Der kranke Mann gilt als Jammeri – was für ein Unfug!

Der Mann dramatisiere jede banale Erkältung zur Nahtoderfahrung, heisst es. Eine Ehrenrettung.

Gesundheit, du Weichling! Gefühle zeigen soll er, der neue Mann, aber doch bitte keine Schwäche. Foto: Mirrorpix, Getty Images

Gesundheit, du Weichling! Gefühle zeigen soll er, der neue Mann, aber doch bitte keine Schwäche. Foto: Mirrorpix, Getty Images

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Eine Seuche geht um. Der Erreger befällt ausschliesslich Männer, zwölf Millionen von ihnen seien bisher erkrankt, heisst es in alarmistischen Internetvideos. ­Gesundheitssysteme seien überfordert, die Situation drohe zu einer Katastrophe zu eskalieren. Und die Frauen? Zwar schützt sie ihr Immunsystem, doch sind sie die wahren Opfer der grässlichen Seuche: Sie müssen die Jammereien der Männer aushalten, das Wehklagen, das Dramatisieren; und sie fühlen sich verpflichtet, die Todesängste ihrer Partner zu lindern und dabei zugewandt sowie verständnisvoll zu bleiben. Eine schier übermenschliche Herausforderung. Der Name der Seuche: Männerschnupfen, manche Experten diagnostizieren bei der gleichen Symptomatik auch eine Männergrippe.

Der kranke Mann gilt heute weithin als Waschlappen, der jede banale Erkältung zu einer Nahtoderfahrung dramatisiert. Eine Witzfigur! Die eingangs erwähnten Videobeiträge über den weltweiten Seuchenzug stammen aus der aktuellen Marketingkampagne eines Herstellers von Erkältungsmitteln. Auch andere Pharmafirmen werben mit dem Klischee vom hilflosen Mann, der ohne seine Frau im Erkältungsfall nicht mal die Fernbedienung erreicht.

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Das öffentliche Urteil über den erkrankten Mann ist gefällt, doch sollte der Angeklagte in Revision gehen. Bei der Idee vom Männerschnupfen handelt es sich um einen Mythos, der wenig mit Viren und viel mit Stereotypen zu tun hat. Wer sich auf die Suche in die Fachliteratur begibt, stellt fest: Zwischen kranken Frauen und Männern bestehen zwar viele Unterschiede, doch relevant für die Entstehung des Mythos des Männerschnupfens ist auch in gendertheoretisch gefärbten Zeiten die noch höchst präsente Ansicht, dass der kranke Mann eben nicht zu klagen hat.

«Rollenstereotypen spielen eine starke Rolle», sagt die Gesundheitspsychologin Beate Herbert, die an der Uni Tübingen und der Hochschule Fresenius München lehrt und forscht. Geredet wird viel über den modernen Mann, der bitte schön Gefühle zulassen, irgendwie sanft und achtsam sein solle. Aber im Ernstfall sind dann doch alle Beteiligten irritiert: Schwäche zeigen darf der kranke Mann nicht, zumindest wenn er Spott vermeiden möchte.

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«In der Vergangenheit haben Frauen stets als das wehleidigere Geschlecht gegolten», sagt Heike Spaderna, Gesundheitspsychologin von der Universität Trier. Früher, das war in der Zeit vor 1993, als Sally Macintyre von der Universität Glasgow in der Fachzeitschrift «Social Science & Medicine» eine Studie veröffentlichte, die wahrscheinlich der wissenschaftliche Kondensationskeim für den Mythos Männerschnupfen war. Die Medizinerin wertete Daten eines Versuches aus, für den in den 80er-Jahren Patienten mit Erkältungserregern angesteckt wurden. Die Männer, so gab das Fachpersonal zu Protokoll, übertrieben anschliessend eher als Frauen die Schwere ihrer Symptome.

Endlich sagt es jemand!

Sprachen diese Ergebnisse nun dafür, dass sich die Männer besonders anstellten? Oder dafür, dass das medizinische Fachpersonal sie ausserordentlich ungnädig betrachtete, weil Männer nicht zu klagen haben? Die Medizinerin Mac­intyre neigte der ersten Interpretation zu — und das Publikum jubelte: Endlich sagt es jemand, von wegen starkes Geschlecht, alles Heulsusen! Spätestens von diesem Zeitpunkt an grassierte der Männerschnupfenmythos, und seitdem wirkt es, als stürzte sich die Öffentlichkeit gierig auf jedes noch so wackelige Indiz, mit dem sich der Glaube daran füttern lässt.

