Der grosse Betrug

Die Betrüger des Seitensprungportals Ashley Madison sind selber Betrogene: Sie unterhielten sich vor allem mit Computerprogrammen.

Noel Biderman war der «König des Seitensprungs» – bis man seine E-Mails las. Foto: Bobby Yip (Reuters)

Noel Biderman war der «König des Seitensprungs» – bis man seine E-Mails las. Foto: Bobby Yip (Reuters)

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Noel Biderman nannte sich «König des Seitensprungs». Aber nur als Geschäftsmann. Sein Lieblingsdialog bei Interviews war folgender: «Haben Sie eine Affäre?» Biderman grinste jeweils und sagte: «Noch nicht.»

Dann lobte er seine Ehe, die Klugheit seiner Frau, die beiden Kinder. Und seine Gattin, die ebenfalls in der Firma arbeitete, sagte: «Untreue ist für uns nur das Geschäftsmodell. Wenn Noel eine Affäre hätte, würde es mich zerstören.» Und er sagte: «Ich würde mein Leben – das Haus, die Kinder, das Bankkonto – doch nicht wegen ein bisschen Sex aufs Spiel setzen.»

Jetzt weiss die Welt, dass Biderman gleich mehrere Affären hatte. Eine langjährige mit «Melisa vom Spa», einer Studentin, die er finanziell unterstützte. Und der er, als sie schliesslich wegen Gewissensbissen ans Aufhören dachte, einen Job als Kundenberaterin in der Firma anbot: «Mit einem schönen Bonus, falls du unterschreibst:).»

Ebenso weiss man von der Affäre mit einer Hausfrau, dann von einem Escortservice und wann er die Zimmer im Hotel Toronto buchte, wann er wegen der Kinder oder der Arbeit Treffen verschieben musste und alle organisatorischen Details.

Selten stand ein König so nackt da. Letzten Freitag musste er als CEO seiner Firma zurücktreten. Die Hölle, durch die er, seine Frau und seine Kinder nun gehen werden, hat gerade erst begonnen.

Damit geht es dem Gründer von Ashley Madison, dem grössten Seitensprung-Portal im Internet, genau gleich wie Millionen seiner Kunden. Denn seit Hacker Mitte August die kompletten Firmen­daten ins Netz stellten, sind Millionen Fremdgeher öffentlich: mit Name, E-Mail, Adresse, sexuellen Vorlieben.

Es ist der grösste Hackerangriff, der je die Privathaushalte traf: rund um den Planeten 37 Millionen Fremdgeher. In den USA entdeckte man nur drei Ortschaften ohne Ashley-Madison-Kunden – alle zählten weniger als 100 Einwohner und lagen in einem internetlosen Funkloch. In der Schweiz sind es laut Spezialisten 160'000 Kunden. Viele werden das Schicksal von Noel Biderman teilen: Entlarvung, Streit, öffentliche Schande, vielleicht Scheidung, vielleicht Entlassung.

Cleverer Werbefeldzug

Dabei begann es mit einer brillanten Business-Idee. Biderman, ein rundlicher Anwalt mit Halbglatze, arbeitete im Sportbusiness. Und stellte fest, dass der Hauptteil seiner Tätigkeit darin bestand, entweder die Affären der Profisportler zu decken. Oder hinterher wieder aufzuräumen.

2001 gründete er die Website Ashley Madison als Datingseite für Verheiratete mit dem Motto: «Das Leben ist kurz. Gönn Dir eine Affäre.» Das Geschäftsmodell war einfach: Frauen bewegten sich gratis, Männer mussten für jeden Flirt zahlen.

Ashley Madison wurde schnell berühmt. Nicht zuletzt wegen der unverschämten Werbung. Etwa mit einem TV-Spot eines Liebespaars mit dem Slogan: «Beide sind verheiratet. Nur nicht miteinander.» Und einer Flut von Seitensprungstatistiken, die in den 53 Ländern regelmässig an Zeitungen weitergegeben wurden. Und den Angeboten, Sportstadien, Busse, Fussballclubs gegen hohe Summen auf Ashley Madison umzutaufen. Was regelmässig abgelehnt wurde, aber für Schlagzeilen sorgte. Genau wie Politikerplakate, etwa zu Newt Gingrich: «Treuer Republikaner. Untreuer Ehemann.»

Biderman wurde schnell zum Star: als fröhlicher Finsterling in allen möglichen Talkshows. Er bezeichnete sich als Soziologe des Fremdgehens, veröffentlichte ein Buch mit Statistiken der Untreue und vertrat die These, dass eine Affäre zur richtigen Zeit eine Ehe retten könnte.

