Dicke verdienen mit Abnehmen

In Grossbritannien lohnt sich das Abspecken neuerdings. Wer plangemäss abnimmt, wird von der Firma Weight Wins dafür bezahlt. Der staatliche Gesundheitsdienst erwägt einen Millionen-Einsatz dafür.

Vielleicht sind diese schweren Mädchen bald leichter – und reicher? Der britische Gesundheitsdienst will seine Bürger zum Gewichtsverlust animieren.

Vielleicht sind diese schweren Mädchen bald leichter – und reicher? Der britische Gesundheitsdienst will seine Bürger zum Gewichtsverlust animieren. Bild: Keystone

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Was haben all die Ratschläge, die Schlankheitskuren und Diätpläne gebracht? Nicht genug, klagt Grossbritanniens staatlicher Gesundheitsdienst. Mit fast einem Viertel fettleibiger Bürger im Vereinigten Königreich machen die Briten, im Urteil ihrer Ärzte, demnächst den Amerikanern ernst zu nehmende Konkurrenz.

Mehr als die Hälfte aller Erwachsenen soll bereits übergewichtig sein. Über 4 Milliarden Pfund, umgerechnet 6,4 Milliarden Franken, gibt der National Health Service (NHS) nach eigenen Berechnungen im Jahr für Krankheiten infolge Fettleibigkeit aus. In seiner Not erwägt der Dienst jetzt einen radikal neuen Ansatz. Er will seine Bürger dafür bezahlen, dass sie ihr Körpergewicht verringern. Abnehmen soll mit harter Münze belohnt werden. Ein paar Pfund mehr für ein paar Pfund weniger, ist die Losung.

810 Franken für ein Jahr ohne Rauchen

Finanzielle Anreize für Fitness sind natürlich nichts Neues. Einzelne Firmen oder Stadtverwaltungen haben schon in der Vergangenheit kleine Belohnungen ausgesetzt für gesunde Ernährung oder für den Verzicht aufs Rauchen. Der US-Riese General Electric etwa hat seinen qualmenden Mitarbeitern je umgerechnet 810 Franken angeboten für zwölf Monate Leben ohne Nikotin. Im kleineren Rahmen hat der NHS Ähnliches versucht: mit Lebensmittelgutscheinen für Schwangere, die während der Schwangerschaft das Rauchen einstellen.

Nun aber steht der Gesundheitsdienst an der Schwelle zu einer ungleich grösseren Aktion. Wenn sich die Ergebnisse eines jüngsten NHS-Pilotprojekts als positiv erweisen, könnte der Staat Hunderte von Millionen zur Verfügung stellen, um seine Bürger zum freiwilligen Gewichtsverlust zu animieren. Erste Resultate des gerade abgeschlossenen Versuchs mit 550 fettleibigen NHS-Patienten und NHS-Mitarbeitern in der Grafschaft Kent deuten immerhin auf beachtliche Erfolge hin.

Im Schnitt verloren die Testteilnehmer in sechs Monaten 6 bis 7 Kilogramm. Ein Viertel derer, die über diese Zeit hinaus dabeiblieben, schaffte es, binnen zwölf Monaten sogar 13 Kilo loszuwerden. Die Werte liegen wesentlich über denen, die normale Schlankheitskuren erzielen. Vor allem aber scheint beim neuen System die Wirkung länger anzuhalten. Die finanzielle Belohnung der Teilnehmer richtet sich in ihrem Umfang nämlich nicht nur nach der erzielten Gewichtsverminderung, sondern auch nach der Fähigkeit, das neue Gewicht für einige Zeit zu halten.

«Motivation fehlt»

«Die meisten Leute wissen, wie man Gewicht verliert: durch Selbstkontrolle beim Essen und durch Bewegung», sagt der Experte Winton Rossiter. «Aber sie kommen von ihrem Vorhaben ab, weil ihnen die Motivation fehlt. Finanzielle Anreize funktionieren, weil sie einen dafür belohnen, dass man kontinuierlich und auf sichere Weise abnimmt. Und weil man einen Bonus dafür bekommt, das Gewicht untenzuhalten.»

Rossiter muss es wissen. Der Ex-Investmentbanker britisch-amerikanischer Nationalität ist der Begründer des Unternehmens Weight Wins, dessen sich der NHS für seinen Testversuch in Kent bedient hat. Würde der Gesundheitsdienst das neue System aufs ganze Land ausweiten, könnte er 1,7 Milliarden Pfund im Jahr einsparen, glaubt der Firmenboss. Spätere Kostenersparnisse würden derartige Sofortinvestitionen in gesündere Bürger mehr als rechtfertigen.

In der Tat zahlte der NHS beim Pilotprojekt für jeden Teilnehmer 300 Franken in Rossiters Kasse. Weight Wins übernahm dafür die Auszahlung aller vereinbarten Summen für bestimmte Abspeckleistungen. Die Höchstsumme erzielte, für einen Verlust von 22 kg binnen sieben Monaten und das Halten des neuen Gewichts über sechs Monate, eine NHS-Versuchsperson mit 680 Franken. Die meisten Teilnehmer kamen auf wesentlich niedrigere Sätze.

Vorgeschriebene Gewichtskontrolle

Regelmässige Gewichtskontrollen gehören zu den Vorschriften. Die Abnahme muss im Rahmen des Vertretbaren liegen. Und wer partout nicht abnimmt, verliert seinen Einsatz. Im Grunde wettet bei Weight Wins also jeder auf den eigenen Erfolg. Aber, betont Rossiter, anders als bei Glücksspielen sei hier wirklich jeder seines Glückes Schmied: «Dies ist ein reines Geschicklichkeitsspiel, weil man sein eigenes Gewicht steuern kann.»

Nicht alle Briten sind von Rossiters Lösung überzeugt. Das Nationale Forum zur Bekämpfung von Fettleibigkeit zeigt sich skeptisch, was den langfristigen Erfolg mit dem schnell verdienten Geld angeht. Im Labour-Lager misstraut man den Motiven Rossiters und seiner Leute. Aber auch die prominente Tory-Abgeordnete Ann Widdecombe warnt vor voreiligen Beschlüssen: «Das wäre ja in Ordnung, wenn der NHS Geld übrig hätte, hat er aber nicht. Es fehlt an Geld. Und es gibt jede Menge Leute, die diese oder jene Behandlung brauchen könnten, für die zurzeit kein Geld da ist.»

Widdecombe selbst hat vor acht Jahren im Rahmen einer Fitness-Show des Fernsehens 15 Kilo abgenommen. «Wir alle können unser eigenes Gewicht unter Kontrolle halten», meint sie heute. Dafür müsse man die Leute nicht aus der Staatskasse bezahlen.

Erstellt: 28.05.2010, 22:01 Uhr

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