Die Deutschkenntnisse bereiten den Lehrmeistern Kopfzerbrechen

Die Technische Fachschule Bern bildet 22 Flüchtlinge in den Bereichen Bau und Holz aus. Diese Woche wird entschieden, ob das Pilotprojekt weitergeführt wird.

Die handwerklichen Fähigkeiten sind nicht das Problem: Der 29-jährige Eritreer Abdulkerim Osman in der Holzwerkstatt der TF Bern.

Die handwerklichen Fähigkeiten sind nicht das Problem: Der 29-jährige Eritreer Abdulkerim Osman in der Holzwerkstatt der TF Bern. Bild: Valérie Chételat

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Es ist still in der Holzwerkstatt an der Felsenaustrasse in Bern. Konzentriert stehen die zwölf jungen Männer der Klasse EBA Holz an ihren Tischen und arbeiten an Holzstücken. Mit Bleistift zeichnen sie auf, wo ein Schnitt anzusetzen ist, oder machen sich daran, die Sägemaschinen einzustellen.

Abdulkerim Osman arbeitet an einem kleinen, quadratischen Holzklotz. «Ein Geschenk für die Kinder am Tag der offenen Tür», sagt der gebürtige Eritreer. Der 29-Jährige bringt bereits handwerkliche Erfahrung mit in die Ausbildung: In seiner Heimat hatte er als Goldschmied gearbeitet. Doch dort habe er keine Werkstatt gehabt wie hier in der Schweiz, sagt der scheu wirkende Mann: «In Eritrea arbeitet der Goldschmied direkt im Laden.»

An der Arbeit mit Holz gefalle ihm besonders, dass es ihm im Alltag helfe. Zu Hause in Nidau sei kürzlich sein Bett kaputt gegangen. Dank dem, was er in den letzten Monaten in der Holzwerkstatt der Technischen Fachschule gelernt habe, habe er es selber reparieren können. «Ich kann nun auch mit einem Akkubohrer umgehen», sagt Abdulkerim Osman und strahlt.

«Das meiste ist gut gegangen»

Die Ausbildung des Eritreers und seiner elf Kollegen an der ehemaligen «Lädere» dauert zwei Jahre. Das Interesse an beiden Ausbildungsgängen sei riesig gewesen, sagt Projektleiter Felix Schärer: «Angesichts der kurzen Zeit zwischen Ausschreibung und Prüfungstag war die Nachfrage beeindruckend gross.»

«Ein Diplom ist wichtig, um Arbeit zu finden.»Khebat Khoder, Flüchtling aus Syrien

Auf eine neunmonatige Einführung ins Handwerk mit unterstützendem Sprachunterricht und Coaching folgt ein ganzjähriges Praktikum in einem Privatbetrieb. Abgeschlossen wird die Ausbildung mit einer Prüfung.

Mit dieser erwerben die zwölf Absolventen das eidgenössische Berufsattest (EBA). Danach können die Schreinerpraktikanten eine Lehrstelle antreten oder auf einer Baustelle einfache Schreinerarbeiten ausführen.

Finanziert wird der Lehrgang vom Kanton Bern, der das Pilotprojekt in enger Zusammenarbeit mit den bernischen Baumeisterverbänden erarbeitet hat. An der Technischen Fachschule selbst wurden für die Ausbildungsgänge zwei zusätzliche Vollzeitstellen geschaffen.

Felix Schärer findet, der Einsatz habe sich gelohnt: «Angesichts der kurzen Anlaufzeit ist das meiste recht gut über die Bühne gegangen.» Natürlich gäbe es Optimierungspotenzial, eine eigentliche Planungsphase «wäre nicht schlecht gewesen».

Trotzdem zieht Schärer eine positive Bilanz: «Wir sind begeistert von der guten Stimmung, welche die Migranten in die Klassenzimmer und Lehrhallen bringen.» Kopfzerbrechen bereite ihm sowie den Berufsbildnern, Lehrmeistern und Lehrern einzig, dass die Flüchtlinge Mühe mit der Sprache haben.

Die Sprache ist die grösste Hürde

Auch Berufsbildner Daniel Meinen, der an diesem Vormittag die Migranten anleitet, sagt: «Es braucht viel Zeit, um die Arbeitsschritte zu erklären.» Aus diesem Grund seien sie mit dem Lehrplan im Rückstand. Die meisten Absolventen könnten problemlos von ihrem letzten Wochenende erzählen – sobald es jedoch um Fachausdrücke gehe, werde es schwierig.

