Die Kunst der Triebe

Ist die Liebe eine Pseudoreligion? Ja, aber lediglich für einen Teil der Menschheit: Die Frauen.

Das grosse Gefühl wurde im Film «Love Story» (1970) gross in Szene gesetzt – und musikalisch untermalt: Ryan O'Neal und Ali MacGraw. Foto: PD

Das grosse Gefühl wurde im Film «Love Story» (1970) gross in Szene gesetzt – und musikalisch untermalt: Ryan O'Neal und Ali MacGraw. Foto: PD

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Der Philosoph René Descartes sagte: Ich denke, also bin ich – Franzose. Demgegenüber sagt die Frau: Ich liebe, also bin ich – Frau. Das Konzept der romantischen Liebe ist eine Bedingung der Weiblichkeit, unabhängig von ihrer Nationalität, das haben Expertinnen wie Gloria Steinem und Susan Brownmiller bereits Mitte der 80er-Jahre beschrieben.

Seitdem hat die Liebe in der öffentlichen Debatte mit jeder Generation an Bedeutung gewonnen. Wäre nicht der Liebesratgeber erfunden worden, der Buchhandel wäre heute so tot wie das Mammut. Was der Dichter der Liebe, der alte Ovid, zu Papier brachte, kann heute jeder Liebesgeschädigte im Selbstverlag. Auch wenn er, nach Ovid vorsichtig geworden, es tunlichst vermeiden wird, Frauen mit Haaren an den Beinen und unter den Armen mit Ziegen zu vergleichen.

Die Behaarung der Frau? Ein Nebenschauplatz, wir dürfen uns nicht verheddern. Es verlaufen sich auch immer wieder Fachleute im Dickicht, jene zum Beispiel, die Liebe als moderne Ersatzreligion bezeichnen. Die Liebe als Himmelsmacht, die nur einen Gott kennt und als Gegengeschäft Erlösung und Heil verspricht. Wovon? Von der Einsamkeit natürlich.

Wenige Thesen sind heute populärer als die Behauptung, auf dem Altar der Moderne stehe ein Goldenes Kalb namens Liebe. Dieser Mythos eines grossen Gefühls, das uns gottlosen ­Menschen im leeren Universum Halt gibt. Das liest sich nett und verkauft sich möglicherweise noch netter. Aber konnte man nicht schon in der «Kunst der Liebe» von Erich Fromm lesen, dass der Liebe die ganze Aufmerksamkeit im Leben einzuräumen sei; noch vor dem Streben nach Erfolg, Prestige, Geld und Macht?

Das Territorium des Herzens

Erfolg, Prestige, Geld, Macht. Für wen war und ist das erreichbar? Und an wen denken heute die Fachkundigen, die von der Liebe als moralischer Designerdroge des 21. Jahrhunderts sprechen? Gilt ihr Befund auch für die männliche Hemisphäre?

Es ist bis heute so: Das Territorium des Herzens ist das Gebiet der Frau. Wieso also zum Beispiel Sex von Liebe trennen? Bitte nicht! Bei uns soll sich alles um Liebe drehen, und wenn uns dabei schwindlig wird. Sicher, auch Männer leiden und haben um der Liebe willen gelitten, vor allem aber in ihrem Namen Kriege geführt, will heissen grosse Taten vollbracht. Denn welcher Mann wähnt sich ganz besonders männlich, wenn er liebeskrank ist? Welches Exemplar beginnt in liebesmoribundem Zustand, Tagebuch zu schreiben?

Liebe ist Frauensache, Liebe muss die weibliche Psyche bestärken. Sie muss ihr bestätigen: «Ich bin eine Frau.» Frauen müssen lieben, wenn nicht einen Mann, dann kleine Kinder, kleine Tiere, Mode auch, sie ist als Objektersatz in gewissen Kreisen akzeptiert. Frau liebt ganz einfach alles, Frau leidet unerreicht und singt dazu bittere Hymnen des Überlebens: «My Man» oder «I will survive».

Was aber tun wir mit den Erkenntnissen der Anthropologin Helen Fisher? Sie sagt, dass die romantische Liebe und das Verliebtsein keine Emotion seien, sondern ein Trieb (Tagesanzeiger.ch/Newsnet vom Samstag). Das ist fantastisch, denn endlich kommt auf den Tisch: Frauen haben nicht nur Gefühle! Sie haben Triebe, und als triebhaft Liebende dürften sie auch noch lernen, Erfolg, Prestige, Geld und Macht zu lieben.

Erstellt: 08.10.2014, 07:08 Uhr

Video

«I Will Always Love You» von Whitney Houston (Quelle: Youtube)

Video

«Love Story» von Taylor Swift: (Quelle: Youtube)

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