Hintergrund

Die Feministin und die Stripperin

Ausgerechnet das Ü-40-Sexsymbol Demi Moore soll die Lichtfigur der amerikanischen Frauenbewegung spielen. Und wirft damit die Frage auf: Wie viel Charakter braucht es, um eine Frauenrechtlerin zu verkörpern?

Als würde Alice Schwarzer in einer Filmbiografie von Michelle Hunziker verkörpert: Feministin Gloria Steinem Ende der 1960er-Jahre; Schauspielerin Demi Moore im Juli 2011.

Als würde Alice Schwarzer in einer Filmbiografie von Michelle Hunziker verkörpert: Feministin Gloria Steinem Ende der 1960er-Jahre; Schauspielerin Demi Moore im Juli 2011. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist eine ungewöhnliche Wahl – und sie sorgt für Verwirrung. Ausgerechnet Demi Moore, bekannt aus dem Softsex-Film «Striptease» (1996) und dem Erotik-Thriller «Ein unmoralisches Angebot» (1993), wird in einer Hollywood-Produktion die grosse amerikanische Feminismus-Ikone Gloria Steinem spielen. Steinem ist für die USA, was Alice Schwarzer für den deutschsprachigen Raum: Beide gründeten feministische Kampfblätter («Ms.» und «Emma»), beide sind sie Leitfiguren und Übermamas der Frauenbewegung. Wenn nun Moore, die in diesen Wochen Schlagzeilen mit ihrer Trennung vom 15 Jahre jüngeren Ashton Kutcher machte, Gloria Steinem spielt, so ist das in etwa so, als würde Alice Schwarzer in einer Filmbiografie von Michelle Hunziker verkörpert. (Lesen Sie dazu auch: «Abgesang auf den Cougar-Trend».)

Bei dem Film handelt es sich um ein aufwendiges, lang erwartetes Biopic über die Pornodarstellerin Linda Lovelace («Deep Throat»), das auch die Geschichte des US-Feminismus in den 1970er-Jahren aufrollt. Pornodarstellerin Lovelace hatte sich Ende der Siebzigerjahre der feministischen Anti-Porno-Bewegung angeschlossen. Gloria Steinem schrieb 1980 in einem viel beachteten Artikel («The Real Linda Lovelace») über die sexuelle Ausbeutung und den Missbrauch, dem die Schauspielerin ausgesetzt war; so soll Lovelace vor laufender Filmkamera vergewaltigt worden sein.

Charakter und Rolle

Während Filmkritiker monieren, dass Moore, die in den letzten Jahren ihrem Körper unzählige schönheitschirurgische Korrekturen zumutete, schlicht die schauspielerischen Fähigkeiten zur Darstellung Steinems fehlten, stellen in Blogs und User-Foren zahlreiche Stimmen die moralische Frage. Es gehe doch nicht an, dass eine Frau, die sich noch mit 50 notorisch als Sexsymbol präsentiere und via Twitter Nacktbilder an die ganze Welt verschicke, eine Frauenrechtlerin und Kämpferin gegen die Pornografie mime: «Sie ist dazu eine zu grosse Schlampe», heisst es beispielsweise. (Lesen Sie dazu auch: «Frauen stehen auf Sexting».)

Nun ist es ja exakt das Wesen der Schauspielerei, einen fremden, womöglich ganz anderen als den eigenen Charakter zu verkörpern. Aber gerade wenn es um die filmische Verkörperung von grossen Frauenfiguren geht, sind Kritik und Publikum offenbar nicht bereit, von der Geschichte und der Persönlichkeit der Schauspielerin zu abstrahieren. Belege dafür gibt es viele. So musste sich Salma Hayek anhören lassen, sie sei viel zu sexy und frivol, um die mexikanische Malerin Frida Kahlo zu spielen; Hayek tat es dann doch, und der Film «Frida» aus dem Jahr 2002 wurde ein grosser Erfolg. Ähnlich erging es Nicole Kidman als Virginia Woolf in «Hours» (2002): Die Australierin musste sich anhören lassen, sie sei zu wenig hässlich und zu wenig kaputt, nicht authentisch genug, um die britische Kultschriftstellerin glaubwürdig zu mimen.

Demos gegen Madonna

Geradezu zur nationalen Frage wurde die Besetzung in Alan Parkers Filmmusical «Evita» aus dem Jahr 1997. Madonna wäre die Hauptrolle beinahe entzogen worden, weil sich in Argentinien die Kirche und breite Teile der Bevölkerung darüber empörten, dass eine freizügige Popsängerin und berechnende Skandalkünstlerin ihre Nationalheilige spielen sollte. In Buenos Aires gingen die Leute sogar auf die Strasse, um lauthals gegen eine Modanna als Evita zu demonstrieren.

So viel öffentliche Aufregung und moralisches Engagement um die Vergabe einer männlichen Hauptrolle ist kaum denkbar, jedenfalls lassen sich in der neueren Filmgeschichte keine vergleichbaren Beispiele finden. Dieses öffentliche Charakter-Casting scheint nur bei der Besetzung grosser Frauenrollen aufzutreten, insbesondere wenn es sich um Idole der Frauengeschichte handelt.

Amanda Michelle Seyfried als Porno-Linda

Es bleibt also abzuwarten, ob es noch zu Demonstrationen gegen Demi Moore als Jahrhundert-Feministin Steinem kommt. Deren zeitweilige Verbündete, Pornostar Linda Lovelace, wird übrigens im gleichnamigen Film von der US-Jungschauspielerin Amanda Michelle Seyfried («Mamma Mia!») verkörpert. Auch dies sei eine Fehlbesetzung, heisst es in den bereits zitierten Filmfan-Blogs. Denn: «Das wäre doch die Idealrolle für Demi.» (Lesen Sie dazu auch: «Die Pornografinnen».)

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Dann lesen Sie auch: «Die Geburt des Botox-Feminismus» auf Clack.ch – Ihrem Online-Magazin.

Erstellt: 09.01.2012, 21:41 Uhr

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Handarbeit: Schauspieler des Kote Marjanishvili Theaters in Tiflis während einer Probe des Tolstoi-Stücks «Die Kreutzersonate». (18. Februar 2020)
(Bild: Zurab Kurtsikidze) Mehr...