Die Eltern unseres Kindes

Born in the USA: Wie ein Schweizer Paar sein Kind von einer amerikanischen Leihmutter austragen liess.

Längst nicht bei allen geht der Kinderwunsch in Erfüllung: In der Schweiz bleiben 10 bis 15 Prozent der heterosexuellen Paare ungewollt kinderlos. Foto: iStock

Längst nicht bei allen geht der Kinderwunsch in Erfüllung: In der Schweiz bleiben 10 bis 15 Prozent der heterosexuellen Paare ungewollt kinderlos. Foto: iStock

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Heiraten und eine Familie gründen – das ist noch im­mer die Standardbiografie, die Schablone für ein gu­tes Leben. Aber was, wenn das vermeintlich Selbst­verständliche einem verwehrt bleibt?

Jasmin und Andreas leben in einem Einfamilien­haus bei Zürich, sie arbeitet als Architektin, er als Arzt, in Wahrheit heissen sie anders. Sie würden die aufreibende Reise, die vor zehn Jahren mit einem Termin beim Gynäkologen begann, auch unter ihrem wahren Namen erzählen, wären sie jetzt, im Frühling 2019, nicht glückliche Eltern eines einjährigen Soh­nes, der zu klein ist, um die eine grosse Frage zu beantworten: Muss für andere ein Geheimnis bleiben, wie er gezeugt und geboren wurde? Ist Leihmutter­schaft ein Makel, den man besser verschweigt?

Jasmin und Andreas möchten, dass diese Frage öffentlich diskutiert wird. Sie haben ihre Geschichte sorgfältig dokumentiert und sich einige Wochen lang begleiten lassen. Denn sie wollen, dass Paare, die Ähnliches erleben, sich weniger allein füh­len, als es bei ihnen der Fall war. Dass zu dem Gefühl, sich für etwas zu entscheiden, das die Gesellschaft verurteilt und deshalb verbietet, nicht auch noch die Bürde kommt, mit niemandem darüber sprechen zu können.

In der Schweiz bleiben 10 bis 15 Prozent der hete­rosexuellen Paare ungewollt kinderlos, schätzt die Reproduktionsmedizinerin Anna Raggi aus Basel. Seit einigen Jahren steigt die Zahl. Warum das so ist, konnte noch nicht abschliessend erforscht werden, sicher spielt das steigende Alter von Paaren eine Rol­le, wenn sie sich für Kinder entscheiden, und mögli­cherweise sinkt durch Umwelteinflüsse in Industrie­ländern die Qualität des Spermas.

Jasmin und Andreas, damals 27 und 33 Jahre alt, hatten ein halbes Jahr versucht, schwanger zu wer­den; eine Endometriose verschlechterte die Aussich­ten weiter. Im Frühling 2010 wenden sich die beiden an die Reproduktionsmedizin. Bei Jasmin werden zwei Inseminationen durchgeführt. Andreas’ vorbehandeltes Sperma wird über einen Katheter direkt in ihre Gebärmutter geleitet. Es ist die gängigste und einfachste Form der Reproduktionsmedizin, die Erfolgswahrscheinlichkeit liegt bei etwa 15 Prozent. Jasmin wird nicht schwanger.

«Ein unerfüllter Kinderwunsch – ich wünsche es nicht meinem schlimmsten Feind.»Jasmin

Andreas: «Wenn du kein Kind kriegst, dann ist jede Weihnacht eine Weihnacht ohne Kind, jeder Ge­burtstag ein Geburtstag ohne Kind. Die anderen be­kommen Kinder, diese werden eins, werden zwei, werden drei, gehen in den Kindergarten, und du bleibst stehen. Unser soziales Leben ist zusammen­gebrochen. Wir hatten fast keine Freunde mehr und haben auch bewusst Kontakte abgebrochen. Immer wenn die Leute Bemerkungen machten oder schwan­ger wurden, war das ein Grund, sie zu meiden. Meis­tens haben wir uns bemüht, nicht ganz so offensicht­lich zu sein, aber dann hat es sich verlaufen.»

