«Die Angeklagte sah die Skizze und musste lachen»

Julia Kuster zeichnet Verbrecher vor Gericht. Sie erklärt, wie sie mit Zeitdruck und Emotionen vor Ort umgeht.

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Sie haben schon mehr Mörder gesehen als viele andere, wie gehen Sie an Ihre Aufträge als Gerichtszeichnerin heran?
So klar ist mir das jeweils gar nicht. Ich weiss einfach, dass eine Gerichtsverhandlung stattfindet und es ein Bild für die Öffentlichkeit braucht. Da fotografieren untersagt ist, muss es eine Freihandzeichnung sein. Das Ganze hat etwas von einem Pranger: ein Bild fürs Volk zur Genugtuung. Deshalb kommt mir meine Tätigkeit auch etwas primitiv vor.

Wie viel wissen Sie vor dem Prozess von dem, was Sie im Gerichtssaal erwartet?
Den Fall kenne ich ein bis zwei Tage vorher. Ich weiss aber nie genau, wo ich sitze oder wie viel ich sehen werde. Das ergibt sich dann im Moment. Meistens sehe ich die Personen nur von hinten oder höchstens von der Seite. Nur einmal hatte ich die Gelegenheit, die Angeklagten von schräg gegenüber zu zeichnen.

Wie läuft Ihre Arbeit während des Prozesses ab?
Man muss schnell zeichnen, da sich alle bewegen. Meistens kann ich froh sein, wenn die angeklagte Person überhaupt in meinem Blickfeld ist. Oft sehe ich hauptsächlich Hinterköpfe. Zudem muss ich spontan sein, um an die Gerichtsverhandlungen gehen zu können.

Das klingt eher belastend, warum machen Sie diesen Job trotzdem seit zwei Jahren?
Es ist eine schöne Herausforderung. Ich muss in einer kurzen Zeit den Raum stauchen können, um alles aufs Bild zu bringen. Zusätzlich sind die Personen immer in Bewegung. Die Zeichnung ist nicht planbar, da oft unerwartete Bewegungen auftauchen. Das spornt mich an. Gleichzeitig herrscht im Saal hohe Konzentration. Es ist, als ob ich während des Zeichnens ein Hörbuch hören würde.

Welcher Fall blieb Ihnen speziell hängen?
Bei meinem ersten Auftrag sass ich schräg gegenüber den Angeklagten. Es war der Fall der beiden jungen Frauen, die eine Frau im Altersheim erstickten. Ich zeichnete sie ab, da rutschte mir die Zeichnung runter. Die Angeklagte sah die Skizze und musste lachen. Das war eine komische Situation für mich.

Hatten Sie schon mal Angst vor den Verbrechern oder einen Ekel gegenüber den schrecklichen Taten?
Klar bin ich manchmal ein wenig angewidert. Aber es passierte auch schon, dass ich eher mit den Angeklagten mitlitt. Auch wenn ihre Taten grausam waren. Während des Prozesses hört man auch viel über die Kindheit und das Umfeld der Täter. Das erregt oft Mitleid. Doch es war nie so, dass ich über eine Situation nicht hinwegkam oder sie mit nach Hause nahm.

Wollen Sie jeweils etwas speziell hervorheben in Ihren Zeichnungen?
Eigentlich nicht. Ich nehme mir jeweils vor, die Angeklagten neutral abzubilden, als handle es sich um einen Krug oder einen Apfel, auf den seitlich Licht fällt. Zum Teil wird mir erst, wenn ich die Illustration betrachte, klar, wie niedergeschlagen die Gezeichneten wirken. Es passiert also von alleine, dass Emotionen reinkommen. Grundsätzlich kann man sagen, dass ich schlussendlich keine «Verbrecherbilder», sondern eher Prozessbilder zeichne, in denen die Gesamtsituation abgebildet wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.12.2017, 09:56 Uhr

Julia Kuster

Nach dem Studium als wissenschaftliche Zeichnerin, begann Julia Kuster als Illustratorin beim Tages-Anzeiger zu zeichnen. Neben dieser Aufgabe unterrichtet sie Grafiker an der Beruffsschule in St. Gallen und macht auch Illustrationen für die Zeitschrift Reportagen.

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