Porträt

Der Zauberlehrling

Oswald Oelz blickt in seinem neuen Buch auf sein Leben als Arzt und Bergsteiger zurück. Es ist ein Leben, in dem er mit seinem Ehrgeiz viel mehr erreicht hat, als er selbst für möglich gehalten hatte.

«Die Überwindung der Angst ist eine Droge.» Oswald Oelz.

«Die Überwindung der Angst ist eine Droge.» Oswald Oelz. Bild: Dominique Meienberg

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Herr Oelz, würden Sie alsBergsteiger und Arzt dem Patienten Oswald Oelz Bergsteigen und Klettern als Therapie verschreiben?
Sicherlich. Denn das ist eine Möglichkeit, um mit dieser Plastikwelt fertigzuwerden. Bis vor gar nicht allzu langer Zeit hing auch bei uns in Zentraleuropa, in der «zivilisierten Welt», das Überleben von der körperlichen Leistungsfähigkeit ab. Man musste einer Natur, die sich wehrt, Nahrung abringen, war auf der Jagd, musste sich gegen Feinde verteidigen. Man war dauernd auf den Beinen, um zu überleben. Davon hat uns die Technik befreit, aber diese Freiheit kettet uns heute an den Computer.

Bergsteigen kann daraus befreien?
Es ist eine Rückkehr in die Urwelt, in der sich unsere Evolution vollzogen hat. Alle Belastungen des modernen Lebens werden irrelevant. Wenn Sie an einem kleinen Griff in der Wand hängen und es nur darum geht, den nächsten Griff zu finden, ist es völlig unwichtig, ob Sie der Chef mag oder nicht. Ihr ganzer Organismus konzentriert sich aufs Unmittelbare, auf die nächsten paar Meter, auf die Frage, ob Ihr Begleiter Sie richtig sichert. Das befreit, die Gedanken fliessen, sie folgen keinem festen Pfad mehr.

Diese Wirkung wird auch beim Drogenentzug eingesetzt.
Genau. Ähnlich hilft der Langstreckenlauf gegen Depressionen. Erhard Loretan hat einmal zwei ehemalige Drogensüchtige durch die Eigernordwand geführt, sie hatten offenbar den Plausch.

Wenn Bergsteigen die Alltagssorgen vergessen lässt, schärft es dannden Blick für das Wesentliche?
Was ist das Wesentliche? Für mich ist schon wesentlich, dass man in dieser Welt funktionieren kann, das ist mir vor allem als Arzt gelungen – das ist mir aber auch deshalb gelungen, weil ich gelegentlich in einer anderen Welt komplett den Kopf ausgelüftet habe.

Hat sich in Ihrem Leben das Wesentliche verschoben?
Ich war immer sehr ehrgeizig, ich bin es heute noch. Dabei habe ich es viel weiter gebracht, als ich es jemals für möglich gehalten hatte.

In jeder Beziehung?
Ja. Ich komme mir vor wie der Zauberlehrling bei Goethe. Nur werde ich am Schluss nicht bestraft.

Das wissen Sie noch nicht.
Das mag sein, aber dann wäre ich selbst dran schuld, weil ich es nicht akzeptieren würde, dass die Dinge endlich sind.

Sie waren Chefarzt, werden als renommierter Bergsteiger bewundert. Wie wichtig ist der Status?
Der ist natürlich wichtig. Ich blicke mit Stolz auf meine Zeit als Chefarzt am Zürcher Triemlispital zurück. Es war eine bewusste Entscheidung, dort noch vor der Pensionierung aufzuhören. Dabei war mir immer klar, dass diese Zeit einmal vorbei sein wird, eine letzte Lebensphase beginnt. Ich rege mich nicht auf über Dinge, die ich nicht ändern kann.

Also regt Sie der Verlust des Status jetzt auch nicht auf?
Der Status als Chefarzt fehlt mir nicht. Ich habe jetzt die schönsten Tiroler Steinschafe der gesamten Schweiz.

Tatsächlich?
Ja, es sind die einzigen. Man muss sich seine Nische suchen. Ich habe eine der besten historischen Bibliotheken zum Alpinismus. Ich halte Vorträge, und wenn die Leute nicht wirklich begeistert sind, höre ich auf.

Mitten im Vortrag?
Das wäre gegenüber jenen unhöflich, die noch zuhören. Es ist mir noch nie passiert. Kürzlich in Österreich endete ein Vortrag vor Monteuren einer Aufzugsfirma mit einer Standing Ovation.

Sie geniessen diesen Erfolg?
Ich liebe ihn!

Welche Hormone spielen bei Herausforderungen am Berg die Hauptrolle? Adrenalin? Endorphin?
Alles zusammen – ein Konzert der Hormone. Ich habe das oft erlebt, am gewaltigsten 1970: Gert Judmaier stürzte beim Abstieg vom Mount Kenia 100 Meter unter dem Gipfel ab; er hatte eine offene Fraktur, ein Stück Schienbein schaute aus der Hose, ein Teil des Knochens lag im Schutt. Keine Chance. Dann erlebte mein Körper einen Sturm, ich sagte mir: «Solange wir leben, kämpfen wir.» Wir brauchten eine Woche, aber wir brachten Gert nach unten. Und mir war danach unerhört wohl, ich hatte weder Schmerzen, Hunger noch Durst, ich habe sieben Tage lang funktioniert. Grossartig!