Warum wollen Jasmin und Andreas überhaupt unbedingt ein Kind? Jasmin: «Wir haben wirklich daran gearbeitet, uns mit der Situation abzufinden. Natürlich, in der heutigen Welt kannst du auch ohne Kinder glücklich werden. Aber ich konnte mich selbst nie wirklich da­von überzeugen. Ich hatte immer das Gefühl, diese grosse schwarze Wolke hängt über uns, egal wie sehr wir uns bemühen. Ich hätte alles getan, um ein Kind zu bekommen. Wahrscheinlich hätte ich mir den Arm abschneiden lassen, wenn das die Lösung gewesen wäre. Ein unerfüllter Kinderwunsch – ich wünsche es nicht meinem schlimmsten Feind.»

«Wir gingen alle paar Tage zum Arzt»

Im Herbst 2010 beginnt das Paar mit künstlicher Be­fruchtung – die nächste Stufe der Reproduktions­medizin. Zwei Wochen lang tägliche Hormonsprit­zen, um statt einer Eizelle mindestens acht bis zehn Eizellen pro Zyklus in Jasmins Gebärmutter heranreifen zu lassen. Diese werden zum Zeitpunkt des Ei­sprungs unter Narkose entnommen, im Reagenzglas mit dem Sperma befruchtet, drei Tage lang unter dem Mikroskop beobachtet und dann einzeln oder – wie Jasmin und Andreas entscheiden – zu zweit wieder in die Gebärmutter eingesetzt.

Jasmin: «Wir gingen alle paar Tage zum Arzt, er zählte meine Eizellen, mass meine Schleimhautdi­cke, ich war ständig im Stress. Irgendwann kam ein Anruf, dann musste ich alles fallen lassen und sofort eine Spritze setzen. Wir haben an den unmöglichsten Orten Spritzen gesetzt, in einem Keller zwischen Kis­ten zum Beispiel. Ich glaube, alle Leute, die das ma­chen, finden es verrückt, aber man kann nur schwer aufhören. Du fängst an und sagst, ja, ich will es, und machst einfach alles, was nötig ist.»

Dann die gute Nachricht: Der Bluttest ist positiv. Jasmin ist schwanger. Aber schon nach wenigen Wo­chen hat sie einen Abgang. Nichts Ungewöhnliches, bis zu 50 Prozent der Schwangerschaften enden so. Sie versuchen es erneut. Wieder wochenlang Hormone spritzen, Arzttermine, Ultraschalls. Diesmal nistet sich gar nicht erst eine Eizelle ein. Beim dritten In-­vitro-Zyklus können bei Jasmin so viele reife Eizellen entnommen werden, die sich auch befruchten, dass zwei eingesetzt und weitere für später eingefroren werden.

«Jeden Monat diese theoretische Möglichkeit, schwanger zu werden, das machte uns wahn­sinnig.»Andreas

Jasmin: «Durch die Hormonbehandlung wurde mein Bauch ganz geschwollen, mit viel Flüs­sigkeit drin, ich konnte nicht mehr gut atmen und hat­te jedes Mal Panik. Ich wurde sehr aggressiv und emotional. Wut war meine Energiequelle. Ich dachte: Entweder bekomme ich ein Kind, oder ich sterbe. Ich dachte: Ich kämpfe bis zum letzten Atemzug. Aber je länger es dauerte, desto mehr verloren wir die Hoff­nung.» Beim dritten Transfer wird Jasmin wieder nicht schwanger. Auch beim vierten, fünften und sechsten Versuch nicht.

Andreas: «Mein Gefühl war, dass wir übrig gelas­sen oder vergessen wurden. Ich wollte wenigstens wissen, warum es nicht klappt. Aber kein Arzt konnte uns das sagen. Alles funktionierte, oberflächlich ge­sehen. Jeden Monat wieder diese theoretische Möglichkeit, schwanger zu werden, das machte uns wahn­sinnig.» Sie versuchen es ein siebtes und achtes Mal.

Mit niemandem sprechen sie darüber, einzig Jas­mins Eltern weihen sie ein. Wenn die Hormone ihr auf die Psyche schlagen, behauptet Jasmin, sie habe Migräne. Wenn sie wieder mal zum Arzt muss, schiebt sie einen Termin mit einem Auftraggeber vor. Nicht einmal ihre beste Freundin, mit der sie das Architekturbüro führt, zieht sie ins Vertrauen. Zu sehr fürchtet sie, verurteilt zu werden. Die Vorwürfe, die sie sich selbst macht, sind quälend genug.

