Die Häutungen einer Zeitung

Der Unternehmer François-Louis Lichtenhan gründete die älteste Zeitung der Schweiz.

Im Jahr 1738 Autor, Chef­redaktor und Herausgeber in Personalunion: François-Louis Lichtenhan.

Im Jahr 1738 Autor, Chef­redaktor und Herausgeber in Personalunion: François-Louis Lichtenhan.

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Viel ist nicht bekannt über das Leben des François-Louis Lichtenhan. Man darf annehmen, dass der Neuenburger ein unternehmerisch begabter und intellektuell interessierter Zeitgenosse war. Und er darf sich rühmen, die erste französischsprachige Zeitung überhaupt gegründet zu haben. Am 2. Oktober 1738 erschien das «Feuille d’Avis» («Anzeigenblatt») zum ersten Mal, der damals 31-Jährige Lichtenhan fungierte als Autor, Chef­redaktor und Herausgeber in Personalunion.

Inspiriert hatte ihn das Beispiel des französischen Journalisten und Publizisten Théophraste Renaudot. Der hatte bereits im Jahr 1731 in Paris eine Publikation gegründet, die sich aber ausschliesslich auf Anzeigen beschränkte. Das Lichtenhan-Geschlecht stammt ursprünglich aus Basel, Lichtenhans Familie erhielt 1692 das Bürgerrecht in Neuenburg. Geboren wurde François-Louis am 31. August 1707 in Neuenburg als Sohn eines Silberschmieds. Seine Artikel zeichnete er gern mit «Lichtenhan, der Kadette».

Das «Feuille d’Avis» unterschied sich in seiner Struktur kaum von den Printprodukten, die bis in die jüngste Vergangenheit ein erfolgreiches Geschäftsmodell waren. Die Hauptsache waren Anzeigen. Auf der Vorderseite fanden sich Rubriken, um Dinge zu kaufen und zu verkaufen, auszuleihen oder zu vermieten. Es gab Informationen über verlorene Sachen, Stellengesuche und -anzeigen. Auf der Rückseite publizierte Lichtenhan politische Neuigkeiten. Das Jahresabonnement kostete 20 Neuenburgische Batzen.

Am 2. Oktober 1738 erschien das «Feuille d’Avis» zum ersten Mal.

Das «Feuille» war nicht von Anfang an ein durchschlagender Erfolg. Von Lichtenhans erstem Blatt sind nur zwei Ausgaben erhalten. Unklar ist, wie lange es erschien. 1740 kam die Zeitung erneut heraus, unter dem Namen «Gazette utile et curieuse». Doch auch dieser war nur ein kurzes Schicksal beschieden, nach sieben Monaten war Schluss.

Ab 1766 gab man dem «Feuille d’Avis de Neuchâtel» eine dritte Chance. Diesmal war die Zeit reif, die Zeitung konnte sich etablieren. Ab 1884 erschien das Blatt sogar in einer täglichen Ausgabe. Im Laufe der Jahrzehnte überflügelten die journalistischen Texte die Anzeigen. Und das Blatt wechselte immer mal wieder das Gesicht. 1964 übernahm die im Kern konservative Zeitung den ebenfalls in Neuenburg erscheinenden «L’Express», ab 1988 führte sie dessen Namen. Aber in jüngster Vergangenheit sind die Anzeigen so dramatisch zurückgegangen, dass die Zeitung einmal mehr fusioniert. Am Dienstag wird aus «L’Express» und dem lokalen Rivalen «L’Impartial» das Blatt «Arcinfo».

Dass sein Projekt einen derart langen Atem haben würde, dürfte sich Lichtenhan nicht ausgemalt haben. Allerdings bleibt von der ältesten Zeitung der Schweiz jetzt nur ein Bastard übrig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.01.2018, 18:03 Uhr

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