Die Angst der einen wird für die anderen zur Gefahr

Die Impfquote steigt. Dennoch stecken sich Schüler noch immer mit Keuchhusten an, wie unlängst in Zürich. Warum Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen.

Keuchhusten-Bakterien sind für Säuglinge lebensgefährlich. Foto: Sciene Photo Library 

Keuchhusten-Bakterien sind für Säuglinge lebensgefährlich. Foto: Sciene Photo Library 

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Es ist Anfang September, zwei Schüler der Stadtzürcher Schule Schanzengraben sind krank, fehlen ein paar Tage im Unterricht. Alltag – könnte man meinen. Doch kurz darauf gibt der Schulärztliche Dienst allen Kindergärtlern und Primarschülern der Schule einen Brief und ein Informationsblatt mit nach Hause. Der Grund: Die beiden Schüler leiden an Keuchhusten. Seither hat der Brief unter den Eltern für viel Diskussionsstoff gesorgt.

Denn darin steht: «Keuchhusten ist eine sehr ansteckende Krankheit und es ist möglich, dass sich weitere Kinder oder Erwachsene angesteckt haben.» Und weiter: «Dies gilt vor allem für diejenigen, die nicht oder nicht vollständig gegen die Krankheit geimpft sind.» Der Schulärztliche Dienst empfiehlt, den Impfschutz gegen die Bakterien bei sich und den eigenen Kindern zu überprüfen. Bei «hartnäckigen Hustensymptomen» soll ein Arzt aufgesucht werden. Und Familien mit Säuglingen sollen grundsätzlich mit einer Ärztin oder einem Arzt Kontakt aufzunehmen.

Denn Säuglinge, Kleinkinder und Patienten mit chronischen Erkrankungen der Atemwege sind besonders gefährdet. In Extremfällen kann die Erkrankung tödlich enden. Schwere Komplikationen wie Lungenentzündung, Atemstillstand und Hirnentzündung können auftreten. Das Bundesamt für Statistik hat in der Schweiz zwischen 2006 und 2015 drei Todesfälle registriert.

«Ich glaube nicht an die Wirkung. Also nützt es nichts, wenn ich meine Kinder impfe.»Larissa Kleinert, Mutter und Impfgegnerin

Auch Erwachsene und ältere Kinder mit Keuchhusten leiden an den immer intensiver werdenden, krampfartigen Hustenanfällen, über Wochen. Dank Antibiotika können die Bakterien bei ihnen aber meist gut bekämpft werden. Im vergangenen Jahr mussten laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) 56 Kinder wegen Keuchhusten ins Spital. Insgesamt wurden in der ganzen Bevölkerung über 9000 Fälle registriert. Bei der letzten grossen Keuchhustenepidemie 1994 und 1995 erkrankten noch 46'000 Menschen. Die Zahl ist in der Folge lange Zeit stetig gesunken. Trotz neuen und ausgeweiteten Impfempfehlungen ist sie aber in den letzten zehn Jahren tendenziell wieder angestiegen.

Beste Prävention: Impfung

Ob die beiden Kinder im Zürcher Schulhaus Schanzengraben ungeimpft waren, lässt sich nicht abschliessend bestätigen. Andrea-Seraina Bauschatz, Kinderärztin und Leiterin des Schulärztlichen Dienstes der Stadt Zürich, macht zu den aktuellen Fällen keine Aussage, da sie unter ärztlicher Schweigepflicht steht. «Keuchhustenfälle hat es in den Volksschulen der Stadt Zürich im laufenden Jahr bisher drei gegeben, seit meinem Amtsantritt vor sechs Jahren waren es zwischen fünf und sieben Ausbrüche jährlich», sagt Bauschatz. Auch in der Stadt Bern komme es in der Volksschule zu Keuchhustenfällen, bestätigt Annemarie Tschumper, Co-Leiterin des Gesundheitsdienstes. Sie spricht von höchstens einem bis zwei Fällen pro Jahr, die gemeldet würden.

Die Bekämpfungsstrategien des Bundesamts für Gesundheit (BAG) sind bei allen Kinderkrankheiten unterschiedlich. Einig ist sich die Fachwelt darin, dass eine höhere Durchimpfung auch mehr Schutz bedeutet. Bei Keuchhusten, aber insbesondere auch bei Masern. Bei diesem Virus ist das Ziel klar: Ausrottung. Beim Keuchhusten hingegen fehlt ein Impfstoff, der für langfristige Immunität sorgt. Die Impfung muss immer wieder aufgefrischt werden.

«Dennoch ist die Impfung die beste Prävention», sagt Daniel Koch, Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim BAG. Der Fokus liege auf dem Schutz der Säuglinge. Ab dem zweiten Monat können sie geimpft werden, vorher empfiehlt das BAG eine Impfung der schwangeren Mutter, was einen gewissen Schutz auf den ungeborenen Säugling überträgt. Und schliesslich soll die Impfung des direkten Umfelds, also von Eltern, betreuenden Personen und Geschwistern, eine Art Schutzschild um die Kleinsten bilden.

«Wir impfen nicht!!»

Doch auch in der Schule und im Kindergarten sollten möglichst hohe Impfquoten erreicht werden, sagt Koch. «Schulen und Kinderkrippen sind Bakterienschleudern». Er spricht zwar von einer positiven Entwicklung: Immer mehr Kinder seien geimpft. «Trotzdem sterben nach wie vor Säuglinge an Keuchhusten», sagt Koch. Er plädiert für die Impfung: «Es gibt kein Recht, andere Kinder anzustecken.» Die zugelassenen Impfstoffe sind überprüft, ihre Wirksamkeit und Sicherheit wird von den meisten Ärzten anerkannt.

