Die Liebesmörder

Die Schweiz ist traurige Spitzenreiterin, wenn es um Familienmorde geht. Die Zahlen nehmen zu – und dürften weiter steigen.

Mord statt des schwierigen Umgangs mit Schmerz: Sucharbeiten nach einem erweiterten Suizid bei Bulle 2011. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Mord statt des schwierigen Umgangs mit Schmerz: Sucharbeiten nach einem erweiterten Suizid bei Bulle 2011. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

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Bei einer Schiesserei im aargauischen Würenlingen sind fünf Menschen umgekommen. Ein 36-Jähriger hat seine Schwiegereltern, seinen Schwager, einen Nachbarn und sich selbst erschossen. Die Wissenschaft nennt ein solches furchtbares Ereignis einen «erweiterten Suizid» oder zunehmend – nach angloamerikanischem Vorbild – Homizid-Suizid.

Das verbrämt die Realität. In Wirklichkeit handelt es sich um grausamen Familienmord. Das Verbrechen von Würenlingen ist in diesem Kontext atypisch, weil die Opfer aus der erweiterten Familie stammen. Beim gängigen Familienmord tötet der Mann seine Frau, seine Kinder und zuletzt sich selbst. Das geschieht mehr und mehr. Bei uns zumal. Zieht man eine Verbindung zwischen der Häufigkeit der Familienmorde und der Einwohnerzahl, ist die Schweiz weltweit Spitzenreiter. Familienmorde werden in den offiziellen Statistiken nicht als solche erfasst; insofern gibt es keine exakten Daten wie bei Morden, Verkehrsunfällen oder Suiziden. Auch wissenschaftlich ist der Familienmord bisher allenfalls rudimentär untersucht.

Alle neun Tage

Beides bemängelt auch das Max-Planck-Institut in Berlin, das derzeit im Auftrag der Europäischen Union dem Homizid-Suizid nachgeht. Für Deutschland geben die Forscher 40 bis 120 Familienmorde pro Jahr an. In der Schweiz hat Matthias Egger vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Bern zum Familienmord gearbeitet. Im Fachblatt «PLOS One» berichtet Egger von 158 Todesfällen durch Tötungsdelikte in Familien zwischen 1991 und 2008. Wie er zu dieser Summierung kommt, erschliesst sich nicht aus seinem Bericht.

Macht man sich die Mühe, Zahlen aufgrund von lokalen Zeitungsberichten zu addieren, gelangt man zu erheblich höheren Werten. Danach geschah 2002 ein Familienmord im statistischen Mittel noch alle drei Wochen. 2005/06 – ein trister Höhepunkt solcher Delikte – hatte sich dieser Abstand auf neun Tage verkürzt. Das sind circa vierzig Familienmorde pro Jahr mit etwa 150 Toten.

Frauen bringen aus unterschiedlichen Motiven eigene Kinder um, in relativ seltenen Fällen auch den eigenen Partner, aber löschen niemals die ganze Familie aus. Das ist Männermonopol. Zumindest bisher. In rund fünf Prozent der Fälle handelt es sich beim Familienmord um eine Art Ehrenmord: Die Firma des Familienernährers muss Konkurs anmelden, Schulden führen zur privaten Insolvenz, Arbeitslosigkeit droht. In solchen Konstellationen kann die traditionelle männliche Rolle von Schutz, Fürsorge und Lebenserhaltung für die Familie nicht mehr erfüllt werden. So war es etwa beim Familienmord in Riehen 2010, als ein Mann seine Frau, seine Tochter und sich selbst tötete. Statt des Eingeständnisses, als Mann eine Niederlage erlitten zu haben, ist es «ehrenvoller», mitsamt der Familie aus dem Leben zu scheiden. In der traditionellen Optik der männlichen Ernährerrolle ist ein solcher Mord nur konsequent.

