Der zweitschönste Tag im Leben

Die Statistik sagt: Die zweite Ehe hat ein 10 Prozent höheres Scheidungsrisiko als die erste. Doch es gibt gute Gründe, sie trotzdem zu wagen.

Es nach einer gescheiterten Ehe erneut zu wagen, ist ein Triumph der Hoffnung über die Erfahrung: Paar auf einem Parkplatz.

Es nach einer gescheiterten Ehe erneut zu wagen, ist ein Triumph der Hoffnung über die Erfahrung: Paar auf einem Parkplatz. Bild: Keystone

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«Ehemänner unterscheiden sich so wenig voneinander, dass man genauso gut den ersten behalten kann», schrieb Adela Rogers St. Johns, eine berühmte amerikanische Journalistin, in den 20er-Jahren über die Zweitehe. Der Satz, so zynisch er auch sein mag, stimmt, was das Ergebnis anbelangt, denn heutige Statistiken besagen allesamt: Die zweite Ehe ist äusserst riskant. Sie hat ein um 10 Prozent höheres Risiko, geschieden zu werden als die erste – also 60 Prozent. Wer sich gar zum dritten Mal traut, hat noch schlechtere Karten. In der Schweiz wie in Deutschland oder den USA.

Trotzdem versuchen es 50 Prozent aller Geschiedenen hierzulande ein zweites Mal. Die Männer sind bei der zweiten Hochzeit im Schnitt 48 Jahre alt, die Frauen 42. Eigentlich ein reifes Alter, in dem man klüger sein könnte und erfahrener sein müsste als beim ersten Mal. Man hat sich ja vielleicht gefragt: Was ist mir in Zukunft wichtig? Was will ich nie mehr erleben? Wo bin ich belastbar und wo nicht? Was habe ich falsch gemacht? So eine ausgereifte, überlegte neue Liebesheirat, geerdet mit vernünftigen Erwartungen und nicht im Wolkenkuckucksheim zu Hause, müsste doch mit günstigen Voraussetzungen starten. Warum geht es trotzdem schief?

Erfahrung ändert nicht viel

Pasqualina Perrig-Chiello, Professorin für Psychologie an der Uni Bern, befasst sich schon lange mit Beziehungen und speziell mit Trennungen im Alter. Sie attestiert den Menschen durchaus Lernfähigkeit, in Beziehungsdingen aber nur begrenzt: «Unsere Erwartungen entsprechen ureigenen menschlichen Bedürfnissen, das sind zum Teil sehr tiefe Motive aus der Kindheit. Und die lassen sich auch durch Erfahrung kaum ändern.» Auch wenn man dem eigenen Beziehungsverhalten auf die Schliche komme, werde zum Beispiel eine unsichere Person auch in fortgeschrittenem Alter immer wieder jemanden suchen, der ihm Sicherheit biete. Wir suchen im Partner offenbar das, was uns fehlt, und das bedeutet dann oftmals eine lebenslange Hypothek. Paare, bei denen die Gemeinsamkeiten überwiegen, so weiss man, haben die besseren Chancen, lange zusammenzubleiben, als solche, bei denen die Temperamente, Anschauungen und Vorlieben divergieren.

Negativ wirkt sich laut Perrig-Chiello in der zweiten Ehe auch die Tatsache aus, dass wir mit zunehmendem Alter «intra-individuell nicht mehr stark variieren». Was heisst, dass wir sturer werden. Keine gute Eigenschaft, um offen und neugierig in eine zweite Ehe einzusteigen. Den dritten, eher praktischen Grund, sieht die Psychologin im sozialen Umfeld der Zweitehe begründet: «Da gibt es dann Kinder aus erster Ehe, einen Ex-Partner oder eine Ex-Partnerin: finanzielle und emotionale Altlasten und Belastungen, die neue Krisen auslösen können.» Die Herausforderungen einer Patchworkfamilie würden bei einer zweiten Ehe unterschätzt, sagt der Psychologe und Paartherapeut Klaus Heer. Auch er ist skeptisch, was die zweite Ehe angeht – sie sei ein mindestens ebenso gewagtes Abenteuer wie die erste, ein neues Spiel mit noch unbekannten Spielregeln. «Wer unbesehen auf seine Zweitehe anwendet, was er in einer ersten ehelichen Erfahrung gelernt zu haben meint, verkennt, dass jede Beziehung ein einmaliger und einzigartiger Organismus ist», sagt Heer. «Man selber ist ja nicht mehr derselbe Mensch wie vor ein paar Jahren; und der neue Partner ist erst recht ein ganz anderer als der Ex.» Also zwei neue Menschen, aber nicht unbedingt ein neues Glück.