Doch gibt es nach wie vor einen Kreis von Skeptikern, die diesen Konsens anzweifeln. In der geschlossenen Facebook-Gruppe «Wir impfen nicht!! (Schweiz)» treffen sich knapp 500 von ihnen. Hier tauschen sie sich aus, weisen auf Filme, Studien, Autoren und Anlässe hin. Und vor allem stellen sie alltägliche Fragen und beschreiben ihre Sorgen und Ängste: Was soll ich machen, wenn mein Kind eine Wunde hat und im Spital plötzlich gegen Starrkrampf geimpft werden soll? Darf mein Kind mit frisch geimpften Kindern spielen?

Larissa Kleinert hat die Gruppe gegründet. Die Hausfrau wohnt mit ihrer Familie im Zürcher Oberland. Mit ihrem Mann hat sie zwei Töchter, drei und sechs Jahre alt – ungeimpft. Für Kleinert ist das Argument nicht gültig, sie könnten andere anstecken. «Ich glaube nicht an die Wirkung von Impfungen», sagt Kleinert. Wenn sie ihre Kinder impfe, schütze das niemanden.


Artikel: «Impfgegner glauben eher an Verschwörungstheorien» Menschen, die vermuten, dass bei vielen Dingen böse Mächte im Spiel sind, misstrauen auch der Pharmaindustrie, sagt Sozialpsychologin Pia Lamberty. (Abo+)


Kleinert hat nicht immer so gedacht. «Ich habe mich mit dem Thema nie auseinandergesetzt, bevor ich mit meiner ersten Tochter schwanger war», sagt sie. Doch dann habe ihre Hebamme sie darauf angesprochen. «Mir war nicht bewusst, dass mein Kind schon so früh so viele Impfungen erhalten soll», sagt die 36-Jährige. Sie habe begonnen, sich zu informieren, in Büchern, im Internet. Und irgendwann sei sie auch zu einem Impfgesprächskreis gegangen, wie sie etwa das impfkritische «Netzwerk Impfentscheid» veranstaltet.

Was sie dort mit auf den Weg bekommen habe, sei Aufklärung. Darüber, was Impfungen laut Schulmedizin bewirken sollen. Dass man immer nur diese Seite zu hören bekomme. Dass die entscheidenden Informationen fehlten. Dass die Wirkung von Impfungen nicht bewiesen sei. Und vor allem, dass die Wirkstoffe in den Spritzen grossen Schaden anrichten könnten. «Für mich ist das logischer Menschenverstand», sagt Kleinert heute. «Diese Chemie gehört nicht in den Körper.» Und sie habe gelernt, dass Erkrankungen wie die Masern mit natürlichen Methoden «begleitet» werden können. Doch warum traut sie den Ärzten nicht, den Behörden, der Mehrheit der Fachwelt? «Es geht ums Geld», sagt sie. Ärzte und Pharmakologen profitierten davon, wenn viele Menschen geimpft würden.

Bei David Rohr klingt es ähnlich. Der 36-jährige Informatiker und seine Frau wohnen in Hochdorf im Kanton Luzern, sind Eltern dreier ungeimpfter Kinder und in Kleinerts Facebook-Gruppe. Er habe sich vor der Geburt angefangen zu informieren, sagt Rohr. Er habe immer mehr Ungereimtheiten in der offiziellen Version der Ärzte gesehen. «Ich habe bestimmt schon vier, fünf ganze Wochen in die Recherche gesteckt», sagt er. Im Internet. Er missioniere nicht, aber: «Ich will für mich und meine Kinder die Verantwortung übernehmen», sagt er. Angst vor Krankheiten und ihren Auswirkungen habe er nicht. Dafür habe er sich zu genau mit ihnen auseinandergesetzt.

Mit Verständnis gegen Ängste

Jan Cahlik, Vizepräsident und Impfexperte des Berufsverbandes Kinderärzte Schweiz, versteht es, wenn Eltern Ängste haben. Wenn fixe Überzeugungen gegen das Impfen bereits da seien, sei es aber oft schwierig, sachliche Argumente anzubringen, sagt er. Je nachdem, welches Buch oder welcher Film gegen das Impfen gerade populär sei, würden andere Bedenken an sie herangetragen. Zurzeit sei etwa die Befürchtung populär, das in Impfdosen enthaltene Aluminium sei schädlich. «Ich versuche solche Sorgen und Ängste anzusprechen», sagt Cahlik. Im Fall des Aluminiums weist er darauf hin, dass die geringen Dosen unbedenklich seien.

Es gebe keine Studien, die eine Schädlichkeit nachwiesen. «Letztlich ist die Impfung selber der grösste Feind der Impfung», sagt Cahlik. Der durchschlagende Erfolg vieler Impfkampagnen hätte dazu geführt, dass heute die meisten Schweizer Krankheiten wie Masern, Starrkrampf oder Keuchhusten gar nicht mehr aus eigener Erfahrung kennen. «In vielen anderen Ländern, in denen diese Krankheiten noch häufiger vorkommen, käme es niemandem in den Sinn, die Impfungen abzulehnen», ist er überzeugt. Die jüngsten Zahlen des BAG stimmen ihn zuversichtlich. Die Impfverweigerer sind zunehmend in der Minderzahl. Wenn auch in einer überzeugten. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.10.2018, 09:11 Uhr

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