So zeigte kürzlich eine Arbeit im Fachblatt «Brain, Behavior and Immunity», dass männliche Mäuse von einer bakteriellen Infektion stärker beeinträchtigt waren als ihre weiblichen Artgenossen. Ähnliche Ergebnisse lieferten Versuche mit genetisch veränderten Mäusen, bei denen die Weibchen mehr von einem Enzym produzierten, das für das Immunsystem relevant ist. Auch in Versuchen mit Zellkulturen wurde etwa beobachtet, dass die weiblichen Zellen oft Parameter aufweisen, die sich im Sinne einer robusteren Immunantwort interpretieren lassen.

Die Wissenschaft hat einige biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen identifiziert, die für das ­Immunsystem wahrscheinlich relevant sind. Doch auch damit lässt sich der Mythos vom Männerschnupfen nicht belegen. Das männliche Geschlechtshormon Testosteron schwächt die Körperabwehr im Gegensatz zum Östrogen; und genetisch scheinen Frauen etwas besser vor Infektionen geschützt zu sein. «Vor allem das erworbene Immunsystem ist bei Frauen stärker», sagt Beate Herbert. Der weibliche Körper bildet, grob vereinfacht gesagt, bei Kontakt mit Erregern effektive Antikörper. Bei Impfungen zum Beispiel fällt die Immunantwort im männlichen Körper in der Regel schwächer aus.

«Was sich biologisch messen lässt, ist das eine», sagt Heike Spaderna, «das Empfinden ist jedoch eine völlig andere Sache.» Ob jemand krank ist und ob sich derjenige krank fühlt, hat oft verblüffend wenig miteinander zu tun. Ähnliche Befunde hat auch die Biopsycho­login Jana Strahler von der Universität Giessen gemacht, die Geschlechterunterschiede in der Stressreaktion untersucht: «Die gemessenen physiologischen Marker sagen oft sehr wenig darüber aus, ob die Leute gerade tatsächlich Stress empfinden.»

Daher sollte der Blick also darauf gerichtet werden, wie die beiden Geschlechter mit Krankheit umgehen, und weniger, welche Enzyme in ihren Körpern gebildet werden. Frauen, so haben zahlreiche Studien gezeigt, beobachten mehr körperliche Symptome an sich und thematisieren diese eher. Vor allem sprechen sie anders darüber, wie eine Studie im Fachblatt «Pain» ergeben hat: Frauen nutzen anschaulichere Begriffe und sprechen ausführlicher über ihre Leiden. Die Männer? Reden weniger über Symptome und das in reduzierterer Sprache. «Ärzte haben es mit Frauen deshalb leichter, eine Diagnose zu ­stellen», sagt Gesundheitspsychologin Beate Herbert.

Schmerz härtet nicht ab

«Die eigenen Erwartungen und die der Umgebung sind extrem wichtig», sagt Heike Spaderna. Wenn Männer also kollektiv als wehleidig gelten, dann bewerten alle Beteiligten auch jeden schiefen Schluckauf als Beleg dafür. Umgekehrt werden erkrankte Frauen als besonders tapfer betrachtet — und jede Kopfschmerzepisode kann dann Beleg für ihre überlegene Schmerztoleranz interpretiert werden. Dabei ist ausgerechnet dieser populäre Mythos weitgehend wasserdicht widerlegt.

«Frauen haben eine niedrigere Schmerztoleranz als Männer», sagt Beate Herbert. Sie chronifizieren Schmerz eher, und ihr Organismus verarbeitet Schmerzreize anders. Und Frauen, die während der Regelblutung Qualen erleiden, entwickeln mit der Zeit eine niedrigere Schmerzschwelle, so eine Studie in «Pain». Daraus entwickle sich sogar auch eine geringere Toleranz für Beeinträchtigungen durch eine Erkältung. «Schmerz härtet nicht gegen neuen Schmerz ab», sagt Beate Herbert, Schmerz mache stattdessen empfindlicher für neuen Schmerz.

Der Mythos Männerschnupfen ist vor allem ein Beziehungsmissverständnis — und Bestandteil einer weiblichen Heldensaga: Verkrümelt sich der Mann ins Bett, um die Selbstheilungskräfte zu aktivieren, bestärkt das die Frau in der Meinung, dass ohne sie alles im Chaos versänke und sie selbst mit solch lächerlichen Leiden nicht so ein Theater veranstalten würde.

Wir Männer, wir schmunzeln hingegen still in uns hinein, spotten mit den anderen fröhlich über uns selbst und reissen noch ein paar Männerschnupfen-Witze.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2017, 23:08 Uhr

Unterschiede in der Schweiz

5- bis 9-mal
gehen innerhalb eines Jahres 15,3% der Frauen zum Arzt, aber nur 9,9% der Männer. 10-mal und mehr zum Arzt gehen 12,7% der Frauen und 8,6% der Männer.

867'335
Schweizer Männer leiden an schwachen bis starken Einschlaf- oder Durchschlafstörungen. Bei den Frauen sind es 1'362'185, deren Schlafbedürfnis gemäss Selbstangabe nicht genügend gedeckt ist. (mma)

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