Die Chefideologin

Linda Landolt hat die Party Partei erfunden. Sie will dem Festen eine politische Stimme geben.

Für Linda Landolt sind Partys ein Kulturgut, das subventioniert werden sollte.

Für Linda Landolt sind Partys ein Kulturgut, das subventioniert werden sollte. Bild: Doris Fanconi

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Linda Landolt sitzt auf einem Gartenstuhl vor der Bar Dini Mueter in Zürich. Der Treffpunkt ist nicht zufällig gewählt. Die Bar ist der erste Versammlungsort der Party Partei, hier war Landolt Barchefin. Sie klaubt das Stäbchen, das eben noch im halb vollen Aperol Spritz steckte, vom Metalltisch. Die 27-Jährige gehört zu den Menschen, die nicht nur gern mit Holzspiessen auf der Tischplatte kratzen, sondern gleichzeitig das Gegenüber nie aus den Augen verlieren, während die Arme passend zum Wortlaut tanzen. Da ist keine Zerstreutheit, kein Verdruss. Nur pralle Aufmerksamkeit.

Es hat etwas von einem Blind Date. Jemanden vor sich zu haben, den man nur aus dem digitalen Raum kennt. So ist das mit Landolt – im Netz führt sie Diskussionen mit Menschen, die sie noch nie getroffen hat. Über 3000 Mitglieder hat ihre Facebookgruppe Party Partei innerhalb kurzer Zeit erreicht.

Subventionen für die Disco

Die Presse rätselt bereits über das Phänomen. Meist ist der Ansprechpartner Philipp Meier, der abgesetzte Chef des Cabaret Voltaire. Was vergessen geht: Die Idee stammt von Landolt. Sie habe Meier ins Boot geholt, «als ich las, dass er arbeitslos ist», sagt sie lachend. Es störe sie nicht, dass Meier in den Medien präsenter ist: «Das ist die Abmachung – jeder spricht für sich, wenn er angefragt wird.» Und: «Auf die Party Partei gibt es kein Patent.»

Warum ausgerechnet Party? «Jeder mag Partys, Partys verbinden Menschen wie nichts anderes.» Landolt erzählt von einem Schlüsselerlebnis, einer Fete, an der sich 2000 Menschen aus dem Clubleben zum «Friendly Fire» zusammentaten und jeder mit seinem Talent zum Fest beitrug. «Ich sah, wie viel kreatives Potenzial da ist und wie man die Kräfte bündeln könnte.» Die Party Partei vernetze Kreative, um die Beliebigkeit des Clubkommerzes zu durchbrechen. «Partys sind ein Kulturgut und exportierbar», sagt Landolt.

Ginge es nach ihr, sollten Partys und Clubs subventioniert werden. Weil Clubs in einem Konkurrenzkampf stehen, müssen sie sich kommerziell ausrichten. «Das macht die Clubs beliebig.» Ausserdem seien die Eintrittspreise auf ein wahnwitziges Niveau gestiegen. Die Stadt unterstütze andere Kulturstätten, die weit weniger Publikum anzögen, um dort Vielfalt zu gewähren. «Warum soll das nicht auch im Ausgang so sein?»

In New York politisiert

Politisch sei sie in New York geworden, sagt Landolt. Nach der Kindheit in Fehraltorf und der Matur am Liceo Artistico in Zürich besuchte sie viele Länder, «Mittelamerika, Indien». Dann, während des Filmstudiums an der Zürcher Hochschule der Küste, zog es sie wieder fort. Kurzfristig ergatterte sie sich einen Platz an der School of Visual Arts in New York, flog hin – und resignierte schnell.

«Das Bild, das besonders meine Generation von Amerika hat, gibt es nicht.» Schockiert sei sie gewesen ob der sozialen Misere. «Die Leute haben drei Jobs, verdienen doch nicht genug und glauben noch immer an die Mär vom Tellerwäscher, der Millionär werden kann.» Das war mitten in der Finanzkrise. Die Schere zwischen Arm und Reich setzte ihr zu: «Unten fahren sie mit der katastrophalen Metro, oben fliegen sie mit dem Helikopter von Ort zu Ort.»

Kapitalismuskritik gehört zum Programm der Party Partei. «Wir lassen uns nicht auf unsere Kaufkraft reduzieren», steht im Manifest der Facebookgruppe. Erinnerungen an Occupy Paradeplatz kommen auf. «Natürlich sind wir solidarisch mit der Bewegung», sagt Landolt. Doch Occupy sei irgendwann der Humor abhandengekommen. Die Party Partei wolle lustvoller mit Politik umgehen, mit mehreren Themen jonglieren.

Gegen den Politmief

Ist die Party Partei nicht bloss ein Sammelbecken wirr durcheinandergewürfelter Themenvorschläge? Mehr als ein loses Manifest auf Facebook existiert bisher nicht. So hat Philipp Meier, einer von sieben Vizepräsidenten (einen Präsidenten gibt es nicht), vorgeschlagen, den Gründungsanlass der Partei nächsten Samstag am «Tanz dich frei» in Zofingen durchzuführen. Doch Landolt ist nicht begeistert. Ihrer Meinung nach soll die offizielle Gründung – der Schritt aus dem digitalen Raum – mit grossem Knall erfolgen: Eine gut vorbereitete, rauschende Party in einer Schweizer Metropole solle es werden – «nicht eine Heuschreckenplage über einem Aargauer Städtchen». Das Thema sei in Diskussion.

«Zurzeit sehe ich die Party Partei als Gefäss für Ideen», sagt Landolt. Eine etablierte Partei strebe sie nicht an: «Wir sind eine Gegenbewegung zum Politmief.» Vielmehr träumt sie von einer globalen Bewegung, «die Druck von unten macht». Die Party Partei sei eine Idee, die jeder übernehmen dürfe, «Hauptsache, wir sind viele». Nach über drei Stunden und zwei Aperol Spritz erhebt sich die Chefideologin. «Entschuldige, bist du Linda?», fragt der Mann, der seit längerem mit seinem Laptop am Nachbartisch sitzt. Er sei auch Mitglied der Party Partei, ein aktives. Landolt erinnert sich, sie diskutieren die letzten Facebookposts, lachen. Getroffen haben sich die beiden noch nie zuvor.

Erstellt: 20.08.2012, 19:25 Uhr

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