Grosshöchstetten

Die «Cyber-Puffmutter»

Dank eines Sexangebots für Behinderte wurde Isabelle Kölbl zu einer der bekanntesten Prostituierten der Schweiz.

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«Managing Director». Das steht unter Isabelle Kölbls Namen, wenn sie eine Mail verschickt. Im persönlichen Gespräch drückt sie sich deutlicher aus: «Ich bin eine Cyber-Puffmutter.»

Isabelle Kölbl ist 56 Jahre alt, von Beruf Sexarbeiterin. Seit einem Jahr leitet sie ein einzigartiges Angebot. Auf ihrer Website Sexcare.ch bieten sich Sexarbeiterinnen an, die sich auf Männer mit einer Behinderung spezialisiert haben – sei es eine Querschnittslähmung, eine Demenz oder eine Erektionsstörung. Kölbl bildet die Frauen vorher in einem eintägigen Workshop aus und berät sie.

Das Projekt hat die Frau aus Grosshöchstetten zu einer der bekanntesten Schweizer Prostituierten gemacht. Nach einem Artikel in dieser Zeitung trat sie in der SRF-Sendung «Aeschbacher» auf, in «10vor10», bei Tele Züri. Der «Blick» widmete ihr eine halbe Seite, die «Schweizer Illustrierte» wählte sie unter die «hundert Frauen, die in Bern zu reden geben». «Einige warfen mir vor, ich wolle nur die Behinderten ausnehmen», sagt Kölbl. Ein Nachbar habe ihr mit dem Anwalt gedroht. «Aber solche Reaktionen kann man an einer Hand abzählen. Im Grossen und Ganzen war das Echo positiv.»

«Intensive Kommunikation»

Isabelle Kölbl ist ausgebildete Sexualbegleiterin – eine Fachperson, die mit Sex auch therapeutische Ziele erreichen will. Nach der Ausbildung hat sie in ihrem Einfamilienhaus in Grosshöchstetten ein Studio eingerichtet. Regelmässig empfängt sie Männer mit einer Behinderung. «Für mich ist Sex eine intensivere Art der Kommunikation», sagt sie.

Vor einem Jahr gründete sie die Seite Sexcare.ch mit zwei Geschäftspartnern. Ein Inserat auf der Seite kostet 200 Franken pro Monat. Zusätzlich verdient Kölbl mit den Workshops. Langfristig hoffe sie, dass Sexcare ein volles Einkommen einbringe, sagte Kölbl vor einem Jahr. «Mit 55 Jahren fühle ich mich fähig, für meine Überzeugung einzustehen.»

Nur sechs Frauen

Trotz grossem Medienecho fällt die Bilanz nach einem Jahr jedoch durchzogen aus. Kölbls Geschäftspartner sind abgesprungen. Der eine wandert nach Amerika aus, der andere macht weiter die Informatik für Sexcare, allerdings als Externer. «Er hatte Mühe mit seinen Kunden, weil der Name Sexcare im Handelsregister sie abschreckte.» Die Arbeitsbelastung für sie sei gross, sagt Isabelle Kölbl. «Ich würde mich manchmal gerne klonen.»

25 Frauen hat sie bisher ausgebildet. Nur sieben inserieren derzeit auf Sexcare.ch. «Ich habe das etwas unterschätzt», sagt Kölbl. Die Frauen bräuchten Herzblut, eine enorme Sozialkompetenz und dürfen keine Berührungsängste haben. Auch die Familie müsse dahinterstehen. «Es braucht wirklich extrem viel, damit eine Frau diesen Weg einschlägt.»

«Es braucht fünf Jahre»

Finanziell schaue noch nicht viel heraus. «Ich muss mir immer vor Augen führen, dass erst ein Jahr vergangen ist», sagt Kölbl. «Ein seriöser Betrieb braucht nun einmal fünf Jahre, bis er auf gesunden Beinen steht.»

Sie will sich nun aufs Wesentliche konzentrieren. Die Abläufe müssten einfacher werden, die Kosten sinken. «Ich muss schauen, dass ich keine Schulden mache.» Pläne werden erst mal zurückgestellt: eine Ausbildung für männliche Prostituierte, eine Erweiterung des Angebots für Deutschland.

«Vertrauen gewonnen»

«Wir haben im letzten Jahr viel Vertrauen gewonnen», sagt Isabelle Kölbl. Beamte der Berner Kantonspolizei informieren bei ihrem Workshop über die rechtliche Situation. Zudem berät Kölbl Pflegebetriebe beim Umgang mit dem Thema Sexualität. «Unter dem Strich ist die Arbeit sehr erfüllend», sagt Isabelle Kölbl. «Das Projekt ist immer noch mein geliebtes Baby.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.03.2015, 11:23 Uhr

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