Vom Zweit- zum Serientäter

Was bei einer zweiten Ehe entscheidend ist, da sind sich alle Psychologen einig, sind Offenheit und Toleranz gegenüber der neuen Person. Nichts sei schlimmer, als wieder ein Idealbild anzupeilen. «Oft will man aber gerade in der zweiten Ehe das haben, was einem in der ersten versagt war», meint Perrig-Chiello. Nach dem Motto, wenn mich der Erste schon nicht auf Händen getragen hat, soll es jetzt aber bitte der Zweite tun. Man fixiert sich auf etwas, wird enttäuscht und figuriert bei mehrmaligem Misslingen in der Scheidungsstatistik bald einmal als «Serientäterin».

Rechnet man übrigens die notorischen Wiederholungstäter aus der Statistik der Zweitehen heraus, die drei-, vier- oder gar fünfmal heiraten – Risikokandidaten wie zum Beispiel Joschka Fischer oder Liz Taylor –, sieht die Bilanz etwas besser aus. Innerhalb der Gruppe der Erstverheirateten machen sie nur einen kleinen Prozentsatz aus. Bei den Zweitehen hebt ihr Anteil den Durchschnitt aber bereits merklich, wenn man das Trennungsrisiko berechnet.

Erhöhte Scheidungsrisiken

Ist die zweite oder gar dritte Ehe also der Triumph der Hoffnung über die Erfahrung, wie es der englische Schriftsteller Samuel Johnson formulierte? Die Autorin Sandra Lüpkes sieht das zweite Liebesglück durchaus positiv und mit guten Chancen ausgestattet. Sie hat für ihr Buch «Zweite Ehe – neues Glück» (Krüger-Verlag, 2011) siebzig Paare, die in zweiter Ehe verheiratet sind, nach ihrem Selbstbild befragt. Und herausgefunden, dass sich immerhin 66 Prozent der Paare für ehrlicher halten als in der ersten Ehe, 60 Prozent für gelassener und 46 Prozent für konfliktfähiger.

Die Mehrheit der Befragten war sich sicher: Beim zweiten Anlauf haben wir die besseren Karten. Man geht die zweite Ehe bedachter an als die erste – die meisten Menschen warten mindestens vier Jahre, bevor sie sich wieder trauen. Auch das Alter spielt durchaus eine positive Rolle, wie Lüpkes kleine Feldforschung zeigt: Von den Paaren, die über sich sagten, in der ersten Ehe nie wirklich zusammengepasst zu haben, waren die meisten bei der Hochzeit jünger als 30 Jahre. Die Statistik belegt dies: Ehen, die unter 25 Jahren geschlossen werden, haben ein stark erhöhtes Scheidungsrisiko. Oft halten sie nicht länger als fünf Jahre, denn die Zeit zwischen 20 und 30, in der man sich persönlich und beruflich finden muss, ist wohl die ereignisreichste Dekade, die man als Erwachsener bewältigt. Dieser Risikofaktor fällt bei der Zweitehe immerhin weg.

Nähe und Distanz

Wie bei Klaus F., 44 Jahre, Reisekaufmann in Zürich. Er hat seine erste Frau sehr jung kennen gelernt, Anfang 20. «In dem Alter schlittert man hinein, später ist man sich dann stärker bewusst, was man miteinander hat oder auch nicht», sagt er. Gestritten hätten sie kaum, aber nach sechs Jahren Ehe, er war damals 33, wollte sie eine Auszeit. Daraus wurde ein endgültiges Aus. Er verliebte sich in eine Arbeitskollegin und hat heute, elf Jahre später, mit ihr eine Tochter.

Ob seine Sicherheit auf Erfahrungen aus der ersten Ehe fusst, kann er nur schwer beurteilen. Er weiss nur: «Ich war noch nie in meinem Leben so glücklich wie jetzt.» Doch, vielleicht dies: «Meine erste Frau war ziemlich stark auf mich fixiert und hatte fast keine eigenen Bekannten.» Das sei heute anders. Jeder pflege neben dem gemeinsamen auch einen eigenen Freundeskreis. Die Balance zwischen Nähe und Distanz funktioniert. Entscheidend seien auch die gemeinsamen Interessen: «Bei uns sind es weite Reisen und die Liebe zur aktuellen Pop- und Rockmusik.» Derzeit kann sich Klaus F. nichts anderes vorstellen, als dass seine zweite Ehe hält. Er ist sich sicherer als beim ersten Mal – auch die Tochter ist ein Zeichen dafür.

Ulrike Hark ist in zweiter Ehe glücklich verheiratet.

Erstellt: 18.08.2011, 06:25 Uhr

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