Jasmin: «Ich fragte mich ständig: Was habe ich falsch gemacht, was stimmt nicht mit mir? Warum können es die anderen, warum ich nicht? Zuerst dachte ich, es muss an mir liegen oder an uns beiden. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass Andreas das Problem ist. Ich habe die Ärztin gefragt, ob ich mei­nen Mann austauschen soll – da hat sie mir richtig den Kopf gewaschen.»

Manche Paare finden sich irgendwann mit einem Leben ohne Kinder ab, für andere birgt der unerfüll­te existenzielle Wunsch psychisches Leid, bis hin zu schweren Depressionen.

Versuch zu adoptieren

Im Dezember 2013, vier Jahre nach ihrem ersten Ter­min beim Gynäkologen, fliegen Jasmin und Andreas nach Jekaterinburg in Russland. Vier lange Jahre lie­gen hinter ihnen, in denen ein Geheimnis ihr Leben bestimmt hat, das grösser und grösser wurde und sie zu verschlucken droht. Sie haben 14 Embryonen in Jasmins Gebärmutter einsetzen lassen. Für einige Be­handlungen waren sie in Deutschland, in der Schweiz hätten diese bereits an die 50'000 Franken gekostet. Nun wollen sie etwas anderes versuchen: Adoption.

Ein Kind zu adoptieren gilt in der Schweiz als letzter legaler Ausweg aus der ungewollten Kinderlosigkeit. Jasmin und Andreas besuchen Kurse, absolvieren psychologische Test, stehen einer Sozialarbeiterin Red und Antwort und erhalten eine «Eignungsbe­scheinigung zwecks Adoption». Sie melden sich bei einer vom Bund anerkannten Vermittlungsstelle an. Dann fliegen sie nach Russland, denn die Wartelisten der Agenturen für Adoptionen innerhalb der Schweiz und aus anderen Ländern sind voll – die Chancen also gering. Es gäbe noch die Möglichkeit einer Privat­adoption, auf eigene Faust nach Indien, Burkina Faso oder in ein anderes fernes Land fliegen – aber das ist ihnen zu heikel.

In Russland ist das Adoptionswesen gut organi­siert, in Jekaterinburg haben Jasmin und Andreas einen Termin auf dem zuständigen Amt. Vom Flug­hafen werden sie in eine Wohnung gebracht und am nächsten Morgen zur Behörde gefahren. Dort werden sie lange ausgefragt, müssen angeben, ob sie auch ein krankes oder behindertes Kind aufnehmen würden, dann bar zahlen.

Zurück in der Schweiz beginnt die Zeit des War­tens. Ende 2015, nach zwei Jahren, stehen sie zu­oberst auf der Liste der adoptionswilligen Paare, das Ziel scheint fast erreicht. Aber dann tut sich plötzlich nichts mehr, Andreas ruft bei der Agentur an und er­hält zur Antwort, dass es aussichtslos sei. Der bewaff­nete Konflikt zwischen Russland und der Ukraine be­lastet das Verhältnis zwischen Russland und den europäischen Ländern, vielleicht spielt das eine Rol­le. Möglicherweise gibt es Probleme innerhalb der Agentur, Jasmin und Andreas finden es nicht heraus. Aber es fühlt sich an, als sei alles verloren.

Jasmin ist zu allem bereit, auch zu diesem Schritt.

Viele Paare, die sich entscheiden, ein Kind zu ad­optieren, scheitern schon viel früher als Jasmin und Andreas – oft aus den gleichen Gründen, aus denen sie kein Kind austragen können, wegen chronischer Erkrankungen etwa. Andere haben Jahre erfolgloser Kinderwunschbehandlungen hinter sich und sind, wenn sie sich schliesslich von dem Wunsch nach einer eigenen Schwangerschaft verabschiedet haben, zu alt für eine Adoption.