Im Nachhinein fiel auf, dass das ganze Zahlen- und Thesengewitter, das Ashley Madison in die Medien transportierte, vor allem einer Zahl galt: den Ehebrecherinnen. Denn diese waren das Verkaufsargument der Firma. Und gleichzeitig auch ihre Achillesferse. Zwar gaben die Konzernsprecher zu, dass die Frauen in der Minderzahl seien, schoben aber nach, dass sich das ändere. Bei den 20- bis 30-Jährigen sei das Geschlechterverhältnis unter Ehebrechern fast 1:1.

Nach dem Hack durchforsteten die Experten die Daten der Mitglieder. Und kamen auf ein Verhältnis von 90 bis 95 Prozent Männern als Benutzer. ­Das Kernprodukt von Ashley Madison hiess nicht Sex, sondern Sehnsucht. Die Techseite Gizmodo.com wertete die aktiven Benutzerkonten aus – also die Leute, die wirklich auf der Seite etwas taten – und kam auf 12'000 aktive Frauen bei 20 Millionen aktiven Männern. Also pro Frau, die eine Affäre suchte, 20'000 Männer, die dasselbe taten. Ein Verhältnis wie in einer Science-Fiction-Welt.

Nur war das ein Irrtum. Denn bei weiteren Untersuchungen stellte Gizmodo fest, dass es sich bei den registrierten Kontakten nicht um menschliche handelte. Sondern um eine Armee von vorgeblich weiblichen Robotern, die die männlichen Besucher in Flirts verwickeln sollten, um Hoffnung und Zahlungsmoral aufrechtzuerhalten. Die Roboter begannen das Gespräch mit «Hi!», «Was ist los?» oder «Jemand zu Hause?», bevor Sie Dinge sagten wie: «Mmmmmh, früher habe ich oft mit den Freunden meiner besten Freundinnen geschlafen. Solche Gewohnheiten erhalten sich. Seltsam, nicht?»

Das genügte: Interne Statistiken zeigen, dass die Roboterarmee die Zahlungsbereitschaft verdoppelte, auch wenn die Programmierer unter der Arbeit stöhnten, die Chats in über 30 Sprachen auszuarbeiten. Und es Ärger mit den schwulen Kunden gab, die plötzlich hartnäckig von Frauen angemacht wurden. In der Tat stellte das Portal weibliche Nutzer unter dem Namen «Engel» industriell her. 2012 klagte eine Angestellte, die innert dreier Wochen über 1000 Frauenprofile für den brasilianischen Markt herunterschreiben musste, auf Arbeitsinvalidität, weil ihre Handgelenke danach irreparabel ruiniert waren. Aber Ashley Madison gewann den Prozess, weil ein Detektiv die Klägerin beim Skifahren gefilmt hatte.

Jedenfalls wurde klar, dass Ashley Madison seine Kunden gleich doppelt betrog: erstens, weil der Grossteil der Frauen aus einem Stück Industriesoftware bestand. Zweitens, weil die Seite gleich serienweise Sicherheitsversprechen machte, die sie nicht hielt: nicht zuletzt das Versprechen, für 19 Dollar alle Datenspuren von der Seite zu löschen. Als die Ashley Madison-Angestellten am 12. Juli 2015 ihre Computer öffneten, röhrte ihnen der Song «Thunderstruck» vom AC/DC entgegen. Das war die Ouvertüre für das Ultimatum drei Tage später: die Firma zu schliessen, da ansonsten alle Daten veröffentlicht würden. Wahrgemacht wurde die Drohung am 18. und am 20. August, als zwei riesige Datenpakete ins Netz gestellt wurden.

Die Hacker stellten eine Notiz dazu. Sie begründeten ihr Vorgehen mit «Betrug und Dummheit von ‹Ashley Madison› und ihren Kunden». Darauf folgte ein kurzer Trost für alle betrogenen Frauen: «Die Wahrscheinlichkeit ist klein, dass Ihr Mann hier eine Affäre gefunden hat. Falls das für Sie eine Rolle spielt.» Und ein kurzes Schulterklopfen an die betrügerischen Männer: «Es ist jetzt peinlich, aber ihr werdet es überleben.»

