Interview

«Der frühe Schnee hilft dem Tourismus enorm»

Schweiz Tourismus hat die Wintersaison lanciert. Direktor Jürg Schmid spricht im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet über den Innovationsgeist im Tourismus, die Olympiakandidatur 2022 und mehr.

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Der Wintereinbruch ist dieses Jahr etwas früher gekommen. Welchen Einfluss hat dies auf den Tourismuswinter?
Trotz des ersten Winterschocks bei einigen Leuten hilft der frühe Schnee dem Tourismus enorm. Die Leute nehmen die Winterjacken und Skier hervor. Es kommt eine spezielle Stimmung auf: Man denkt an die Ferien und beginnt, diese zu buchen. Trotzdem: Diese Wintersaison wird erneut nicht einfach sein, aber es gibt Lichtblicke. Wir sind zuversichtlich. (Zahlen siehe Box; Anm. d. Red.)

Rückblick: Schweiz Tourismus, die SBB und der Verband öffentlicher Verkehr lancierten im September ein Herbstangebot, das bald zu Ende ist. Neben Spezialangeboten von Schweiz Tourismus gehörte ein günstiges Kurzzeit-GA für Schweizer Einwohner dazu. Wie ist die Aktion gelaufen?
Die genauen Zahlen werden von den SBB erhoben. Aber ich kann sagen: Wir hatten Erfolg, die Angebote wurden oft gebucht. Mit dieser und der entsprechenden Kommunikation konnten wir sehr viel Zusatzgeschäft generieren. Sicher hatten wir auch Wetterglück, es gab einige traumhafte Herbstwochenenden. Die Leute gingen in Scharen in die Berge, teilweise wie an guten Sommerwochenenden. Ich erhielt Rückmeldungen von Bergbahnen, die sagten, es laufe super. Es sind diesen Herbst mehrere positive Faktoren zusammengekommen, von denen der Tourismus profitiert hat.

Wie hoch war der Schweizer Anteil im bisherigen Herbst?
In dieser Saison kommen die meisten Besucher aus der Schweiz und dem grenznahen Ausland. Herbstausflüge und -wochenenden sind ein typisches Heimmarktgeschäft. Aber auch für die ausländischen Gäste gab es ein ähnliches Spezialangebot wie das Kurzzeit-GA. Der Swiss Pass, ebenfalls ein GA auf Zeit, war während derselben Zeit als 2-für-1-Angebot erhältlich. Auch diese Aktion lief gut und generierte viele Kurzreisen aus dem nahen Ausland.

Der Gästerückgang speziell aus den EU-Ländern ist wegen des starken Frankens besonders hoch. Wie holen Sie die Touristen aus diesen Ländern wieder in die Schweiz?
Wir können nicht einfach auf einen schwächeren Franken warten. Es ist wichtig, hohe Qualität zu bieten, einen guten Job zu machen und flexibel zu sein – etwa mit Spezialangeboten. In vielen EU-Ländern setzen wir ein ganzes Paket von Massnahmen um. Uns kommen sicher noch weitere Faktoren entgegen: Zurzeit finden im Schweizer Tourismus grossmehrheitlich kaum Preisaufschläge statt, weder bei den Bergbahnen noch bei den Hotels. Das führt dazu, dass unsere Preise jährlich um drei bis fünf Prozent attraktiver werden – unter Berücksichtigung der Inflation. Rundherum schlagen die Preise hingegen auf. Ausserdem wird es einen Nachholeffekt geben, der durch die neuerlichen Gästerückgänge entsteht. Wir kämpfen uns Jahr für Jahr zurück.

Viele Schweizer Tourismusregionen kämpften dieses Jahr mit Gästerückgängen. Der Kanton Freiburg hingegen entwickelte sich positiv. Was läuft dort anders?
Der Kanton Freiburg ist eher ein kleiner Kanton, was den Tourismus betrifft. Solche Regionen sind preislich oft sehr attraktiv, weil die grossen Touristenströme noch nicht bei ihnen angekommen sind. Und kleinere Tourismusregionen können mit Innovationen verhältnismässig mehr bewegen. Wenn ausserdem einige neue Hotels eröffnet werden, kann es Gästeverschiebungen zwischen den Kantonsgrenzen geben und der Hotellerie zu einem besseren Resultat verhelfen. Früher hätten die Gäste vielleicht auf der anderen Seite der Grenze übernachtet. Der Erfolg von kleineren Tourismuskantonen hat aber selbstverständlich auch weitere Gründe.