Als sie einsehen müssen, dass aus der Adoption nichts wird, unternehmen Jasmin und Andreas einen weiteren Versuch mit künstlicher Befruchtung. Wie­der die Arztbesuche, die Ultraschalls, die Spritzen, der aufgeblähte Bauch. Wieder ist alles vergeblich. Im Juni 2016 spricht sich die Schweizer Stimmbe­völkerung für die Präimplantationsdiagnostik aus: Im Reagenzglas befruchtete Eizellen dürfen nun auf Krankheiten untersucht werden, bevor sie in die Ge­bärmutter eingesetzt werden.

Für Jasmin und Andreas kommt die Abstimmung zu spät, sie sind bereits in den Monaten zuvor mehrmals nach Spanien geflogen, wo die Präimplantations­diagnostik legal ist. Eine Ärztin entnimmt vier weite­re Male Eizellen und befruchtet sie, die Embryonen sehen gesund aus, was darauf hinweist, dass Jasmins Gebärmutter die Embryonen nicht behalten kann. Eindeutig klären lässt sich die Ursache auch jetzt nicht, wie in vielen Fällen von unerfülltem Kinder­wunsch.

Die Ärztin rät zur Leihmutterschaft. Als einzige Alternative sieht sie die Möglichkeit, dass Jasmin nebenwirkungsreiche Medikamente ein­nimmt, sogenannte Immunglobuline, damit ihr Kör­per den Embryo möglicherweise behält. Die Wirkung ist allerdings umstritten. Jasmin ist zu allem bereit, auch zu diesem Schritt, aber Andreas und ihre Mutter reden ihr das aus. Zu gross ist bereits jetzt die körper­liche und psychische Belastung, seit sechs Jahren wird sie fast durchgehend mit Hormonen behandelt. Und so lässt sich das Paar von einer Anwältin in Win­terthur zu den juristischen Aspekten der Leihmutter­schaft beraten.

«Alle Arten von Leihmutterschaft sind unzuläs­sig», steht in der Bundesverfassung (Art. 119 Abs. 2 Best. d BV). Das Bundesgesetz über die medizinisch unterstützte Fortpflanzung (FMedG) unterstreicht in Artikel 31 das Verbot. Und laut Artikel 252 des Schwei­zerischen Zivilgesetzbuches ist die Mutter eines Kin­des diejenige Frau, die das Kind geboren hat.

Jasmin und Andreas erhalten Adressen in den USA, wo die Leihmutterschaft über Agenturen in mehreren Staaten explizit erlaubt ist. Nach und nach schrumpft der Schrecken und wird zur Möglichkeit. Im Juli 2016 entscheiden sie sich, es zu versuchen – Jasmin ist inzwischen 34, Andreas 40.

«Wir haben ein Match»

An einem Abend im August 2016 kommt Jasmin vom Büro nach Hause, Andreas steht schon in der Einfahrt und sagt: «Wir haben ein Match.»

Ein Treffer wie bei Tinder, die beiden Paare wollen einander näher kennen lernen. Jasmin: «Wir hatten wahnsinnige Angst vor der Leihmutter. Sie war eine bedrohliche Figur, weil sie das Kind austrägt. Wenn dir als Frau gesagt wird, du kannst kein Kind haben und du sollst eine andere nehmen, dann findest du diese Vorstellung im ersten Moment schrecklich.»

Andreas: «Wir waren so verzweifelt, dass wir ein­fach nur dachten: Gut, reden wir halt mit denen. Wir haben mit Beth und William geskypt, und es hat so­fort gefunkt. In dem Moment war alles gut. Wir ha­ben uns noch während des Gesprächs gegenseitig ge­sagt, dass wir das miteinander machen wollen.»

«Es gibt diese Vorstellung: Man fliegt kurz rüber und kauft sich ein Kind – aber so ist es nicht.»Anika König, Ethno­login

Bald werden die Verträge ausgearbeitet – wer welche Kosten trägt, in welchem Fall ein Schwanger­schaftsabbruch vorgenommen wird, dass die Verant­wortung für das Kind in jedem Fall bei Jasmin und Andreas liegt. Im September 2016 fliegen die beiden nach New York. Dort müssen sie die in den USA vor­geschriebenen gesundheitlichen Abklärungen vor­nehmen: HIV-Test, Hepatitistest, Drogenkonsum ausschliessen. Auch die in Spanien befruchteten Em­bryonen müssen nun in die USA. Die Ärztin kümmert sich darum.

