Die Bischöfin der Königin

Sarah Mullally ist das neue religiöse Oberhaupt Londons.

Sie ist die ranghöchste Amts­trägerin in der Geschichte der anglikanischen Kirche: Sarah Mullally. Foto: Diocese of Exeter

Sie ist die ranghöchste Amts­trägerin in der Geschichte der anglikanischen Kirche: Sarah Mullally. Foto: Diocese of Exeter

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Vor kurzem sagte Anglikaner-Oberhaupt Justin Welby in einem Interview mit dieser Zeitung: «Ich bin zuversichtlich, dass wir bald eine Bischöfin von Canterbury haben werden, vielleicht schon unmittelbar nach mir.»

Jetzt ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung getan: Nicht Canterbury, aber London bekommt mit Sarah Mullally seine erste Bischöfin. Und der Bischof / die Bischöfin von London ist in der anglikanischen Hierarchie nach den Erzbischöfen von Canterbury und York die Nummer drei. London könnte für Mullally also zum Sprungbrett ins höchste Kirchenamt von Canterbury werden.

Die 55-jährige Mutter zweier erwachsener Kinder ist jetzt schon die ranghöchste Amts­trägerin in der Geschichte der anglikanischen Kirche. Als Bischöfin von London gehört sie von Amtes wegen zum britischen Oberhaus. Mullally wird auch einen privilegierten Zugang zur königlichen Familie haben. Bei royalen Hoch­zeiten, Taufen und Beerdigungen wird sie eine Rolle spielen. Denn der Londoner Bischofsstuhl ist in Personalunion mit dem Dekanenamt der königlichen Kapellen vereint. Der Bischof von London heisst denn auch «The King’s bishop», in diesem Fall ist es die Bischöfin von Königin Elizabeth II., die ihrerseits das formale Oberhaupt der Kirche von England ist.

So unaufhaltsam die Gleichberechtigung die anglikanische Kirche erobert, so angefochten bleibt sie auch.

Mit Königin Elizabeth, Premierministerin Theresa May und jetzt Bischöfin Mullally ist London fest in Frauenhand. Die bisherige Bischöfin von Crediton wird auf dem Bischofsstuhl der Londoner St. Pauls Cathedral sitzen. Wobei das bereits die zweite steile Karriere ihres Lebens ist. Vor ihrer geistlichen Laufbahn war sie 30 Jahre im Gesundheitsdienst tätig und brachte es bis zur Leiterin Pflege im britischen Gesundheitsministerium, verantwortlich für 40'000 Krankenpflegerinnen.

Mullally weiss am besten, dass sie als Bischöfin viele Anglikaner gegen sich haben wird. Die Frage der Frauenordination drohte die Kirche schon vor 25 Jahren zu spalten. Die Staatskirche hatte sich 1992 nach heftigen Kontroversen für die Zulassung von Frauen zum Priesteramt entschlossen. Eine Welle der Abwanderung zu den Katholiken war die Folge. Sogar Mullallys Amtsvorgänger Graham Leonard zog es vor, als Bischof von London zu gehen und Pfarrer der römisch-katholischen Kirche zu werden.

Bischöfinnen gibt es in der anglikanischen Kirche erst seit 2014. Seither wurden 22 neue Bischöfe geweiht, davon immerhin 12 Frauen. Mullally wurde 2015 in Exeter die erste Diözesanbischöfin der englischen Kirche. So unaufhaltsam die Gleichberechtigung die anglikanische Kirche erobert, so angefochten bleibt sie auch. Vor allem der römisch-katholischen und den orthodoxen Kirchen mit ihrem rein männlichen Klerus missfallen die Priesterinnen und Bischöfinnen der anglikanischen Kirche. So bald wird Mullally jedenfalls nicht nach Rom oder Moskau reisen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2017, 18:24 Uhr

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