«Die Forderung ‹Matura für alle!› ist weder naiv noch provokativ»

Der Gymnasiallehrer Andreas Pfister sagt, weshalb die Lehre künftig nicht reicht und wie er das Bildungssystem umkrempeln will.

«Eine Lehre ohne Berufsmaturität reicht künftig nicht mehr», sagt Andreas Pfister. Foto: Fabienne Andreoli

«Eine Lehre ohne Berufsmaturität reicht künftig nicht mehr», sagt Andreas Pfister. Foto: Fabienne Andreoli

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Herr Pfister, mussten Sie eine Aufnahmeprüfung bestehen, als Sie ans Gymnasium wollten?
Man drohte mir eine an – die dann aber nie stattfand. Ich kam erst auf Umwegen ans Gymnasium. Nach einem Welsch­landjahr und einem Jahr Zimmermannslehre brach ich die Lehre ab und entschied mich für die Mittelschule. Die Noten der Sekundarschule reichten eigentlich für einen prüfungsfreien Übertritt. Weil mir aber Englisch fehlte, sollte ich in diesem Fach eine Prüfung absolvieren. Darauf bereitete ich mich zusammen mit einem Lehrer privat vor. Nach einem halben Jahr intensivem Unterricht beschied dieser mir dann plötzlich, dass es nun doch ohne gehe.

Der Lehrer befand Ihre Leistungen für ausreichend. So machts der Kanton Bern. Im Kanton Zürich hingegen müssen alle zur Aufnahmeprüfung. Welches System ist besser?
Für beides gibt es gute Gründe. Bei einem prüfungsfreien Zugang, der auf die Empfehlung der Lehrer abstellt, werden immer noch Kinder von Akademikern begünstigt, wie statistische Auswertungen zeigen. Eine Prüfung selektioniert insofern gerechter. Gegen die Prüfung spricht der Druck: Die Kinder müssen an einem Tag beweisen, dass sie den gelernten Stoff abrufen können. Was davor ist, zählt nicht.

In Zürich besuchen darum bis zu einem Drittel Drillkurse.
Argumente gegen dieses Learning to the Test sind rasch zur Hand. Standard ist jenes der Eltern, die Druck auf ihre Kinder ausüben. Ich finde solche über­motivierten «Pusher-Eltern» tatsächlich ein Problem. Allerdings handeln sie irgendwie nachvollziehbar. Sie wollen ihren Kindern einfach die beste Ausgangslage ermöglichen. Sie wissen, dass dieser Vorentscheid die späteren Berufsaussichten prägt. Aber meiner Meinung nach werden diese Eltern bloss vor­geschoben.

Wie meinen Sie das?
Nicht die Eltern sind die Ursache des Problems, sondern das System, das die Eintrittsquote begrenzt. Am besten illustriert dies ein Vergleich von ländlichen und städtischen Gebieten. In Städten ist die Quote höher, auch im Kanton Zug, wo ich am Gymnasium unterrichte. In ländlichen Gebieten dagegen liegt sie tiefer. Diese Unterschiede haben nichts mit ungleich verteilter Intelligenz zu tun, sondern mit der Akademikerdichte und mit Traditionen. Darum müsste man das System ändern.

In Bern wie in Zürich schaffen es 20 Prozent ans Gymnasium, später zur Matura. Sie unterstellen beiden Systemen Willkür?
Irgendwie hat sich die Meinung durchgesetzt, dass diese Quote passt. Dabei ist sie historisch gewachsen. Die meisten, die nach dem Selektionsprozess in meinen Klassen sitzen, gehören ans Gymnasium. Aber es könnten mehr sein, davon bin ich überzeugt. Schuld daran ist eine unheilige Allianz zwischen Akademikern, die lieber unter sich bleiben wollen, und Berufsbildnern, die schon heute klagen, die Gymnasien nähmen ihnen die besten Lehrlinge weg.

