Hintergrund

Die Fruchtbarkeits-Panik

Mit 35 gehe die Fertilität massiv zurück – das wird den Frauen seit Jahrzehnten gepredigt. Bloss: Stichhaltig belegen lässt sich dies nicht.

Spätes Glück: Die Australierin Anthea Nicolas wurde mit 50 Mutter – ohne fertilitätsmedizinische Therapien. Ihre Geschichte ist im Buch «Unplanned First Time Mum at 50» nachzulesen.

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Es gibt Zahlen, die verfestigen sich zu sogenannten Wahrheiten, die wiederum nachhaltig nachhallen. In den Ohren von ganzen Menschengenerationen. Weil sie in den Medien häufig zitiert werden. Und alle irgendwie etwas angehen. Die Fruchtbarkeitsstatistiken gehören dazu: «Ist eine Frau 20 Jahre alt», heisst es etwa auf der Site Kinderwunschzentrum.ch, «beträgt die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Monats schwanger zu werden, 20 Prozent. Bereits mit 35 Jahren ist sie bloss noch halb so fruchtbar. Mit 40 Jahren halbiert sich die Chance noch einmal.» Sätze, scharf wie eine Guillotine. Sätze, die das Ticken der biologischen Uhr bei manch einer Frau mit Kinderwunsch zu einem Domgeläut anschwellen lassen. (Lesen Sie auch: «Sex aus Verzweiflung»)

Immer und immer wieder werden diese Zahlen zitiert. Sie haben viele Frauen verunsichert, ihre Überlegungen zu Karriere, Partnerschaft und Kindern wenn nicht geprägt, dann doch beeinflusst. Diese zur Wahrheit verfestigten Zahlen lösen auch heute noch Babypanik aus.

Wahrhaftig fragwürdig

Aber wissen Sie was? Gerade diese Fruchtbarkeitsstatistiken werden häufig falsch zitiert: Die oft kolportierte Zahl etwa, dass eine von drei 35- bis 40-Jährigen auch binnen Jahresfrist nicht schwanger wird, wurde ursprünglich 2004 im Wissenschaftsjournal «Human Reproduction» veröffentlicht. Selten oder gar nicht erwähnt wird die Datenbasis der Zahl: französische Geburtseinträge zwischen 1670 und 1830. Ja, sie haben richtig gelesen: Die Berechnung, dass ein Drittel der über 35-Jährigen Fruchtbarkeitsprobleme hat, basiert auf einer Statistik aus einer Zeit, in der es weder Elektrizität, Antibiotika – geschweige denn eine Kinderwunschmedizin gab.

Gemäss Jean Twenge, US-Psychologin und Wissenschaftsautorin, gibt es erstaunlich wenig Studien zur weiblichen Fruchtbarkeit, welche auf Daten von Frauen beruhen, die im 20. Jahrhundert erhoben wurden. Aber die wenigen, die existieren, zeichnen, wie sie im «Atlantic» schreibt, ein wesentlich optimistischeres Bild. So etwa hat die Studie, welche David Dunson 2004 im Journal «Obstetrics & Gynecology» publiziert hat und auf den Daten von 770 zeitgenössischen Europäerinnen basiert, gezeigt, dass die Fruchtbarkeit von Frauen Mitte dreissig und Ende zwanzig sich bloss um 4 Prozentpunkte unterscheide, wenn sie ein Jahr lang zweimal pro Woche Sex hätten. Ein Resultat, welches Anne Steiner, Assistenzprofessorin an der North Carolina School of Medicine, eben erst bestätigt hat: «Anhand unserer Zahlen können wir keinen grossen Fruchtbarkeitsabfall vor dem vierzigsten Lebensjahr der Frau feststellen.» («Lesen Sie auch: «Der Triumph der Cougar-Frauen»)

Fragwürdig unhinterfragt

Warum, fragt man sich da, wurden diese Daten denn nicht von Medizinern richtiggestellt? Warum bloss lässt man Zeitungen, Ärzte und Broschüren die ewig gleichen Statistiken zitieren, obwohl sie offenbar kein realistisches Bild des Abfalls der weiblichen Fruchtbarkeit ab Mitte dreissig zeichnen? Ein offensichtlicher und total unideologischer Grund ist die Heuristik, also das, was die Menschen aus der erfahrbaren Realität schliessen. Die Fruchtbarkeitsmediziner etwa haben nur Frauen in ihrer Sprechstunde, bei denen es nicht klappt. Kommt dazu, dass die Eier einer jüngeren Frau tatsächlich einfacher zu stimulieren sind und eine In-vitro-Fertilisation erfolgreicher ist als bei einer älteren Frau. Das gilt aber bloss für eine medizinische Behandlungsform von fruchtbarkeitsbeeinträchtigten Frauen, nicht für die weibliche Fruchtbarkeit schlechthin. Tatsache ist ausserdem: Die meisten IVF-Behandlungen werden nicht aufgrund des Alters der Frauen vorgenommen, sondern weil etwa die Eileiter verstopft sind oder das Spermiogramm des Mannes ungenügend ausgefallen ist. Kommt dazu, dass Studien über die natürliche Fruchtbarkeit äusserst schwierig durchzuführen sind: Der Grund, warum meist historische Daten verwendet werden, ist die Pille. Sie verfälscht jegliche Statistik. Und auch bei den historischen Daten darf man davon ausgehen, dass frisch vermählte Pärchen mehr Sex hatten als solche, bei denen die Frau bereits 35 und vielleicht schon Mutter mehrerer Kinder war. Weniger Sex, weniger Kinder, weniger Mäuler zu stopfen. Und schliesslich: Weniger Geburten nach dem 35. Geburtstag. Die Indizienkette mag viele Wahrheiten aufdecken. Nicht jedoch diejenige, dass Mitte dreissig die Guillotine zu fallen droht. (Lesen Sie auch: «Frauen in einem gewissen Alter»)

Und jetzt?

Was aber heisst das nun für Frauen, die über den richtigen Zeitpunkt für Nachwuchs nachdenken? Dass die kolportierten Chancen und Risiken nicht viel über die tatsächliche Fruchtbarkeit mit fortschreitendem Alter aussagen. Die Fruchtbarkeit nimmt zwar ab, aber trotz dieses Fakts wird die grosse Mehrheit der Frauen über 35 auf ganz natürlichem Weg schwanger.

Und das Schüren der ganzen Babypanik? Die sagt mehr über das Funktionieren unserer Gesellschaft aus als das nachlassende Funktionieren der weiblichen Eierstöcke. Oder um es mit einem Sketch der amerikanischen Topkomödiantin Tina Fey zu sagen: «Ladys, wenn Sie zu den Frauen gehören, die denken sie müssten Karriere machen, dann seien Sie gewarnt. Die Fruchtbarkeit sinkt rapide. Und zwar schon ab 27. Also bitte beeilen Sie sich etwas mit der Karriere. Glauben Sie mir, Ladys, ich hätte damals mit 27 unbedingt Babys machen sollen. Ich wohnte in einem kleinen WG-Zimmer, verdiente fast nichts, hatte keinen Partner. Damals hätte es bestimmt wunderbar geklappt. Und alle hätten sich gefreut.»

Erstellt: 08.07.2013, 15:54 Uhr

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