Leihmutterschaft in den USA

Die Gründe, wieso Frauen sich dafür entscheiden, für andere ein Kind auszutragen, sind sehr unterschied­lich. Bezogen auf die USA hat die Luzerner Ethno­login Anika König, die zum Thema transnationale Leihmutterschaft habilitiert, drei Hauptmotive ge­funden. Es gibt religiöse Frauen, denen Familie als das höchste Gut gilt, was sie anderen ebenfalls er­möglichen wollen. Andere haben im engeren Freun­des- und Familienkreis das Thema Unfruchtbarkeit miterlebt und geben an, durch ihre Fähigkeit, ein Kind auszutragen, anderen den Schmerz der Kinder­losigkeit ersparen zu wollen. Schliesslich gibt es Frau­en, die angeben, das Schwangersein zu geniessen, aber keine weiteren eigenen Kinder haben zu wollen.

König führt seit Jahren Interviews mit Wunsch­eltern in der Schweiz und in Deutschland sowie mit Leihmüttern in den USA, sie ist Teil einer internatio­nalen Arbeitsgruppe und publiziert gemeinsam mit amerikanischen und indischen Kolleginnen. Sie sagt: «Es gibt diese Vorstellung: Man fliegt kurz rüber und kauft sich ein Kind – aber so ist es nicht. Der Prozess ist extrem aufwendig, er kann sich ewig hinziehen, sehr viel Geld kosten und ist immer wieder auch ohne Er­folg.»

US-amerikanische Agenturen verlangen von Leihmüttern häufig den Nachweis, nicht existenziell von der Bezahlung abhängig zu sein. Viele Agenturen sind bemüht, die Leihmutterschaft als altruistischen Akt zu konzipieren, bei dem die Bezahlung zwar not­wendig ist – vor allem auch, um die medizinischen und administrativen Kosten zu decken –, aber nicht zentral. Beth und William leben mit ihren drei Kin­dern in einer ländlichen Gegend im US-Bundesstaat Wisconsin. Einfamilienhaus, Garage, Pick-up. Sonn­tags gehen sie in die Kirche, und Beth hat auf ihren Unterarm einen Bibelspruch tätowiert.

Jasmin hat zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl, nicht allein zu sein in diesem Kampf.

Beth: «Mein Leben war nicht ganz erfüllt, glaube ich. Ich wollte anderen Menschen helfen, und ich liebte es, schwanger zu sein. Der logisch nächste Schritt war dann, Kinder zu bekommen und sie Menschen zu ge­ben, die keine haben können. Also haben wir einfach gegoogelt: ‹Schwanger werden, aber man muss das Baby nicht behalten.› Nur um mal zu sehen, was es da so gibt. So sind wir auf Leihmutterschaft gestossen.» William: «Wir waren überrascht, was alles nötig ist. Wir dachten, man meldet sich an und macht es, und dann ist man fertig. Aber die Menge an Ressour­cen, die darauf verwendet wird, hat uns überrascht. Natürlich können sehr viele Dinge schiefgehen.»

Beth: «Es fühlte sich an, als ob Gott uns in diese Richtung lenkte. Aber wir gelangten recht schnell an einen ethischen Scheideweg. Ist es christlich, das zu machen? Wir haben uns mit dieser Frage an unseren Pastor und an unsere Gemeinde gewandt. Wir haben eine Weile hin und her überlegt, denn obwohl es sich für uns richtig anfühlte, wollten wir sichergehen, dass es mit unserem Glauben im Einklang steht. Ein Baby für gleichgeschlechtliche Partner zu bekommen, da­mit hätten wir Schwierigkeiten gehabt. Aber die Agenturen lassen einen wählen. Als wir das wussten, fühlten wir uns sicherer.» Als Nächstes erklären Beth und William ihren drei Kindern, was sie planen. Dass sie ein Kind für je­mand anderen bekommen wollen. Sie möchten ihren Kindern vorleben, dass man auch fremden Menschen helfen soll. Dass Grosses möglich ist. Und man die Hoffnung nie aufgeben darf.