Ist es ein Kampf mit dem Tod?
Man kämpft gegen das Ende des Lebens. Der Tod ist keine Realität, diesen Typen gibt es nicht. «Vor dem Tod sich fürchten hat keinen Zweck, man erlebt ihn ja nicht, wenn er kommt, bist du weg», das schrieb einst Otto Reutter, ein deutscher Kabarettist aus der Weimarer Republik.

Sie reden gerne davon, intensiv zu leben. Warum erleben Sie gerade die Zeit am Berg so intensiv?
Weil man sich wirklich bewusst wird, was man tut. Man bekommt plötzlich Angst um sein Leben.

Und das macht es lebenswert?
Vor allem wenn diese Momente überstanden sind.

Angstlust?
Ja, die Überwindung der Angst ist eine Droge.

Ist Bergsteigen eine Sucht?
Man muss diese Frage insofern bejahen, weil man das Bergsteigen vermisst, wenn man es länger nicht macht. Das gilt aber auch für andere Tätigkeiten, Essen ist nur eine davon …

Und das Immer-mehr-Wollen?
Natürlich versucht man immer wieder, an seine Grenzen zu gehen. Im Alter kommen einem die Grenzen allerdings immer mehr entgegen. Trotzdem will ich mich auch heute noch nass schwitzen, die Muskeln sollen durchgeknetet sein. Heute erreiche ich das mit einfacheren Mitteln.

Nass geschwitzt vor Anstrengung oder vor Angst?
Vor beidem.

In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie, dass irgendwann im Alter der Uetliberg zur Annapurna-Südwand wird. Ist schwächer werden für erfolgreiche Männer schwierig?
Ich nehme diese Entwicklung zur Kenntnis. Gewisse Servicearbeiten, etwa an den Gelenken, werden nötig. Ich kann nicht mehr so rasch den Bachtel hochgehen wie vor zehn Jahren. Mein Gedächtnis lässt nach – aber das alles habe ich als Arzt bei vielen Patienten erlebt. Ich würde mir ernsthafte Gedanken machen, wenn ich hilfsbedürftig werde, wenn meine Selbstständigkeit in Würde gefährdet ist.

Gibt es ein vorgegebenes Schicksal?
Nein. Natürlich spielt es eine Rolle, in welches Umfeld man hineingeboren ist, welche Gene man mitbekommt, welche Beispiele man in den ersten etwa fünf Lebensjahren erlebt. Das ist prägend, und das kann man nicht beeinflussen. Danach ist man selbst verantwortlich.

Zeigt das Klettern dem Menschen, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist?
Auf jeden Fall. Egal, ob man in den Slums von Dhaka geboren wurde oder mit dem silbernen Löffel an der Goldküste. Man kann es überall nach oben schaffen, nur sind die Rahmenbedingungen enorm unterschiedlich.

Für Sie war das Bergsteigen nienur ein Kampf ums Überleben, für Sie ist Klettern charakterbildend.
Das hat mir meine Mutter beigebracht: «Lerne, dich zu überwinden und anzustrengen.» Ein Arzt kann auch nicht um 18 Uhr die Arbeit beenden, man verlässt einen Patienten erst, wenn er optimal versorgt ist, egal, wie spät es ist.

Also gilt für Berge und Beruf:No pain, no gain?
Ganz genau: Ohne Schmerzen kein Gewinn.

Wenn alle Ängste überwunden sind, das Basislager wieder erreicht ist, dann schreiben Sie in Ihren Büchern vom «wunderbaren Stolz».
Mir ist dann einfach wunderbar wohl. Mit meinen schwachen Kräften habe ich diese Aufgabe gemeistert. Reinhard Karl hat am Everest-Südsattel ein Foto von mir gemacht, ich stehe mit ausgebreiteten Armen da … Das ist es, genau das.

Eine tiefe Erfüllung?
Ein zufriedenes Glück. Alles tut weh, man ist ausgepumpt, man ist einfach glücklich, dass man heil zurück ist.

Wie stark ist der meditative Teil, das Gefühl, inmitten der Bergriesen im Himalaja unendlich klein zu sein?
Manche haben das, ich weniger. Ich geniesse diese einzigartige Bergwelt. Dass ich ein kleiner Wurm bin, das weiss ich – dafür muss ich nicht in die Berge.

Da spricht der kernige Vorarlberger.
Nein, die Einfachheit des Gemüts.

Erstellt: 29.06.2011, 19:54 Uhr

Die Person

Oswald Oelz wurde am 6. Februar 1943 in Rankweil (Vorarlberg) geboren. Nach Studium und Habilitation war Oelz zwischen 1978 und 1991 Oberarzt am Unispital Zürich, von 1991 bis 2006 war er Chefarzt am Zürcher Triemlispital. Gleichzeitig wurde der begeisterte Bergsteiger Oelz einer der besten Höhenmediziner; er war praktisch mit allen grossen Bergsteigern unterwegs, unter anderem 1978, als Reinhold Messner und Peter Habeler erstmals ohne zusätzlichen Sauerstoff den Mount Everest bestiegen. Oelz war der dritte Mensch, der die Sevens Summits schaffte.Er ist verheiratet und wohnt am Bachtelim Zürcher Oberland. (can.)

Das Buch

Oswald Oelz: Orte, die ich lebte, bevor ich starb. AS-Verlag, Zürich 2011. 240 S., 325 Abb. ca. 60 Fr.

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