Porträt

Die Genfer Sklavin auf der Freewinds

Zwölf Jahre lang wurde Valeska Guider an Bord des schwimmenden Hauptquartiers der Scientologen festgehalten. In der Zeitung «Le Matin» schildert sie ihren langen Leidensweg.

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Was verbirgt die Freewinds, diese Luxusjacht, die in der Karibik kreuzt und die Fahne der Scientologen hisst? Für die einen ist sie ein Ort für religiöse Einkehr und Studium. Für andere ist sie ein «schwimmender Vatikan», auf dem die Geheimschriften der Organisation versteckt sein sollen. Die Wirklichkeit könnte noch dunkler sein, wenn man Valeska Guiders Zeugenbericht vor ein paar Tagen auf dem amerikanischen Fernsehsender ABC glauben will. Die gebürtige Genferin erzählte dort, sie sei während zwölf Jahren an Bord der Freewinds festgehalten worden.

Auf Anfrage der Zeitung «Le Matin» bestätigt die 34-jährige Ex-Scientologin mit Nachdruck: Sie sei 1996 gegen ihren Willen auf das Schiff gebracht worden, auf dem sie ein «Sklavendasein» führte bis 2007. Ein langer Leidensweg, der sie dazu brachte, endgültig die Organisation zu verlassen, der sie seit Kindsbeinen angehörte.

Die Tochter von Scientologen

Valeska war Scientologin seit ihrer Geburt. «Meine Eltern, Ariane und Jean-François, waren beide Mitglieder der Kirche. Ich habe gute Erinnerungen an meine ersten Jahre in Genf. Alles änderte sich, als ich sechs Jahre alt war, im Jahr 1983.» Die Eltern lassen sich scheiden, der Vater erhält das Sorgerecht und beschliesst, seine Kinder nach England zu schicken in ein scientologisches Zentrum mit Internat. Für Valeska beginnt damit ein Leben voller Frondienste: «Wir mussten arbeiten wie Dienstmädchen, meine Schwester und ich. Es war unerträglich.» Trost findet sie in den Ferien in Meyrin (GE) bei ihrer Mutter und deren neuem Ehemann, Albert Jacquier, einem reichen Genfer Scientologen. «Wir liebten die Zeit in diesem Haus, wo wir gut essen und in geheizten Zimmern schlafen konnten!»

Trotz allem gewöhnt sich Valeska langsam an ein Leben, das der Scientology gewidmet ist. 1992 beschliesst sie, in die Sea Org einzutreten, eine Elitetruppe der Scientologen. Dazu unterzeichnet sie den berühmten «Vertrag für eine Milliarde Jahre», obligatorisch für alle Mitglieder. «Ich hatte immer gehört, der Sea Org beizutreten, sei ein Dienst an der Menschheit. Ich glaubte daran.»

Auch in Clearwater ist sie billige Haushaltskraft

Die 14-Jährige kommt nach Clearwater, in die Landbasis der Sea Org in Florida. Dort beschränkt sich ihre Aufgabe wiederum auf den Haushalt – waschen und bügeln vor allem – im Dienst der Führungskräfte. Ein Häftlingsleben? Vielleicht. Aber damals war Valeska noch einverstanden damit.

1996 ändert sich alles, als Valeskas Mutter öffentlich mit Scientology bricht und auf TF1 erzählt, wie ihr die Organisation ihre Kinder geraubt habe. Sie wird umgehend als «Antisoziale» geächtet. Trotzdem versucht sie, mit Valeska in Kontakt zu bleiben. Doch die Sea Org befiehlt der jungen Frau, sich auf der Freewinds einzuschiffen, um sie dem Einfluss ihrer Mutter zu entziehen. «Man sagte mir, es sei nur für zwei Wochen», erinnert sich Valeska.

Bei ihrer Ankunft an Bord zeigt sie Widerstand. Sie bezahlt dafür, man teilt ihr harte Arbeiten zu und überwacht sie ständig. «Ich musste für den Schiffsunterhalt arbeiten und dann im Restaurant servieren. Ich arbeitete jeden Tag für 50 Dollar die Woche. Ich konnte das Schiff nur unter Begleitung verlassen und musste eine Erlaubnis einholen für jeden Ruhetag.» Manchmal, sagt sie, habe sie versucht, sich aufzulehnen. Aber Flucht war unmöglich: «Man hatte mir meinen Pass weggenommen, ich hatte kein Bankkonto. Ich war mitten im Nirgendwo, mit einem Wächter, der das Schiff überwachte. Ich wusste nicht, wo meine Eltern waren. Ich hätte nicht gewusst, wohin.»

In der «Rehabilitation» lernt sie ihren Mann kennen

Die Rettung kam durch ihre wiederholten Gehorsamsverweigerungen. Im Dezember 2007 schickte man sie nach Australien in einen «Rehabilitationsaufenthalt». Dort lernte sie ihren jetzigen Mann Chris kennen. «Wir haben heimlich geheiratet, im März 2009. Einen Monat später haben wir Scientology verlassen.» Heute lebt sie in Australien mit ihrem Mann und ihrem kleinen Jungen. Entschlossener denn je, die Öffentlichkeit über ihre Vergangenheit als «Sklavin» aufzuklären. Sie ist sich auch bewusst, dass ihr Zeugenbericht schwer wiegen kann in Prozessen gegen Scientology in Australien und Frankreich.

Die Verantwortlichen der Organisation bemühen sich allerdings, ihre Aussagen herunterzuspielen. «Das ist ein Einzelfall», meint die Scientology-Sprecherin für die Westschweiz, Francine Bielawski. Ein Einzelfall, wirklich? Die Präsidentin des Interkantonalen Informationszentrums zu Glaubensfragen (CIC), Brigitte Knobel, weist darauf hin, dass weitere Fälle von Zwangsarbeit bei Scientology «der Justiz zur Kenntnis gebracht wurden». Valeska ist überzeugt, dass andere Gleiches erlebt haben. «Und ich werde alles tun, damit dies bekannt wird.»

Übersetzung: Sibylle Bühler Beltran

Erstellt: 01.12.2011, 15:46 Uhr

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