Dick – das neue Nackt?

Was in unangezogenem Zustand aussieht wie Heidi Klum, ist die Verkörperung der Doktrin, dass jeder bis auf die nackte Haut für sich selbst verantwortlich ist.

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Bald beginnt die Badesaison. Auch dieses Jahr werde ich ohne perfekt gestylten Körper und akkurat frisierte Intimzone antreten müssen. Ich schäme mich meiner, auch in züchtig hochgeschlossenem Badeanzug und Wickeltuch. Ist dick und Mitte vierzig das neue Nackt? S. R.

Liebe Frau R.
«Hätte der Neoliberalismus Titten aus Zement, er sähe aus wie Heidi Klum» (Peter Sloterdijk). Man kann den Satz auch umkehren: Was in unangezogenem Zustand aussieht wie Heidi Klum, ist die Verkörperung der Doktrin, dass jeder bis auf die nackte Haut für sich selbst verantwortlich ist. Die «private parts» (eine viktorianische Wendung!) sind dabei alles andere als privat, sie sind der öffentliche Ausdruck einer Moral der Selbstbeherrschung. Die «definierten Muskeln», die gestrafften Brüste, der Sixpack, die dezent gebräunte Haut, die rasierten Schamhaare, die korrigierten Schamlippen – das alles überzieht den Körper mit einer Art zweiter Haut. Und diese Kunst-Haut dient weniger dazu, sexuelles Begehren zu wecken, als vielmehr zu vermeiden, dass man sich vor sich selbst schämen oder gar ekeln muss. Kein Badkleid kann diese Überhaut ersetzen: Zu offensichtlich quellen die Makel des Körpers daraus hervor oder lassen sie sich unter den Textilien erahnen. Man fühlt sich von den Blicken der anderen ausgezogen – nackt eben.

Diese Art der Körperlichkeit ist m. E. tatsächlich erst etwa 30 Jahre alt. Sie unterscheidet sich sowohl von der sozialistischen Freikörperkultur der DDR als auch von der Nacktkultur-Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts. Erstere schuf einen idyllischen Rückzugsort von der Politisierung des Alltagslebens. (My body is my Schrebergarten, sozusagen.) Letztere war durch den Gedanken geprägt, dass es nichts Egalisierendes gibt als Nacktheit. (Kleider machen Leute, nackt sind alle gleich: ein grandioser, aber immerhin gut gemeinter Irrtum.)

Die andere Ideologie war eine Art rousseauistischer Rassismus, wie ihn etwa Richard Ungewitter vertrat: «Würde jedes deutsche Weib öfter einen nackten germanischen Mann sehen, so würden nicht so viele exotischen fremden Rassen nachlaufen.» Von solchem Naturkult ist das heutige Körper-Gedönse weit entfernt. Denn seine Ideologie ist die pure Ideologiefreiheit: Man fühlt sich einfach angezogener mit so einem Brazilian Waxing.

Erstellt: 22.05.2013, 08:44 Uhr

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