Das ist ein harter Vorwurf. Wie kommen Sie darauf?
Akademiker würden das natürlich nie offen sagen. Sie tun dies indirekt, indem sie sich um das Niveau sorgen. Vertreter der Berufsbildung hingegen beklagen sich im Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel öffentlich, es fehle ihnen der fähige Nachwuchs, gerade im mathematisch-technischen Bereich. Sie argumentieren, dieser Mangel würde sich verschärfen, wenn mehr Jugendliche ans Gymnasium gingen.

In Ihrem Buch schlagen Sie eine «Matura für alle» vor. Wie soll das gehen?
Die Quote für die gymnasiale Matura soll auf ein Drittel angehoben werden, jene für die Berufsmatura auf 50 Prozent. Gut 10 Prozent würden gemäss meinem Vorschlag eine Fachmaturität anstreben.

Utopisch, naiv, ja vermessen, sagen Bildungsexperten, sogar Gymnasiallehrer äussern sich skeptisch. Provozieren Sie einfach gerne?
Für mich ist diese Forderung weder naiv noch provokativ. Aber ich verstehe, dass man mit der These vorerst nichts anfangen kann.

«Die Realität ist komplex. Ich halte jedenfalls die Gleichung höhere Quote gleich tieferes
Niveau für unhaltbar.»

Was erhielten Sie denn für Reaktionen?
Sehr unterschiedliche. Jene, die mich persönlich erreichen, sind tendenziell positiv, öffentliche Kommentare dagegen sind oft kritischer. Ich möchte mit meinem Diskussionsbeitrag aufzeigen, dass die Schweiz nur über mehr Bildung den heutigen Ansprüchen in der Wirtschaft gerecht werden kann. Zudem liesse sich damit die Chancengerechtigkeit verbessern.

Die Schweden argumentierten ähnlich – und scheiterten. Sie kamen in internationalen Vergleichstests ins Hintertreffen.Die höhere Quote senkte das Niveau.
Die Realität ist komplexer. Jedenfalls halte ich die Gleichung höhere Quote gleich tieferes Niveau für unhaltbar. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Maturitätsquote früher viel niedriger war. Sie wollen nicht behaupten, dass heute das Niveau tiefer sei, nur weil mehr Jugendliche die Matura ­machen?

Nein. Aber daraus lässt sich auch nicht ableiten, dass eine viel höhere Quote nicht dazu führt.
Da haben Sie recht. Deshalb plädiere ich auch nicht für ein «Gymnasium für alle».

Kritiker warnen, mit einer höheren Quote könnte der prüfungsfreie Zugang zur Hochschule unter Druck geraten. Würden Sie das in Kauf nehmen?
Nein. Der prüfungsfreie Hochschul­zugang ist eine positive Errungenschaft. Ich plädiere darum auch nur für eine moderate Erhöhung der gymnasialen Maturitätsquote. Parallel dazu sollten wie gesagt jene bei der Berufs- und bei der Fachmaturität steigen. Erstere wird parallel zur Berufslehre erworben. Letztere ist wie das Gymnasium ein schulischer Bildungsgang, der zu einer höheren Ausbildung in einem bestimmten Fachbereich berechtigt, etwa im Gesundheitsbereich.

Ihre These kam auch deswegen schlecht an, weil Sie den Eindruck erwecken, eine Berufslehre genüge nicht.
Eine Lehre ohne Berufsmaturität reicht künftig tatsächlich nicht mehr. Deshalb müssen wir die Lehre ausbauen – für alle.

Sie unterstellen der Schweiz, in der zwei von drei Jugendlichen eine Berufslehre anpacken, Bildungsskepsis. In Ihrem Buch nennen Sie das «Geissenpeter-Syndrom».
Ich spreche mit diesem Bild die Vorstellung in den Köpfen an, dass man heute keine höhere Bildung nötig hat.

Das ist doch nicht wahr. Immer mehr Erwachsene bilden sich weiter. Und zusammen mit der Berufsmaturität liegt die Maturitätsquote bei fast 40 Prozent. Damit liegt die Schweiz im Mittelfeld.
Da sind wir uns einig. Umso weniger verstehe ich, dass man in der Schweiz schlecht über höhere Bildung spricht.