Prediger und Politiker als Kunden

Innert Stunden hatten sich die verschiedensten Leute über die Daten hergemacht. Professionelle Sicherheitsdienste knackten die Verschlüsselung, um die Echtheit zu prüfen. Und Blogger bauten Suchmaschinen, damit man den Datenhaufen auf E-Mail-Adressen durchforsten konnte. Erpresser schrieben an die Adressen Mails, dass man einen Bitcoin (etwa 220 Franken) zahlen sollte, ansonsten werde die Mitgliedschaft über Facebook allen Verwandten mitgeteilt: «Überlegen Sie, wie teuer ein Scheidungsanwalt ist.»

Dazu wühlten Journalisten im Datenhaufen und entdeckten etwa den Sohn des US-Vizepräsidenten und christliche Prediger, gleichzeitig suchten Verwandte, Kirchenobere und Firmenpersonalverantwortliche. Die Ratgeberspalten der Onlinemagazine quollen vor Fragen über: Soll man die Tante informieren, wenn man das E-Mail des Onkels in den Daten entdeckt hat? Oder soll man den Chef benachrichtigen, wenn man Bürokollegen findet?

Die kanadische Polizei meldete zwei Selbstmorde wegen des Hacks (und nahm einen zurück), im Netz erschienen Berichte von Nutzern aus Ländern wie Saudiarabien, wo Homosexualität und Ehebruch unter Todesstrafe stehen: Die Männer flohen über Nacht mit einem Flugzeug nach Europa, «ohne Job, ohne Bekannte und ohne Geld». Und in den europäischen Medien erschienen die Porträts von Ehemännern, die am Morgen die Zeitung lasen, am Abend gestanden und seit dieser Nacht im Hotel leben.

Ashley Madison verurteilte den Hack und setzte ein Kopfgeld von 500'000 kanadischen Dollar für die Ergreifung der Hacker aus. Zu ihrer Identität gibt es zwei Vermutungen: Die erste besteht darin, dass es ein Insider war. Denn die Firmendaten sind ungewöhnlich vollständig. Die zweite Vermutung ist, dass ein Hacker namens Thadeus Zu zumindest weiss, wer es war: erstens, weil er die Links zu den Datenpaketen Stunden vor allen anderen twitterte, zweitens, weil er seine früheren Hacks mit dem gleichen Song von AC/DC untermalte: «Thunderstruck».

Einige Experten vermuteten als Täter eine Frau: erstens, weil diese in ihrem ersten Manifest die männlichen Nutzer «verlogene Drecksäcke» nannte. «Eine Bezeichnung für Männer, die fast nur von Frauen benutzt wird.» Zweitens, weil die Hacker den Valentinstag erwähnten. «Ein Tag, der Frauen unendlich wichtiger ist als Männern.»

Aber eigentlich, so sind sich die Kommentatoren einig, ist es egal, wer es war. Mit dem Ashley-Madison-Hack hat der Cyberkrieg die Privathaushalte ­erreicht: Unzählige von Familien und Karrieren werden zerbrechen. Unzählige Leute werden ­erpresst oder an den Pranger gestellt. Unzählige ­Leben werden sich für immer verändern.

Neu ist im Fall Ashley Madison auch, dass zum ersten Mal so etwas wie Gedankenverbrechen eine Rolle spielen. Viele Nutzer registrierten sich aus Neugier, Blödheit, im Suff oder wegen Unglück, Übermut oder Sehnsucht – ohne mehr zu tun, als vor sich hinzuträumen. Jetzt sind sie für den Rest des Lebens auf ihren Gedanken festgenagelt, erfassbar für ihre Verwandten, Nachbarn und Chefs.

Dadurch, dass der Hack nur der Anfang ist, dass E-Mail-Server, Facebook-Unterhaltungen, Google-Verläufe oder was auch immer grundsätzlich im grossen Stil veröffentlichbar sind, ist die Freiheit in diesem Jahrhundert stark beschädigt. Auch wenn man die Ashley-Madison-Kunden für unmoralisch halten würde, wäre das kein Argument für ihre Entlarvung. Denn Freiheit ist gerade das Gegenteil davon, sich korrekt zu benehmen: nicht in der Praxis und schon gar nicht in den eigenen Plänen. Freiheit besteht in der Möglichkeit ihres Missbrauchs.

Trotzdem bleibt als praktischte Lektion nur die Vorsicht im Netz. Und die Einsicht, dass alle weitermachen. Ashley Madison meldete vor zwei Tagen hunderttausende Neukunden, «darunter 84'000 Frauen». Und ihre Hacker kündigten an, bald die Kundendaten konkurrierender Seitensprungseiten ins Netz zu stellen.

Erstellt: 01.09.2015, 23:32 Uhr

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