürlich darf er mit den Kindern spielen, er sollte es aber nicht zu oft tun.

Warum nicht?
Das Kind braucht eine Bezugsperson, die anders ist als die Mutter. Der Vater sollte nicht eine Art zweite Mutter sein. Der Vater muss dem Kind die Tür zur Aussenwelt öffnen.

Und Sie glauben, dass der Vater «der grosse Schweigende» sein soll, wie Sie in Ihrem Buch schreiben?
Natürlich haben die Männer gelitten, die sich bei mir über unzugängliche Väter beklagen. Aber ich sage solchen Klienten jeweils: «Sie hat das ja stark gemacht. Sie haben etwas erreicht.»

Gerade in der Pubertät ist es aber doch wichtig, dass ein Jugendlicher mit dem Vater streiten kann.
Die «Psyrose» will aber keinen Vater, der mit dem Sohn kämpft. Dem Vater wird heute oft vorgeworfen, dass er nicht wie die Mutter sei. In 30 Jahren therapeutischer Tätigkeit habe ich noch nie einen Klienten erlebt, der Gutes über seinen Vater gesagt hätte. Meist heisst es: «Mein Vater hat mir nie gesagt, dass er mich liebt. Er hat nie Fussball gespielt mit mir. Er war nicht nett zu meiner Mutter.» In solchen Vorwürfen wird dem Vater indirekt stets vorgeworfen, er sei nicht gleich wie die Mutter.

Aber es ist ein kindliches Bedürfnis, dass sich die Eltern vertragen.
Das sagen zumindest meine Klienten. Solche Aussagen sind geprägt von der Mutter: Sie verlangt vom Vater, dass er dem Kind dieselbe Aufmerksamkeit schenkt wie sie selber. Eigentlich geht es aber um etwas anderes, nämlich darum, dass die Mutter den Eindruck hat, ihr Mann schenke ihr zu wenig Aufmerksamkeit. Sie projiziert dieses Bedürfnis auf das Kind. Daher glaubt man heute, dass man einem Kind das Gefühl geben muss, es sei wichtig.

Was soll falsch an dieser Haltung sein?
Jeder Schauspieler und Sportler meint, in Interviews seine Kinder erwähnen zu müssen. Für dieses Phänomen habe ich den Begriff der «pedolâtrie» geschaffen. Wer ist das erste Opfer dieser Fixierung? Das Kind selber, das diese übertriebene Aufmerksamkeit schlecht erträgt. Die Gefahr ist gross, dass es dadurch zum Narzissten wird. Es wird immer um Aufmerksamkeit kämpfen. An einem Kongress über kindliche Schlafstörungen hat ein Vater erzählt, dass er seinem Kind jeden Abend eine Geschichte erzählen müsse, weil das Kind nachts sonst jede Stunde erwachen würde.

Aber Alltagsrituale sind doch wichtig für ein Kind?
Das war kein Einschlafritual, das war Erpressung. Viele Kinder üben eine für beide Seiten ungesunde Macht über ihre Eltern aus – und alle denken, das müsse so sein. Ich riet dem Vater, er solle während der Ferien keine Geschichte mehr erzählen. Er sagte mir danach, es habe geklappt, das Kind sei nicht mehr erwacht in der Nacht. Dafür habe er Streit mit seiner Frau gekriegt. Sie war Psychologin.

Was sagen Sie Eltern, die aus Verzweiflung Ihre Kinder in die Therapie schicken wollen?
Ich sage ihnen: «Ich will nicht Ihr Kind sehen, sondern Sie.» Das Problem in der Erziehung ist, dass die Mutter diktiert, wie sich der Vater verhalten soll. Und die Mutter will ihn als zweite Mutter. Der Vater muss seinen Platz wiederfinden. Die Rolle der Psychologen sollte es dabei sein, Eltern und Erziehern wieder das Recht auf Autorität zurückzugeben, das sie ihnen genommen haben.

