Hintergrund

Diagnose: Religiöser Wahn

Eine Klinik in der Heiligen Stadt war lange Zeit auf die Heilung des Jerusalem-Syndroms spezialisiert. An diesem erkrankten Hunderte Besucher: Sie wurden von der Stadt schlicht überwältigt.

Hier wollte ein Patient mit Jerusalem-Syndrom einen Stein versetzen: Klagemauer in Jerusalem.

Hier wollte ein Patient mit Jerusalem-Syndrom einen Stein versetzen: Klagemauer in Jerusalem. Bild: Ammar Anwad

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Es regnet über dem Kfar Shaul Mental Health Center in der Nähe Jerusalems. Steinhaus reiht sich an Steinhaus, das Areal der psychiatrischen Klinik wirkt wie eine Kulisse. Dass man sich hier nicht frei bewegen kann, verrät einzig ein meterhoher Zaun. Einst stand hier ein arabisches Dorf namens Deir Yassin, in dem rund 600 Palästinenser lebten. Während der Gründung des Staates Israel wurde es von Zionisten attackiert, wobei über hundert Araber starben. Kurz danach wurde die besagte Klinik errichtet, die sich erst hauptsächlich dem Trauma von Holocaust-Überlebenden widmete, bevor sie für die Behandlung und Erforschung des sogenannten Jerusalem-Syndroms bekannt wurde.

Ein Gehweg führt zum Büro von Dr. Gregory Katz, an der Tür steht «Emergency». Dahinter scheint die Zeit in den 80ern stehen geblieben. Ein Computer verstellt den Schreibtisch, an den Wänden hängen Notizzettel, die Stühle sind wundgesessen. Sie stammen aus der Zeit, als Dr. Katz von Moskau nach Israel immigrierte, um sich gezielt mit Jerusalem-Syndrom-Patienten zu befassen. In einer Box bewahrt er Visitenkarten von Journalisten auf, die ihn seither interviewt haben: BBC, CNN...

Die steigende Zahl von Patienten mit demselben Krankheitsbild fiel den Psychologen vor der Jahrtausendwende erstmals auf. Sie alle litten unter Psychosen und Wahnvorstellungen, die direkt mit der Stadt Jerusalem zusammenhingen. «Damals hatten wir hier etwa fünf Fälle pro Jahr», sagt Katz. Andere Behandlungsstandorte eingerechnet, seien ihm rund 1200 Fälle bekannt. Die Patienten waren allesamt Touristen in der Heiligen Stadt, hauptsächlich Protestanten. Sie alle teilten eine tiefe Religiosität und hatten gegenüber Jerusalem hohe Erwartungen, die vor Ort noch übertroffen wurden. Die Heiligkeit der Stadt in Bezug auf Jesus Christus überwältigte sie so stark, dass sie krank wurden. Eine Einweisung in die Klinik war die Regel, medizinische Behandlung und in etlichen Fällen dann eine Überführung in ein Krankenhaus in der Heimat.

Drei Typen von Patienten

In der Regel beginnt das Jerusalem-Syndrom mit Schlafstörungen und Wahnvorstellungen, bevor es sich in eine spezifische Richtung entwickelt. Drei oder vier Tage dauert die Notfallbehandlung in einem Spital vor Ort, die Patienten bekommen Medikamente und dazu psychologischen Beistand. Katz erzählt, dass es sich bei den Betroffenen sowohl um ursprünglich psychisch angeschlagene als auch gesunde Menschen handeln kann.

Man unterscheide drei Typen: Bei Typ 1 geht bereits eine psychische Erkrankung voraus. Der Doktor erinnert sich an einen 40-jährigen Amerikaner, der schon in seiner Heimat wegen Schizophrenie behandelt worden war. Während eines Heilungsprogramms begann er, mit Gewichten zu trainieren – was dazu führte, dass er sich nach und nach mit dem starken Samson aus dem alten Testament zu identifizieren begann.

Angekommen an der Klagemauer, versuchte er einen Stein zu versetzen, der seiner Meinung nach am falschen Ort lag. Andere Besucher des religiösen Bauwerks gerieten in Aufregung und riefen die Polizei, die den Amerikaner schliesslich ins Kfar Shaul Mental Health Center einwiesen liess: «Wir erklärten ihm, dass er sich widersprüchlich verhält. Dass Samson eigentlich nie in Jerusalem war», sagt Katz. Der Patient reagierte mit Rage; am Ende wurde er in eine Klinik in den USA überwiesen.

Auch Schweizer betroffen

Anders verhalten sich Patienten des Typs 2, die in Gruppen auftreten. Zwei dieser christlichen Gruppen sind Katz in der Umgebung von Jerusalem bekannt. Sie bestehen aus rund 20 Mitgliedern und kleiden sich allesamt wie zur Zeit von Jesus Christus.

Am faszinierendsten sei aber Typ 3, sagt Katz, doch sei er im Umgang am schwierigsten: «Nach der Heilung reagieren die Leute mit tiefen Schamgefühlen, fühlen sich in einem kindlichen und dümmlichen Verhalten ertappt. Sie sprechen in der Regel auch mit keinem über die Erkrankung, weder mit Freunden noch mit Familienmitgliedern.»

Die meisten Patienten, so Katz, sind um die 45 Jahre alt, weiblich, schlecht bis durchschnittlich gebildet und stammen aus skandinavischen Ländern oder den USA, wo das protestantische Christentum am stärksten verbreitet ist. «Auch aus der Schweiz haben wir hier zwei, drei Fälle gesehen», sagt Katz. Noch vage erinnert er sich an einen Schweizer Patienten, 40 Jahre alt, Anwalt. Dessen Akten sind allerdings heute so vergessen und verstaubt wie diejenigen der übrigen Jerusalem-Syndrom-Patienten.

Präventives Surfen

Dass im Kfar Shaul Mental Health Center seit drei Jahren niemand mehr mit der besagten Störung eingeliefert worden ist, liegt unter anderem am Internet. Es bietet Touristen die Möglichkeit, sich schon vor einer Reise nach Jerusalem ausführlich über den Ort zu informieren – dies relativiert die Erwartungshaltung stark. Der Schockzustand vor Ort bleibt somit aus. Auch die Tatsache, dass man heute mehr reist als früher, führt dazu, dass Touristen besser vorbereitet sind, Fremdes zu sehen.

Jerusalem hat gewissermassen den Überraschungseffekt verloren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2014, 18:14 Uhr

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