Diesen Eindruck bestätigt Khebat Khoder, der sagt: «Mit Holz arbeiten kann ich gut, aber jetzt muss ich die Fachsprache lernen.» Seine Englischkenntnisse seien ihm eine grosse Hilfe, sagt der Syrer, der sich an der Universität Homs zum Übersetzer ausbilden liess. Dann brach der Krieg aus und er flüchtete ins irakische Kurdistan, wo er sich als Schreiner durchschlug.

Gelernt hatte Khoder das Handwerk von seinem Vater, der zu Hause in Syrien mit Holz gearbeitet hatte. Anfang 2014 flüchtete der 29-Jährige in die Schweiz. Er sei dankbar für die Chance, die er durch diese Ausbildung erhalte, sagt er: «Ein Diplom ist wichtig, um Arbeit zu finden.»

Andere Selektion nötig?

Die Frage ist, wie man bei einem allfälligen nächsten Jahrgang mit dem «Problem» Sprache umgeht. Wäre beispielsweise ein Intensiv-Deutschkurs hilfreich? Daniel Meinen winkt ab: «Die Fachsprache lernen die Migranten am besten bei der Arbeit.»

Das brauche halt einfach Zeit. Felix Schärer sagt, ein zusätzlicher Deutschkurs sei leider auch nicht finanzierbar. «Bei einem allfälligen weiteren Jahrgang werden wir jedoch die Selektion anpassen.»

Verbesserungspotenzial gäbe es auf jeden Fall bei den Praktika, glaubt Daniel Meinen: «Anstelle eines ganzjährigen Praktikums wären mehrere kurze Stages in verschiedenen Betrieben hilfreicher.»

Trotzdem sagt auch Meinen, das Pilotprojekt sei insgesamt eine gute Erfahrung. Man spürt, dass er die jungen Männer aus Eritrea, Afghanistan und Syrien ins Herz geschlossen hat. Meinen versucht, seine Schützlinge möglichst gut an ihren künftigen Beruf heranzuführen.

«Wir sind auch schon alle zusammen in den Wald gegangen, um zu sehen, wo unser Rohstoff wächst.» Das sei aufschlussreich gewesen, denn für die meisten seiner Schüler sei die Unterscheidung zwischen einem Nadel- und einem Laubbaum neu gewesen. Überhaupt sei das entstandene Gemeinschaftsgefühl etwas vom Schönsten an seiner Arbeit.

Dass auch die zwölf angehenden Schreinerpraktikanten den Teamgeist schätzen, habe ein spontan organisiertes Weihnachtsessen gezeigt: «Plötzlich standen sie mit Raclette-Öfeli und Würsten da und wollten ein Fest veranstalten», erzählt Daniel Meinen und lacht.

Diese improvisierte Feier unterstreicht die Dankbarkeit, die alle Migranten im Gespräch ausdrücken. Enttäuscht seien sie einzig darüber, dass sie von den Schweizer Behörden keine Gratifikation für ihre Bemühungen erhalten, sagt Felix Schärer.

«Das ist wirklich ein Problem: Sie bekommen immer gleich viel Geld von der Sozialhilfe – egal, ob sie im Bett bleiben oder diese Ausbildung hier absolvieren.» (Der Bund)

Erstellt: 25.01.2016, 10:16 Uhr

Brückenangebote

Ausbildungsangebote von A bis Z

Bund und Kantone halten fest, dass die Integration von Migrantinnen und Migranten wenn möglich in den sogenannten Regelstrukturen (z.B. Berufsschule, Arbeitsmarkt) stattfinden soll. Nur dort, wo diese Strukturen Lücken aufweisen würden, hätten die Kantone mit einer spezifischen Integrationsförderung einzugreifen.
Weil jedoch vielen Flüchtlingen aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse der Zugang zu den Regelstrukturen verwehrt bleibt, finanziert der Kanton diverse Brückenangebote und Fachkurse. Diese sollen den Flüchtlingen den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern.

Neben der Technischen Fachschule (TF) Bern bieten das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (SAH) Bern sowie das Centre interrégional de perfectionnement (CIP) in Tramelan solche Kurse an. Das SAH Bern bietet Fachkurse im Bereich Pflege (mit anerkanntem Zertifikat), Hauswartung, Reinigung und Hausdienst, Spitex sowie Gastgewerbe an.
Das halbkantonale CIP hat folgende spezialisierte Brückenangebote im Programm: Reinigung/Hauswart, Industrie, Pflege sowie Verkauf. Die von SAH und CIP angebotenen Kurse dauern zwischen 5 Wochen (Zusatzmodul Gastgewerbe), 6 Monaten (Fachkurs Hauswartung) und einem Jahr (Fachkurs Pflege).

Zugelassen sind anerkannte Flüchtlinge mit einem Ausweis B oder F sowie vorläufig Aufgenommene. Je nach Kurs braucht es unterschiedliche sprachliche Vorkenntnisse.

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