«Tages-Anzeiger»-Leser kritisieren in Onlinekommentaren wiederholt die teils veraltete Tourismusinfrastruktur, etwa in Hotels. Wie sehen Sie das?
Stehengebliebene findet man immer. Der Schweizer Tourismus ist eine kleingewerbliche Branche und besteht aus rund 25'000 Unternehmen. Von der kleinen Skischule über das Beizli bis zum grösseren Hotel findet man immer einige, die ihren Job nicht optimal machen. Die Mehrheit ist jedoch wach geworden, ist kreativ und leistet wirklich gute Arbeit. So ist das Wintergeschäft in den letzten Jahren viel flexibler geworden. Früher gab es bei den Hotels und Bergbahnen zwei Preise: einen für die Haupt- und einen für die Nebensaison. Heute ist der Listenpreis nur noch ein Referenzwert. Es gibt viele kreative Angebote: etwa vergünstigte Familien-Packages, Skischule inklusive in Arosa, Tageskarten im Engadin für 25 Franken. Zudem fördert Seilbahnen Schweiz nun Schneesportlager für Kinder und Jugendliche. Der Schweizer Tourismus bewegt sich. Dies kann man wohl als Segen der Krise sehen: Not macht erfinderisch.

Stichwort Olympia 2022: Die Kandidatur des Kantons Graubünden stösst in gewissen Kreisen auf wenig Gegenliebe. Was würde das für den Schweizer Tourismus bedeuten, wenn die Kandidatur ins Wasser fiele?
Das wäre absolut eine verpasste Chance. Im Gegensatz zu gewissen anderen Ländern schaut man in der Schweiz zuerst auf die Kosten statt auf die Chancen. Das ärgert mich. Das Land muss auch wieder einmal positive, grosse Projekte in die Welt hinaustragen. Es ist eine einmalige Chance, die Welt bei uns zu Gast zu haben inklusive Zehntausender Medienvertreter. Wir müssen zeigen, wie einzigartig die Schweiz und wie hoch unsere Organisationskompetenz ist. Die Olympischen Spiele würden auch zu einer Infrastrukturerneuerung führen, viele private Investitionen würden getätigt, und man würde sich herausputzen. Es nützt nicht nur Graubünden, sondern der gesamten Marke Schweiz.

Warum haben es Grossanlässe in der Schweiz schwer?
Hierzulande fehlt das zentralistische Denken, was Fluch und Segen zugleich ist. Aber wenn man ein Grossprojekt realisieren will, muss man sich zu einem Standort bekennen. Im Falle der Olympischen Spiele ist es St. Moritz – ein historischer, starker und kompetenter Ort. Es kommt heute aber leider immer noch vor, dass das eine Tal dem anderen Tal etwas nicht gönnen mag. Sie fragen sich nicht, wie alle zusammen profitieren könnten.

Erstellt: 31.10.2012, 16:30 Uhr

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6 (sehr gut)

 
8.6%

5

 
24.3%

4

 
30.4%

3

 
23.5%

2

 
8.1%

1 (sehr schlecht)

 
5.0%

756 Stimmen


Mittelfristprognosen im Schweizer Tourismus
(Für Vollansicht auf Grafik klicken)
In den Jahren 2014 und 2015 soll es mit dem Schweizer Tourismus wieder aufwärts gehen – dies gemäss einer Prognose von Bakbasel. 2014 soll es 1,8 Prozent mehr Hotelübernachtungen als im Vorjahr geben, 2015 gar 2,8 Prozent mehr. Richard Kämpf, Leiter des Ressorts Tourismus beim Seco, nennt dafür vier Gründe:

1. Der Franken wird etwas schwächer.
2. Die Teuerung in der Schweiz wird schwächer ausfallen, das Land wird wettbewerbsfähiger.
3. Es herrscht in vielen Ländern ein Nachholbedürfnis nach Ferien in der Schweiz.
4. Der Gästeanteil aus Asien wächst weiter. (Bild: SECO/Bakbasel)

Schweiz ist die wertvollste Ländermarke der Welt

Die Schweiz ist bei der achten Ausgabe des «Country Brand Index» (CBI) des Consulting-Unternehmens FutureBrand an der Spitze gelandet. Untersucht werden kulturelle und industrielle Aspekte, Regierungs- und Sicherheitsaspekte die wirtschaftliche Innovationskraft der Länder. Befragt wurden Einwohner, Investoren, Touristen und ausländische Behördenvertreter. Die Top-25-Ländermarken sind:

1. Schweiz (+1 gegenüber 2012)
2. Kanada (-1)
3. Japan (+1)
4. Schweden (+3)
5. Neuseeland (-2)
6. Australien (-1)
7. Deutschland (+4)
8. USA (-2)
9. Finnland (-1)
10. Norwegen (+2)
11. Grossbritannien (+2)
12. Dänemark (+3)
13. Frankreich (-4)
14. Singapur (+2)
15. Italien (-5)
16. Malediven (+2)
17. Österreich (0)
18. Niederlande (+5)
19. Spanien (-5)
20. Mauritius (+2)
21. Irland (-1)
22. Island (-3)
23. V.A.E. (+2)
24. Bermuda (-3)
25. Costa Rica (-1)

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