Beth: «Wir versuchten, ein Paar zu finden, wel­ches zu uns passte, aber es fühlte sich nie richtig an. Wir hatten schon begonnen, uns zu fragen, was unser Problem ist, da kamen Jasmin und Andreas. Dieses Paar brauchte dringend Zuversicht. Als wir mit ihnen skypten, konnten wir sehen, wie aufrichtig sie waren und wie gebrochen. Sie trieben durchs Leben ohne jegliche Richtung.»

Das erste Kennenlernen

November 2016. Jasmin und Andreas, Beth und Wil­liam begegnen sich zum ersten Mal, sie treffen sich in Las Vegas. Jasmin und Andreas haben Käse und ein Schweizer Taschenmesser mitgebracht, Beth und William Süssigkeiten und eine Tasse mit der Auf­schrift «Proud to be an American» – für das Kind, das sie gemeinsam auf die Welt bringen wollen. Sie reden die ganze Nacht. Gemeinsam besuchen sie eine Vor­stellung des Magiers David Copperfield und schlen­dern durch die Stadt. Jasmin hat zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl, nicht allein zu sein in diesem Kampf. Drei Tage später wird bei Beth der Embryo eingesetzt.

Andreas: «Es hat mich berührt, dass Beth und William bereit sind, das für uns zu tun. Es hat mich Demut gelehrt zu sehen, dass andere eine Tiefe ha­ben, zu der ich vielleicht nicht fähig bin. Es gibt nichts, womit wir das jemals wieder aufwiegen können.» Jasmin: «Als ich Beth traf, hatte ich nicht mehr das Gefühl, sie nimmt mir etwas weg, ich fühlte mich nicht mehr durch sie bedroht. Es ist psychologisch eine Riesenleistung, dass zwei Frauen so etwas tun können: miteinander ein Kind bekommen. Dass man sich das so aufteilt. Man will ja instinktiv sein Kind nicht abgeben. Und instinktiv will ich nicht, dass eine andere Frau mein Kind austrägt. Aber der Mensch kann diesen Instinkt zugunsten einer humanitären Geste ausschalten – das finde ich faszinierend.» Zwei Wochen später: ein positiver Schwanger­schaftstest.

«Ich lasse dich nicht im Stich, bis du Mama bist.»Beth

Jasmin und Andreas sind zurück in der Schweiz, als sie per Skype die gute Nachricht hören. Sie feiern ihren ersten unbeschwerten Silvester seit Jahren. Die beiden Paare schreiben sich nun täglich Whatsapp-Nachrichten, skypen regelmässig. Am 23. Januar hat Beth einen Ultraschalltermin, Jasmin und Andreas warten auf ihren Anruf, wegen der Zeitverschiebung wieder mitten in der Nacht. Dann Beths erstickte Stimme: Da ist kein Herzschlag mehr. Am nächsten Morgen kann Jasmin im Büro zum ersten Mal seit sie­ben Jahren nicht einfach so tun, als wäre alles in Ord­nung. Sie weint und weint. Und sie vertraut sich end­lich ihrer Arbeitskollegin und besten Freundin an.

William: «Wir hatten nicht damit gerechnet, dass wir uns schuldig und persönlich verantwortlich füh­len würden, wenn etwas schiefgeht. Als es dann nicht geklappt hat, hat uns das regelrecht aufgeweckt. Das war der schwerste Teil – die Verantwortung, die Beth für das Glück von Jasmin und Andreas empfand.»

Für Februar hatten Jasmin und Andreas bereits eine Reise nach Wisconsin gebucht, Beth hatte inzwi­schen eine Ausschabung, sie reisen trotzdem. Gemeinsam besuchen sie den Friedhof. Viele Paare brechen an diesem Punkt das Projekt ab, aber Beth nimmt Jasmin in den Arm und sagt: «Ich lasse dich nicht im Stich, bis du Mama bist.»

Endlich schwanger

Im Mai werden Beth erneut zwei Embryonen ein­gesetzt. Wieder ist der Schwangerschaftstest zwei Wochen später positiv. Dann der Schock: Es sind Dril­linge! Die Ärzte raten zu «reduzieren». Zu gross sei das gesundheitliche Risiko für Beth und die Entwick­lung der Embryonen. Jasmin und Andreas können sich nicht vorstellen, einen Embryo abtöten lassen, und Beth und William unterstützen sie in dieser Ent­scheidung. Im Juni 2017, zehnte Woche, der Befund: Zwei Embryonen sind gestorben. Der dritte aber ent­wickelt sich gut weiter.

