Der umstrittene Wohltäter

Geld gegen Kinderlähmung, Geld gegen den Hunger in Afrika: 3,6 Milliarden Dollar hat die Bill & Melinda Gates Foundation allein letztes Jahr gespendet. Doch die Kritik an der Stiftung mehrt sich.

Einflussreicher Mann: Bill Gates wirbt an einer Versammlung der WHO für ein Impfprogramm.

Einflussreicher Mann: Bill Gates wirbt an einer Versammlung der WHO für ein Impfprogramm. Bild: Keystone

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Sie gelten als die grössten Wohltäter der Welt: Microsoft-Gründer Bill Gates und seine Frau Melinda. Rund 41 Milliarden Dollar umfasst das Kapital ihrer Stiftung. Das ist fast so viel wie die jährliche Wirtschaftsleistung von Ghana. Allein im letzten Jahr schüttete ihre Organisation 3,6 Milliarden Dollar aus – für Ernährungsprogramme und für die Bekämpfung von Krankheiten wie Malaria oder Aids.

Doch die Bill & Melinda Gates Foundation ist umstritten, wie Artikel der «Zeit» und des «Guardian» zeigen. Die Spenden von Gates und anderen Wohltätern lenkten von den Schwächen des weltweiten Gesundheitssystems ab, sagt Soziologieprofessorin Linsey McGoey gegenüber der «Zeit». McGoey und andere Kritiker sind überzeugt, dass die Spendenmenge von Gates und anderen Wohltätern das System teilweise mehr behindert als unterstützt.

Gates und die WHO

Tatsache ist, dass die Gates ihre Spenden nur für gewisse Programme verwendet wissen wollen. Diese Form der Wohltätigkeit hat laut McGoey dazu geführt, dass die internationale öffentliche Gesundheitspolitik zu einer Ansammlung unkoordinierter Einzelprojekte geworden ist, die sich den Wünschen der Geldgeber fügen muss.

Signifikantes Beispiel für diese Entwicklung ist laut der «Zeit» die Weltgesundheitsorganisation WHO. Die 194 Mitgliedsstaaten haben ihre Beiträge in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich zurückgefahren. Bereits gehen 80 Prozent des Budgets der WHO auf freiwillige Zahlungen und Spenden zurück, schreibt die Zeitung. Die Gates-Stiftung liess der Organisation letztes Jahr 300 Millionen Dollar zukommen – mehr Geld als die Vereinigten Staaten. Doch diese Spenden sind zweckgebunden. Die WHO erhielt also Geld, das sie nur für die von den Gates definierten Zwecke verwenden durfte, während sie eigentlich dringender Mittel für die Bekämpfung von Ebola brauchte. Erst im September gab Bill Gates bekannt, er werde Geld für den Kampf gegen die Krankheit spenden.

Mögliche Interessenkonflikte

Kritik gibt es auch bezüglich möglicher Interessenkonflikte in Programmen, die von der Gates-Stiftung unterstützt werden. Die Organisation Gavi fördert unter anderem Impfkampagnen gegen Kinderlähmung und erhält dafür Geld von den Gates. Im Verwaltungsrat von Gavi sitzt ein Partner des Consulting-Konzerns BDO, welcher wiederum Pharmakonzerne zu seinen Kunden zählt.

Ebenfalls im Verwaltungsrat sitzt laut «Zeit» Olivier Charmeil, Chef der Impfsparte von Sanofi. Dem Pharmakonzern gehört ein indischer Hersteller des Impfstoffs Pentavalent, für welches sich Gavi selber starkmacht.

Geld für Afrika geht in die USA

Umstritten sind des Weiteren auch die Ernährungsprogramme der Bill & Melinda Gates Foundation. Die NGO Grain, welche für ökologische Landwirtschaft eintritt, veröffentlichte diese Woche einen Bericht, der die Geldflüsse der Stiftung aufzeigt. Demnach floss in den vergangenen zehn Jahren das Gros der drei Milliarden Dollar, die für die Bekämpfung von Hunger und Armut in Afrika gedacht sind, in die USA, Grossbritannien und andere Industrieländer.

Dieses Geld gelangte an Forschungseinrichtungen, NGOs und andere Organisationen, die sich laut Grain wenig um Afrikas Biodiversität oder regional angepassten Ackerbau kümmern. Die NGO spricht von einem schockierenden Nord-Süd-Gefälle. Der Agrarwissenschaftler Henk Hobbelink gegenüber dem «Guardian»: «Die Gates-Stiftung hört entgegen ihrer Versprechen nicht auf die Bauern in Afrika. Der Grossteil der Spenden geht an High-Tech-Firmen, anstatt dass man Lösungsansätze unterstützen würde, die von den Bauern vor Ort erarbeitet wurden. Die Bauern auf dem Kontinent werden als Abnehmer angeschaut, als Kunden für Technologie, die in reichen Staaten entwickelt wurde.»

Für den amerikanischen Politologen Jeremy Youde ist denn auch klar, was sich ändern muss. Die Entscheidung über Gesundheitsprogramme und Entwicklungshilfe dürfe nicht in den Händen weniger Geldgeber mit individuellen Vorstellungen liegen. Er fordert deshalb dringend eine öffentliche Debatte über die Vergabe dieser Mittel. (kpn)

Erstellt: 06.11.2014, 22:15 Uhr

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