Die «Generation Sandwich» muckt auf

Viele Hochschulabgänger steigen mit unbezahlten Praktika ins Berufsleben ein – trotz hoher Qualifikationen. Gegen diese Praxis formiert sich Widerstand. Für Gratis-Praktikant Thomas kommt er zu spät.

Generation Praktikum: Studenten an der Universität Freiburg. (Archivbild)

Generation Praktikum: Studenten an der Universität Freiburg. (Archivbild) Bild: Keystone

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Praktikant zu sein heute ist kein Zuckerschlecken. Niedrige oder überhaupt keine Löhne sind verbreitet. In Brüssel hat sich diesen Sommer Widerstand dagegen formiert: Praktikanten protestierten gegen die schlechten Anstellungsbedingungen. In der Schweiz ist dergleichen nicht absehbar, obwohl auch hier viele Hochschulabgänger kaum oder gar nicht bezahlt werden.

Es sind die feinen Unterschiede, die diese Demonstration von anderen abgrenzen: Das hellblaue Hemd des jungen Mannes, der in ein Mikrofon spricht, oder die seitlich akkurat gescheitelten Haare des Teilnehmers mit dem Transparent.

Sie lassen erkennen, dass das Anliegen dieser Kundgebung nicht die Kapitalismuskritik sein kann, sondern materieller Art ist: Am «Sandwich Protest» wurden faire Löhne und Arbeitsbedingungen für Praktikanten gefordert. Die Hochschulabgänger, die sich diesen Sommer vor dem Europäischen Parlament in Brüssel versammelten, nennen ihre Bewegung so, weil der Praktikantenlohn oft für nicht mehr als ein Sandwich am Mittag reicht. Über 500 Personen hatten auf Facebook ihre Teilnahme an der Kundgebung zugesichert.

«Mir fehlt die Wertschätzung»

Brüssel vereint mit den EU-Institutionen, zahlreichen internationalen Organisationen und NGOs mehrere grosse Arbeitgeber, die ihre Praktikanten kaum oder gar nicht entlöhnen. Doch das Phänomen besteht nicht nur in der europäischen Hauptstadt. Auch in der Schweiz arbeiten viele Hochschulabsolventen ohne Bezahlung oder zu äusserst geringen Löhnen.

Gemessen an allen Praktikanten, die ein Jahr zuvor an einer Universität den Master erlangten, hat der Anteil derjenigen, die kaum bezahlt werden, in den letzten Jahren deutlich zugenommen: 2007 verdienten nur 13,8 Prozent jährlich 20'000 Fr. oder weniger, was einem Monatseinkommen von rund 1700 Fr. entspricht. 2011 waren es bereits 21,2 Prozent. Allerdings lag der Anteil im Jahr 2005 schon einmal auf dem Niveau von 2011, wie die Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) zeigen.

Einer der Gratis-Praktikanten ist der 25-jährige Thomas (Name geändert), der ein abgeschlossenes Architekturstudium hat, fliessend Englisch spricht und frustriert wirkt: Er absolviert ein dreimonatiges, unbezahltes Praktikum bei einem Zürcher Architekturbüro. «Die Arbeit ist spannend, ich lerne einiges, doch ich produziere auch etwas. Dafür fehlt mir die Wertschätzung, vor allem weil ich nicht bezahlt werde», sagt er. Er ist einer von derzeit acht Praktikanten, sie stellen fast die Hälfte der Belegschaft. Alle arbeiten gratis.

Deutliche Unterschiede

Thomas' Arbeitgeber, der Gründer des Architekturbüros, reagiert äusserst ungehalten auf Fragen zum Thema unentgeltliche Praktika. Er bezeichnet die unbezahlten Arbeitskräfte nicht als Praktikanten, sondern als Freiwillige, die etwas zu den sozialen Projekten des Architekturbüros in Lateinamerika beitragen wollten. Sie würden ausserdem einen hohen Betreuungsaufwand verursachen und könnten von wertvollen Einblicken profitieren. «Wie kommt man nach Hollywood?», fragt der Architekt lakonisch und gibt die Antwort gleich selbst: «Indem man unbezahlte Statistenrollen annimmt.»

Tatsächlich sind die Gratis-Praktika in erster Linie ein Phänomen der sogenannten Traumberufe. Denn gemäss dem BFS verdient ein durchschnittlicher Praktikant ein Jahr nach seinem Masterabschluss an einer Universität 40'000 Franken jährlich und damit 3300 Franken pro Monat. Allerdings sind in diesen Zahlen komplett unbezahlte Praktika nicht enthalten, da das BFS diese nicht als Erwerbstätigkeit erfasst.

Werden die Zahlen nach Studiengängen aufgegliedert, zeigen sich dennoch deutliche Unterschiede: Ein Absolvent der Geistes- und Sozialwissenschaften verdient in einem Praktikum ein Jahr nach Abschluss im Durchschnitt rund 2400 Franken weniger pro Monat als ein Absolvent der Wirtschaftswissenschaften.

Monatliche Unterstützung durch die Eltern

Bei NGOs, Parteien und Verbänden, ebenso wie in den künstlerischen, kreativen und kulturellen Branchen sind die Lohnbudgets oftmals knapp. Ungleich grösser ist dagegen das Angebot an jungen Leuten, die gerne in diesen Bereichen arbeiten möchten. Dies führt zur Situation, dass Arbeitgeber mühelos zahlreiche Interessenten für unbezahlte Praktika finden.

«Für Praktika im inhaltlichen Bereich erhalten wir jeweils über ein Dutzend Bewerbungen. Die meisten Kandidaten haben einen Hochschulabschluss», sagt denn auch Christoph Wiedmer, Geschäftsleiter der Gesellschaft für bedrohte Völker. Die Organisation zahlt für die sechsmonatigen Praktika Spesenentschädigungen, jedoch keinen Lohn.

Viele der unbezahlt angestellten Praktikanten werden von ihren Eltern unterstützt. So war es auch im Fall eines ehemaligen Praktikanten bei der EU-Delegation in Bern. Das unbezahlte Praktikum, das er nach dem Abschluss seines Politikwissenschaft-Studiums absolvierte, dauerte vier Monate. Während dieser Zeit erhielt er von seinen Eltern monatlich 1500 Franken. «Wenn mich meine Eltern nicht finanziert hätten, hätte ich das Praktikum wohl nicht gemacht», sagt er.

«Die Leistung der Praktikanten soll entschädigt werden»

Für Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik bei Travail.Suisse, ist dies ein inakzeptabler Zustand: «Wenn jemand mit seiner Ausbildung fertig ist, sollte er mindestens den eigenen Lebensunterhalt bezahlen können. Das heisst, er sollte um die 2000 Franken monatlich erhalten.»

Auch Wiedmer, dem Geschäftsleiter der Gesellschaft für bedrohte Völker, ist nicht wohl dabei, die Praktikanten nicht zu bezahlen: «Es darf eigentlich nicht sein, dass gewisse Personen kein Praktikum bei uns machen können, nur weil sie keine finanzielle Unterstützung haben», sagt er.

Man wolle deshalb in den nächsten Jahren Praktikumslöhne bezahlen: «Die Leistung der Praktikanten soll entschädigt werden», erklärt Wiedmer. In diesem Jahr sei dies aufgrund finanzieller Engpässe noch nicht möglich gewesen. (ajk/sda)

Erstellt: 04.09.2013, 20:16 Uhr

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