Die Bürde des reichen Mannes

Die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern wächst. Und mit ihr die Angst der Milliardäre vor Aufständen. Ist sie berechtigt?

Luxusappartements in São Paulo mit Blick auf ein Armenviertel. Foto: Tuca Vieira

Luxusappartements in São Paulo mit Blick auf ein Armenviertel. Foto: Tuca Vieira

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Einst arbeitete Robert Johnson für den erfolgreichsten Investor der Welt, George Soros. Heute forscht er über Superreiche. Und sagte am letzten WEF in Davos: «Ich kenne Hedgefonds-Manager in der ganzen Welt, die Farmen mit kleinem Flugplatz in entlegenen Gegenden kaufen, etwa in Neuseeland, weil sie glauben, dass sie einen Ort für die Flucht brauchen.»

Eine ähnliche Geschichte hörte man 2008, nach dem Crash von Lehman Brothers. Damals kauften Finanzmanager in London plötzlich unauffällige Wohnungen in Mittelstandsquartieren. Um dort die Aufstände gegen Reiche zu überleben.

In der Schweiz erzählte ein Banker die Geschichte, dass manche Berufskollegen keine Nicht-Banker mehr zu sich nach Hause einladen. Weil ihre Villa übergross ist.

Das ist die Furcht der Gewinner vor den Verlierern. Die Frage bleibt: Ist sie Paranoia? Oder berechtigt?

Die Hälfte des Planeten

Klar ist nur: Die Kluft zwischen den Gewinnern und den Verlierern wächst. Und zwar rasant. 2009 kontrollierte das reichste Prozent des Planeten noch 44 Prozent des weltweiten Wohlstands, 2016 werden es erstmals in der Geschichte mehr als 50 Prozent sein.

Die quasi automatische Wucherung der grossen Vermögen hat Ursachen. Zum Ersten das Steuersystem: Der Staat hält sich an die Gelder, die nicht flüchten können. Und Kapital ist mobil, Löhne nicht. So kommt es etwa, dass der Milliardär George Soros prozentual nur halb so viel versteuert wie seine Sekretärin.

Zum Zweiten die Psychologie: Unter den Reichen herrscht ein brutaler Statuswettbewerb. Deshalb fühlen sich auch simple Millionäre arm – verglichen mit Halbmilliardären. Also wird es auch bei den Managementsalären keine Grenze geben, weder bei der Sattheit noch bei der Sittlichkeit: Weil eine Kaste unter sich konkurriert.

Zum Dritten läuft die Entwicklung der Weltwirtschaft voll in diese Richtung: Entscheidend ist das Kapital, nicht die Arbeit. Die bei weitem profitabelsten Branchen – die Finanzindustrie und die Software-Imperien – brauchen Investitionen, aber kaum Personal. Auch anderswo geht der Trend in Richtung Automatisierung: menschenleere Fabrikstrassen, selbst fahrende Autos, digital gemanagte Dienste wie Amazon oder Uber. Um solche Firmen zu entwickeln, braucht es Algorithmen, Patente, Marketing, smarte Roboter – in einem Wort: ein beträchtliches Startkapital. Dafür sind die Löhne später ein kleiner Posten: Sobald der Laden läuft, braucht es nur noch ein paar kluge Köpfe zur Entwicklung und für den Rest einige Aufseher. Kein Wunder, ist Geld gefragter als Menschen.

Das Ende der Mittelklasse

Lehrer. Chauffeure. Kassierer. Lageristen. Taxifahrer. Händler. Piloten. Übersetzer. Das Schicksal vieler Berufe wird sein, dass sie durch eine kluge App oder einen klugen Roboter ersetzt werden. Zumindest zum Teil.

Deshalb werden die Löhne sinken, egal, was die Leute leisten. Und Arbeitslosigkeit und Ärger werden zunehmen. Nicht zuletzt der politische Ärger. Da Geld Macht bedeutet, da grosses Geld unter den jetzigen Bedingungen fast automatisch wuchert, da es fast steuerfrei vererbt wird, stellt sich die Frage: Demokratie oder Oligarchie?

Letztere hat gute Karten. Die Finanzbranche hat zwar wenig Ideen, aber die Erpressungsgewalt: Fällt sie zusammen, fällt die Wirtschaft. Die IT-Branche ist die einzige, die heute eine Vision der Zukunft hat: die einer smarter organisierten Welt. «Klar, gibt es Klassenkampf», sagt der Milliardär George Soros. «Meine Klasse ist im Begriff, ihn zu gewinnen.»

Schiessen auf Nachbarn

Und die Aufstände? Zwar machen die Verlierer zunehmend Schlagzeilen: Unruhen in Ferguson, Pegida-Demon­strationen in Deutschland, Masseneinwanderungsinitiative in der Schweiz, Islamischer Staat im Irak.

Doch nichts davon zielt auf die Oberschicht. Der Angriff gilt nicht der Elite, sondern den unmittelbaren Konkurrenten. Klassenkampf kommt von oben, nicht von unten. Dort folgt man eher dem Modell Bürgerkrieg. Und schiesst auf Nachbarn.

Ausserdem brechen Aufstände nur in jungen Gesellschaften aus. Aber in Europa und den USA werden die Leute immer älter.

Kurz: Die Neuseeland-Farmen der Superreichen sind eher ein Investment in Paranoia. Oder ein Mittel, das Leben wieder spannend zu machen. Weil sie in der Welt, wie sie ist, schon gewonnen haben, egal, was sie tun.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2015, 23:54 Uhr

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