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Die Hassliste der Pendler

Nicht daheim, nicht im Geschäft: Der Weg zur Arbeit ist ein Raum ohne dauerhafte Kontakte und mit geringer sozialer Kontrolle. Kein Wunder, dass da Ärgernisse lauern. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat die 10 schlimmsten zusammengefasst.

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1) AUFDRINGLICHE BESCHALLUNGEN

Was ist nun schlimmer? Der übellaunige und pickelgeplagte Jungprotestler, aus dessen Kopfhörer düsterer Gangsta-Rap das gesamte Abteil durchdringt? Oder der Strassenmusikant mit verstimmter Gitarre, den die Hoffnung auf grosszügige Gage in das Tram treibt? Die Redaktion von Tagesanzeiger.ch/Newsnet ist uneins. «Wir haben doch alle mal pubertiert», hiess es zugunsten des Musikhörers, während für den Musikanten das schiere Mitleid die Toleranz erhöhte. Und richtig gute Strassenmusiker bekommen sogar ein, zwei Stutz.

Mögliche Gegenmassnahme: Höfliches Bitten um Ruhe führt vereinzelt zum Erfolg.

2) REMPLER, CATCHER, JUDOKA

Ja, das Wort «Stosszeit» bekommt in Bus und Bahn eine neue Bedeutung – speziell am frühen Morgen und zur Feierabendzeit, wenn der Kampf um die Plätze beginnt und die guten Manieren zu schwinden scheinen. Da rempelt sich mancher Mitfahrer den Weg zum Sitz frei, während andere die Ellbogen einsetzen oder mit gezielten Beinhebeln arbeiten. Und dass man für ältere Menschen den Platz freigibt, scheint zu den Anstandsregeln zu gehören, die aus der Mode sind und niemals wiederkehren.

Mögliche Gegenmassnahmen: Regelmässiges, ruhiges Atmen mit dem Zwerchfell; alternativ Mantras murmeln.

3) STILLER KAMPF GEGEN SITZNACHBARN

Apropos Sitzplatzmangel: Wer hätte nicht gerne ein wenig mehr Privatsphäre, zumal nach einem ärgerlichen Arbeitstag? Manche Mitfahrer freilich treibt dieser Wunsch zu Kampfmassnahmen. Pendlerinnen greifen gern zur Einkaufstasche, auf der meist Worte wie «Douglas» oder «Gucci» prangen. Offensiv auf dem Nebensitz platziert, signalisiert der Sack: «Bleib weg!» Und nur schon auf einen fragenden Blick reagieren diese Damen mit einer Gewittermiene, als sei man ein potenzieller Vergewaltiger – eine Strategie, die in den meisten Fällen funktioniert. Männer dagegen nehmen meist den Sitz an der Gangseite ein. Und hoffen, dass die Mitmenschen es nicht wagen, sie ums Aufstehen zu bitten, um zum freien Platz am Fenster zu gelangen.

Mögliche Gegenmassnahme: Unverdrossen höflich fragen!

4) TRAMPILOTEN FÜR DIE FORMEL 1

So viele Stadtbahnlenker und Busfahrer gehen ihrer monotonen Arbeit mit wahrer Perfektion nach – doch manchem Fahrarbeiter scheint der Alltag zu trist zu sein. Schwungvolles Anfahren lässt die Pendlergemeinde tatsächlich seitwärts pendeln, und kräftiges Bremsen lässt Koffer und Taschen durch den Wagen purzeln. «Huere Dubbel», hört man es dann durch den Wagen zischeln, «lern fahre!» – leider vergeblich, wie der Pendleralltag zeigt.

Mögliche Gegenmassnahmen: Gut festhalten; breitbeinig stehen.

5) MAHLZEITEN AM FALSCHEN PLATZ

Wenig Zeit, aber grosser Hunger: Der rastlose Alltag treibt viele Pendler zu warmen Mahlzeiten auf der Fahrt. Dann zieht der süssliche Geruch von Pommes frites durch den Wagen und der Duft von Fast-Food-Rindfleisch, das zu lange in altem Bratfett lag. Zwischendurch hört man den Softdrink durch den Strohhalm gurgeln, gefolgt von einem «Mmmmh. Ah!». Endlich gesättigt, wischt der Mitfahrer seine fettigen Finger auf dem Sitzplatz ab. Ob er seinen Speisemüll mitnimmt, hängt freilich von der Tageslaune ab.