Wo beobachten Sie das?
Viele Betriebe bremsen beispielsweise ihre Lehrlinge, die eine Berufsmaturität anstreben. Sie tun dies, weil die Lehrlinge sonst einen Tag mehr fehlen im Betrieb. Schlimmer noch: Viele Lehrlinge wollen die Herausforderung gar nicht erst auf sich nehmen, weil es ihnen zu streng wird. Dabei verlangen Entwicklungen wie jene zur innovationsgetriebenen Wirtschaft oder zur Digitalisierung ganz klar immer besser ausgebildete Fachkräfte. Die Unternehmen holen sie dann eben aus dem Ausland, was politisch wiederum schlecht ankommt.

Sehen Sie einen Ausweg?
Indem eben alle eine Matura machen sollen. Meiner Meinung nach lässt sich das nur via Verlängerung der Bildungspflicht erreichen. Das wussten schon jene, die vor 200 Jahren die allgemeine Schulpflicht einführten. Die Berufsmaturitätsquote wird nur ansteigen, wenn sie zur Pflicht wird. Ich rede auch nicht einer Matura das Wort, die überall dasselbe Niveau erreicht. Ich sehe eher ein Modell wie in der Sekundarschule, wo es heute schon die Unterscheidung in ein Niveau A und ein Niveau B gibt.

Würde Ihr Vorschlag Realität, käme das ziemlich teuer.
Es gibt tatsächlich keine billige Lösung. Allerdings ist der Weg über die Berufsmatura dank der Einbindung in die Lehre vergleichsweise kostengünstig. Dennoch müssen wir uns nichts vormachen: Die Bildungsausgaben werden weiter zunehmen. Das ist auch nötig, weil wir künftig noch stärker auf hoch qualifizierte Fachkräfte angewiesen sein werden. Nur so kann die Schweiz ihre aktuellen Konkurrenzvorteile wahren. Sie wird sich nie als Billiglohnland profilieren können.

Kehren wir den Spiess einmal um: Gymnasien könnten durchaus bei Berufslehren lernen.
Die Berufslehre macht sogar einiges besser als das Gymnasium. Viele Ausbildungsgänge sind im Gegensatz zum Gymnasium topmodern. Das müssen sie auch, weil sie einem ganz anderen wirtschaftlichen Druck ausgesetzt sind und darum stets à jour bleiben müssen. Ein solcher Modernisierungsschub täte dem Gymnasium auch gut.

Konkret kommen die Laufbahnberatung und die Persönlichkeitsbildung zu kurz. Was unternehmen Sie dagegen?
Zum Schuljahresbeginn habe ich beispielsweise mit meinen Schülern im Rhetorikunterricht darüber nachgedacht, warum sie jetzt nach den Ferien wieder hier im Unterricht sitzen.

Stiegen die Schüler auf Ihre Frage ein?
Jugendliche in diesem Alter setzen sich gerne mit sich selber auseinander. Aber ich stelle schon fest, dass sich viele am Gymnasium noch nie gefragt haben, wo sie später im Leben eigentlich hinkommen möchten. In diesem Bereich hat das Gymnasium durchaus viel Luft nach oben.

Es braucht also nicht Druck, sondern Engagement. Was beseelt Sie denn in Ihrem Beruf?
Es geht um ein Gefühl: Wow, dieses Gedicht, dieses Buch oder diese historische Epoche! Diese Begeisterung möchte ich weitergeben. Das ist für mich auch Persönlichkeitsbildung. Ich will Schüler aus einem puren Nützlichkeitsdenken herausholen. Bildung ist immer beides: Selbstzweck und Instrument.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.12.2018, 13:45 Uhr

Ein Gymilehrer mit einer provokativen These

Andreas Pfister ist im Kanton Freiburg aufgewachsen und arbeitet heute als Gymnasiallehrer in Zug und als freier Publizist. Diesen Herbst kam sein viel diskutiertes Buch «Matura für alle! Wie wir das Geissenpeter-Syndrom überwinden» heraus. Pfister (46)ist verheiratet, Vater zweier Kinder und lebt in der Stadt Zürich. (cab)

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