Die App, die weiss, warum das Baby schreit

Es ist ein Phänomen: Auf der ganzen Welt schreien Babys gleich und aus den gleichen Gründen. Aus dieser Tatsache wurde eine Hilfe für gestresste Eltern entwickelt.

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Das Baby schreit. Es will uns etwas damit sagen. Aber was? Ein Team in Taiwan hat eine App entwickelt, die Eltern sagt, ob ihr Baby hungrig oder müde ist, ob es Schmerzen hat oder frische Windeln braucht.

Drei Jahre lang sammelten Wissenschaftler etwa 300'000 Geräusche von hundert Neugeborenen in der Yunlin-Niederlassung des nationalen Universitätskrankenhauses Taiwan. Sie entwickelten daraus eine Smartphone-App namens Infant Crying Translator, ein Cloud-basiertes Programm, welches das Geschrei von Babys dekodieren kann – von der Geburt bis zum Alter von sechs Monaten.

Das Vorgehen ist simpel. Tippt man in der App auf «Aufnehmen», wird ein Clip des Kindergeschreis in die Cloud-Datenbank hochgeladen. Die Datei wird umgehend mit einer Audiosammlung verglichen – schon poppt das Ergebnis auf dem Bildschirm auf. Es dauert nur 15 Sekunden.

2014 gewann die App Infant Crying Translator einen Innovationspreis der Regierung Taiwans, seit 2015 ist sie für Android und iPhone erhältlich. Heute gibt es weltweit bereits Zehntausende Benutzer.

Jetzt mit besserer Genauigkeit

Die App mag noch nicht absolut perfekt sein, aber die Ergebnisse werden mit der Zeit immer besser. Laut Feedback der Benutzer liegt die Genauigkeit für Babys, die unter zwei Wochen alt sind, bei 92 Prozent. Bei Babys, die unter zwei Monate alt sind, war die Genauigkeit der App zunächst eher niedrig – doch mittlerweile stieg die Genauigkeit auf bis zu 85 Prozent. Für ein vier Monate altes Baby stimmen die Ergebnisse zu 77 Prozent – und auch hier gilt: Tendenz steigend.

«Als wir begannen, war die App für Babys, die mehr als zwei Wochen alt sind, nicht besonders genau. Damals enthielt unsere Datenbank nur Audiodateien sehr kleiner Babys, die wir im Krankenhaus aufgenommen hatten», sagt Chuan-Yu Chang, einer der leitenden Forscher. «Heute enthält die Datenbank viel mehr Audiodateien, die von Usern hochgeladen wurden. So kommt sie zu viel besseren Beurteilungen für eine breitere Altersgruppe.»

Zusätzlich können Eltern ihre App mithilfe eines selbstständig lernenden Algorithmus auf ihr Baby abstimmen. «Ausgehend von der tatsächlichen Situation eines jeden Babys, erstellt die Cloud-Datenbank einzigartige Datenmodelle, um die Erkennungsrate zu verbessern», sagt Chuan-Yu Chang.

Hohe Technologie, geringe Geburtenrate

Chang kommt aus Taiwan, einer Hightechinsel, auf der einige der weltbesten Informations- und Kommunikationstechnologieprodukte entwickelt werden. Es ist aber auch ein Land, dessen Geburtenrate mittlerweile zu den niedrigsten der Welt zählt. Wegen der hohen Lebenshaltungskosten verschieben viele Taiwanesen die Gründung einer Familie, sie ziehen die berufliche Karriere vor.

Das Population Reference Bureau berichtet, dass die Fruchtbarkeitsziffer in Taiwan 1,2 beträgt – sie liegt damit weit unter dem globalen Durchschnitt von 2,5 und dem entsprechenden Wert in Asien (2,2). Die Fruchtbarkeitsziffer steht für die durchschnittliche Zahl an Babys, die Frauen während ihres gebärfähigen Alters bekommen. Die taiwanesische Regierung hat Massnahmen wie Kinderzuschüsse und kostenlose Tagespflege getroffen – mit bescheidenem Erfolg.

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Laut dem taiwanesischen Präsidenten ist es eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit, den Geburtenrückgang umzukehren. Changs Team an der Yunlin-Universität für Wissenschaft und Technologie hofft, dass der Babyübersetzer einen Beitrag dazu leisten kann. «Es gibt viele Anwendungsmöglichkeiten für das Programm, um es noch hilfreicher für Eltern zu machen», sagt Chang. So arbeiten die Entwickler gemeinsam mit der Regierung daran, den Babyübersetzer in eine «Mobile Suite» für werdende Mütter zu integrieren. Das Ziel: Die kommende Elternschaft soll weniger einschüchternd wirken.

Mit einem führenden taiwanesischen Ausrüster arbeiten die Wissenschaftler auch daran, eine Vorrichtung zu entwickeln, die am Bett installiert werden kann. Dies würde es den Eltern erlauben, ihr Baby auch aus der Ferne zu beaufsichtigen. Das Gerät, das diesen Sommer auf den Markt kommen soll, hat ein eingebautes Mikrofon, das Geschrei erkennt und dann automatisch die Übersetzungs-App aktiviert. Das Ergebnis wird an die Eltern geschickt, sie können ihrem Kind zu Hilfe eilen – und wissen dabei schon, was das Baby stört. «Auch wenn die Eltern beschäftigt sind und nicht an der Seite des Babys sein können, wissen sie so immer, wie es ihrem Kind geht», sagt Chang. Babys ohne Grenzen

Laut Chang war eine der überraschendsten Erkenntnisse während der Entwicklung der App, dass Babys fast immer gleich klingen, egal wo sie geboren wurden – zumindest in der ersten Lebensphase. «Neugeborene Babys mit unterschiedlichen Nationalitäten weinen fast auf dieselbe Weise», sagt er und fügt hinzu, dass es auch zwischen männlichen und weiblichen Neugeborenen keine Unterschiede gibt. Changs Team ist deshalb davon überzeugt, dass ein verlässlicher «Babyleser» auch über Taiwan hinaus auf dem globalen Markt eine wichtige Rolle spielen wird.

Natürlich: Überall auf der Welt gibt es erfahrene Eltern, die selbst an einem schlechten Tag besser als die App wissen, warum das Baby schreit. Doch für Eltern, die erstmals ein Baby grossziehen, könnte die App Klarheit und Erleichterung verschaffen, wenn sie mit einem untröstlichen Neugeborenen konfrontiert sind. Und zwar unabhängig von der Nationalität.

«Aus meiner eigenen Erfahrung als Vater weiss ich, dass es auch Eltern manchmal nach Weinen zumute ist, wenn das Baby weint», sagt Chang. «Menschen haben Emotionen, und sie machen Fehler. Die App lässt sich nicht aus der Fassung bringen. Sie liest nur die Daten aus.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2016, 15:04 Uhr

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