Jasmin: «Die Schwangerschaft war ein Albtraum für uns. Ich habe mich neun Monate kein einziges Mal entspannt. Einmal waren wir in den Ferien und muss­ten abbrechen, weil ich es nicht ausgehalten habe.»

Im September 2017, zum 20-Wochen-Ultra­schall, reisen Jasmin und Andreas erneut nach Wis­consin. Im Spital schauen Jasmin und Andreas auf den Bildschirm, wo man den gesunden schwarz-weissen Embryo in der Fruchtblase sieht. Und Beth und William in die glücklichen Gesichter von Jasmin und Andreas. Die amerikanische Grossfamilie von Beth und William kommt zu Besuch, es gibt selbst ge­backenen Kuchen, alle wollen Jasmin und Andreas kennen lernen. Sie schenken Jasmin und Andreas eine Schneekugel, die sich bei Musik dreht. Darauf steht: «Expect miracles every day. Family is where life begins and love never ends.»

Neun Jahre lang haben sie diesen Moment herbeige­sehnt, über eine Viertelmillion Franken ausgegeben.

Am Abend gehen die beiden Paare in ein Restau­rant. Als der Kellner Jasmin und Andreas fragt, wo sie herkommen und was sie in die Gegend führt – eine Frage, die Jasmin verstört –, antwortet Beth: «Ich be­komme ein Kind für sie!» Der Kellner ruft die Küchen­mannschaft zusammen, alle beginnen zu klatschen. Anders als in Europa gilt Leihmutterschaft in den USA nicht als Tabu, sondern als gesellschaftliche Leistung. Beth erzählt ungefragt auch Fremden von der Leih­mutterschaft und trägt Shirts, auf denen steht «Preg­nant On Purpose» oder «Extreme Babysitting».

Im Januar 2018 bringt Beth einen gesunden Jun­gen zur Welt. Jasmin und Andreas sind nach Wiscon­sin gereist. Gemeinsam mit Beth und William haben sie Babyklamotten gekauft, Beths Cousine hat eine Decke für das Kind gehäkelt.

Während des Kaiserschnitts, für den die Leih­mutter sich entschieden hat, sind alle vier im Kreiss­saal. Das Kind wird Jasmin und Andreas übergeben. Neun Jahre lang haben sie diesen Moment herbeige­sehnt, über eine Viertelmillion Franken ausgegeben. Häufig schien alles aussichtslos, aber in diesem Mo­ment ist das egal. Nun sind sie eine Familie. Beide Paare bleiben noch ein paar Tage im Spital. Jasmin und Andreas lernen, ihr Kind zu wickeln, Jas­min, die ihre Milchproduktion künstlich angeregt hat, übt das Stillen. Beth muss sich von der Operation erholen, die beiden Familien kommen zu Besuch und lernen einander kennen.

Beth: «Wie ich mich fühlen würde, wenn das Baby den Eltern übergeben wird, konnte ich nicht beant­worten, bis dieser Moment da war. Ich hatte lange da­rüber nachgedacht. Werde ich es bereuen? Werde ich das Baby behalten wollen und damit weglaufen? Hät­te ich nichts über die Eltern gewusst, hätte ich auch nicht gewusst, wie dieses Kind aufwächst. Aber je nä­her wir uns gekommen sind, desto einfacher war es, mich vom Kind abzukoppeln.»

Jasmin und Andreas bleiben mit ihrem Baby vier Wochen im Hotel in Wisconsin, sie müssen auf die Geburtsurkunde warten. Ein Gericht hat ihnen be­reits vor Wochen bestätigt, dass sie die leiblichen El­tern sind. Auch Beth und William, die Anwälte beider Seiten sowie ein Anwalt für das Baby waren bei dem Termin anwesend. Mit der Geburtsurkunde bekom­men Jasmin und Andreas den Pass für ihren Sohn. Er ist nun US-Staatsbürger.

Ein illegales Kind?