Der Vater soll sich vom Kind distanzieren?
Genau. Telemach hat seinen Vater Odysseus zwanzig Jahre lang nicht gesehen und ist trotzdem ein Held geworden.

Ist das wirklich Ihr Idealbild?
Nein, ich stelle nur fest: Die Therapiekultur ist überall. Sie findet sich in der Sprache, in der Erziehung, in der Bildung und sogar in der Wirtschaft. Als Jungianer suche ich Mythen, die unsere Gesellschaft prägen. Der Mythos des Patriarchats ist tot. Er ist ersetzt worden durch den Mythos des «guten Therapeuten», durch den Glauben, dass ein Kind mit Psychologie erzogen werden könne.

Es gibt zu viele Therapien und zu wenig Bestrafung?

Als Psychoanalytiker ist es nicht meine Aufgabe, zu sagen, was man tun sollte. Ich gehe vielmehr den Ursachen der aktuellen Neurosen auf den Grund. Ich will nicht das Patriarchat wieder einführen.

Sie bedauern aber doch ein wenig, dass es zusammengebrochen ist.
Nicht wirklich. Mein nächstes Buch wird die Rolle der Männer beleuchten. Die Männer haben heute das Gefühl, sie müssten ein guter Ehemann und ein guter Vater sein, um als guter Mann zu gelten. Die Männer haben die Orientierung und ihre Würde verloren. Ich bin überzeugt, dass noch viel mehr junge Männer aus dem Westen sich dem Islamischen Staat anschliessen werden. Das Einzige, was man heute von einem Knaben noch erwartet, ist, dass er nett zu den Mädchen ist. Eine Erziehung, die auf die Bedürfnisse der Knaben zugeschnitten ist, gilt heute als tabu.

Sie möchten wieder Initiationsriten?
Nein, es geht nicht darum, die Initiationsriten wiederzubeleben. Man nennt heute aber oft Gewalt, was eigentlich Initiations­ritus ist – in den Schulen und anderswo. Es gibt heute keinen Vater mehr, der einem Jungen sagt, dass er genügend Kraft hat, um das Leben zu ertragen.

Und Sie glauben, dass junge Männer zum Islamischen Staat gehen, weil ihnen die Initiationsriten fehlen?

Diese jungen Männer wollen auf die Probe gestellt werden. Die heutige Erziehung beschützt und stellt nicht mehr auf die Probe. Es gibt heute viele Eltern, die ihre Kinder nicht mehr in ein Internat schicken wollen, weil ihr Kind das angeblich nicht ertragen könnte. Es gibt 14-Jährige, die man wegen Liebeskummer zum Psychiater schickt. Hinter alldem steckt die Angst vor einem Suizid.

Und diese beschützten Kinder werden gewalttätig?
Das Hauptproblem ist nicht mehr die Gewalt der Eltern gegen die Kinder, sondern die Gewalt der Kinder gegen die Eltern. Ich hatte viele Fälle von Vätern, die zu Unrecht der Gewalt gegen ihre Kinder beschuldigt wurden. Ich sage nicht, dass es keine Gewalt gegen Kinder mehr gibt. Aber es gibt viel mehr misshandelte Eltern als misshandelte Kinder.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2015, 18:28 Uhr

Alain Valterio

Vom Monteur zum Therapeut

Alain Valterio (63) arbeitet in Sion in eigener Praxis als Psychotherapeut. Er war als Monteur von Hochspannungsleitungen tätig, später als Lastwagenfahrer. Danach studierte er Psychologie und bildete sich in Zürich am C.-G.-Jung-Institut zum Psychoanalytiker weiter. Valterio bezeichnet sich als atypischen Therapeuten, der seinen Klienten schmerzhafte Konfrontationen zumutet. Valterios Buch «Névrose psy, les effets de la psychologisation sur les mentalités» hat in der Westschweiz hohe Wellen geworfen. Valterio ist in zweiter Ehe verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder. (mmw)

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