Mögliche Gegenmassnahme: Bieten Sie eine saubere Serviette an.

6) DAS LANGE AUTOMATEN-WARTEN

Die Tücken der Technik verschonen auch Pendlerinnen und Pendler nicht. Was nützt es, wenn man 15 Minuten vor der Abfahrt an den Bahnhof kommt, wenn vor dem Billettautomaten eine lange Schlange steht? Zuvorderst sieht man meist einen Kunden, der vom System überfordert ist: Soll er nun ein volles Billett oder nur ein Zusatzticket lösen? Wie war doch gleich der Code für den Zuschlag? Je länger es dauert, desto nervöser wird der arme Mensch – und desto verwirrender die vielen Knöpfe und Tastenfelder auf dem Bildschirm.

Mögliche Gegenmassnahme: «Kann ich Ihnen vielleicht helfen?»

7) MENSCHENTRAUBEN VOR DEN TÜREN

Ein Phänomen, das Pendler auf allen Kontinenten hassen. Wer Bus, Bahn oder Tram verlassen will, sieht vor sich einen Menschenhaufen, der zu simpler Einsicht nicht imstande ist und deshalb keine Gasse bildet. Selbst eindeutige Gesten oder die Bitte um Beiseiterücken hilft da nichts. So bleibt am Ende nur der forsche Schritt nach vorne in die dumpfe Masse – und die Hoffnung, dass allfällige Kollisionen ohne Folgen bleiben.

Mögliche Gegenmassnahme: Einfach nicht ärgern.

8) «SCHULDLOSE» SCHWARZFAHRER

Dass man einmal kein Billett dabei hat, kann jedem Pendler passieren. Doch einige Zeitgenossen beginnen – vom Kontrolleur ertappt – leider wort- und gefühlsreich zu verhandeln. «Gopfriedstutz! Ich habe es noch nie vergessen», hört das Pendlerpublikum sie lamentieren. Oder sieht sie verzweifelt in allen Taschen rascheln und kramen – gefolgt vom Klageruf: «Vorhin war es noch da!» Finanzschwache Jugendliche hingegen versuchen es häufig mit der rhetorischen Frage: «Muss ich das wirklich bezahlen?»

Mögliche Gegenmassnahme: Kleine Geldgeschenke, in Zürcher Trams bis zu 80 Franken.

9) SCHWATZHAFTE MITFAHRER

Diese Zeitgenossen treten in allerlei Unterarten auf. Neben dem gewöhnlichen Redseligen, der häufigsten Spezies, gibt es etwa den «Guten-Morgen-Mann», der um 6.30 Uhr strahlend das Gefährt betritt und sagt: «Ha! Ein herrlicher Tag, nicht wahr?» – obwohl es draussen Fäden regnet und man selbst noch in düsterem Halbschlaf steckt. Die Spezies des Phrasendreschers lebt dagegen von Wiederholungen – zum Beispiel mit der bekannten Redewendung «Isch do no frei?», obwohl man allein und gottverlassen auf leere Sitze blickt.

Mögliche Gegenmassnahmen: Immer zustimmend nicken; kein Wort erwidern.

10) TRUNKENBOLDE IM RUDELWAHN

Ein gutes Essen, dazu jener würzige Rioja und als Dessert ein warmer Schoggikuchen: Nach einem solchen Freitagabend-Menü möchte man nur noch mit der letzten Bahn gemütlich heimfahren. Nur leider: Dort erscheinen auch Gruppen Jugendlicher, die mit Alkohol wenig Erfahrung haben. Flaschen voll Billigfusel unter dem Arm, begaffen sie die Mitreisenden mit stierem Grinsen, oftmals unterbrochen von einem Rülpser. Nicht selten hinterlassen magenschwache Kampftrinker zudem die jüngste Mahlzeit auf dem Gang. Wer kann es dem Zugpersonal, sofern vorhanden, da übelnehmen, wenn es nicht eingreift?

Mögliche Gegenmassnahme: Stille Gebete zum heiligen Valentin von Terni, dem Schutzpatron der Jugendlichen und Reisenden.

UMFRAGE:
Fehlt Ihnen ein wichtiges Ärgernis auf unserer Liste? Was haben Sie erlebt? Und wie sehen Ihre erfolgreichen Strategien gegen unangenehme Vorfälle aus?

Erstellt: 05.05.2011, 14:58 Uhr

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