Die Rückreise in die Schweiz steht Jasmin und And­reas bevor. Sie fürchten, dass man sie an der Grenze aufhalten wird. Als Amerikaner kann ihr Sohn ohne Visum in die Schweiz einreisen, aber wer weiss.

Andreas: «Wir machten uns grosse Sorgen, was das Juristische betrifft. Die Anwältin hatte angedeu­tet, es könnte Probleme geben. Es war lange nicht klar, wie wir ihn in die Schweiz bringen würden. Wir hatten sogar einen Notfallplan ausgeheckt – in der Nacht mit dem Auto über die Grenze.»

Die Einreise am Flughafen klappt problemlos.

Kinder, die mithilfe einer Leihmutter im Ausland auf die Welt gekommen sind, befinden sich in der Schweiz in einer juristischen Grauzone: Sie besitzen gültige Papiere, aber die Umstände ihrer Geburt sind in der Schweiz verboten. Manche Paare befürchten, dass ihnen das Kind bei Bekanntwerden der Entste­hungsgeschichte von den Behörden weggenommen wird. Zwar ist aus der Schweiz kein derartiger Fall bekannt, aber in Italien ist dies wiederholt vorgekom­men. Es gibt Geschichten von Paaren in Deutschland und der Schweiz, die ihr mit Leihmutter gezeugtes Kind adoptieren mussten, um es einbürgern lassen zu können.

Niemand weiss, wie viele Kinder in der Schweiz leben, die mithilfe einer Leihmutterschaft gezeugt wurden.

Die Zürcher Rechtsprofessorin Andrea Büchler sagt: «Wenn die internationale Gemeinschaft einen Staat anerkennt, umfasst die Anerken­nung auch seine Souveränität, eigenes Recht zu erlas­sen und somit auch eigene Regeln der Zuordnung von Kindern zu ihren Eltern vorzusehen. Das heisst, die Anerkennung eines Kindesverhältnisses, das im Aus­land entstanden ist, muss die Regel sein. Sie kann nur versagt werden, wenn die Anerkennung fundamen­tale Werte der Schweiz verletzt.» Komplizierter ist es für gleichgeschlechtliche Paare oder wenn das Kind mit Eizellen- oder Samenspende gezeugt wurde.

Zurück in Zürich melden Jasmin und Andreas sich in Andreas’ Heimatort an, um den Sohn ins Ge­burtsregister eintragen zu lassen und einen Schwei­zer Pass für ihn zu beantragen. Es dauert mehrere Monate – selbst in dieser ländlichen Region haben die Gemeindemitarbeiter mehrere solcher Anträge auf dem Tisch. Jasmin und Andreas sind offensichtlich nicht die Einzigen.

Niemand weiss, wie viele Kinder in der Schweiz leben, die mithilfe einer Leihmutterschaft gezeugt wurden. Schätzungen, so findet die Ethnologin Anika König, wären unseriös. Als letzten Herbst im «Blick» ein Interview mit ihr über ihre Forschung erschien und der Hinweis, dass sie Betroffene suche – was sie immer noch tut –, meldeten sich noch am selben Tag vier Paare bei ihr, die entweder bereits ein Kind mit einer Leihmutter bekommen hatten oder diesen Schritt erwogen.

Jasmin und Andreas müssen einen DNA-Test, die Geburtsurkunde, Gerichtsurteile, einen Brief von Beth nachreichen, dann willigen die Behörden ein: Der Pass wird ausgestellt.

Inzwischen hat das Paar Freunde und Verwandte in die neunjährige Odyssee eingeweiht. Die beiden machen kein Geheimnis mehr daraus.

Vor ein paar Monaten feierten Jasmin und And­reas den ersten Geburtstag ihres Sohnes. Beth ist Pa­tentante, sein zweiter Vorname lautet William. Noch immer telefonieren die vier regelmässig miteinan­der, wenn auch nicht mehr gleich häufig. Zur Taufe sind Beth und William mit der ganzen Familie nach Zürich gereist. Die beiden Paare haben sich vorge­nommen, einander alle zwei Jahre zu sehen – in der Schweiz oder in den USA. «Wir sind jetzt eine Fami­lie», sagt Beth.

Erstellt: 30.05.2019, 07:16 Uhr

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