Von Panik übermannt

In rund 95 Prozent der Fälle ist der Auslöser des männlichen Familienmords die Ankündigung der Partnerin, das gemeinsame Leben nicht mehr fortsetzen zu wollen. Eifersuchtsdramen gab es schon immer, aber sie haben sich in den vergangenen drei Jahrzehnten vervielfacht. Der Grund ist relativ einfach: Frauen haben sich aus ihrer abhängigen Rolle befreit und damit auch aus der einst gesetzlich verankerten Vormundschaft des Mannes. Rund 70 Prozent der Trennungen und Scheidungen in der Schweiz gehen heute von Frauen aus. Die Mehrheit der Männer hingegen hat die eigene Emanzipation verpasst. Deshalb können sie auf neue, unabhängige Frauen oft nur mit Gewalt und Mord reagieren.

Die Entscheidung, den bis anhin ahnungslosen Partner zu verlassen, löst bei diesem einen akuten Zustand der Panik aus. Er wird von dem Gefühl übermannt, dass ihm der Lebensboden entzogen wird. Plötzlich wird deutlich, dass die eigene Frau die einzige Anlaufstelle für Sorgen, Nöte, Trost und Geborgenheit gewesen ist. Ohne sie droht nicht nur die soziale Isolation, sondern das dunkle Loch von Verzweiflung, Angst und Alleinsein. In dieser Situation löst sich der Impuls, den dramatischen Untergang einem sukzessiven Elend vorzuziehen: Mord statt der schwierige Umgang mit Schmerz. Ohne ihre Frau – so «begreifen» diese Täter – sind sie nicht mehr lebensfähig.

Das hat damit zu tun, dass Männer und Frauen in unserer Gesellschaft nach wie vor unterschiedliche Beziehungsmodelle leben und auch dementsprechend erzogen werden. Trotz aller Veränderungen zeigen neueste Untersuchungen über die Sozialisation von Mädchen und Buben, dass sich an solchen Diskrepanzen nichts geändert hat. In der Vorbereitung auf das erwachsene Leben lernen Jungen wenig von dem, was Beziehung, Liebe und Partnerschaft erfordern. Das ist keine Schuldzuweisung an Männer. Wenn es überhaupt eine Schuldzuweisung ist, so müsste die gegenwärtig praktizierte Familien- und Geschlechterpolitik die Adressatin sein.

Wirtschaftskrise als Auslöser

Männer werden noch immer auf Leistung getrimmt. Das Emotionale, das selbstverständlich auch sie brauchen, wird an die Frau delegiert; sie hat das Familienmonopol über das Gefühlvolle und ist – nicht bewusst, aber doch faktisch – der emotionale Lebensquell des Mannes. Das belegen Protokolle aus Trennungstherapien sehr plastisch. Die Trennungsentscheidung ist dann der brutale Stoss aus der Sicherheit «Frau». Die männliche Rolle von Härte, Erfolg und Leistung manifestiert sich denn auch nur konsequent im Homizid- und Suizidverhalten selbst. Wenn Männer sich und andere umbringen, gelingt dieser Versuch.

In den letzten fünf Jahren haben Selbst- und Fremdtötungen von Männern wieder zugenommen. Während die Suizidzahlen bei Frauen kontinuierlich abnehmen, steigen sie bei den Männern an. Als Ursache wird die globale Wirtschaftskrise ausgemacht. Das belegt etwa der englische Soziologe Aaron Reeves von der Universität Oxford. Er hat mit seinem Team Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus 24 Ländern der EU und Nordamerikas analysiert. Demnach begann die Trendumkehr bei Selbsttötungen mit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise 2007; schon bis 2009 sei die Suizid-rate um 6,5 Prozent gestiegen. Reeves notiert lakonisch: «Wer Job oder Wohnung verliert, in seinen Schulden ertrinkt, der geht manchmal den letzten Schritt.» Konkret: Selbsttötung, auch Fremdtötung oder eben beides. Da der soziale Abstieg in den kommenden Jahren immer mehr Männer betreffen wird, ist die Prognose für die Mord- und Suizidstatistik entsprechend düster.

Fragen zum Nationalcharakter

Solche Daten erklären allerdings kaum, warum die Rate der Familienmorde in der Schweiz besonders hoch ist. Vielleicht sollte man sich dazu einmal unseres alemannischen Sozialcharakters annehmen. Im Gegensatz zu anderen Landstrichen, in denen Menschen eher extrovertiert sind und leben, geht der Deutschschweizer haushälterisch mit seinen Emotionen um. Das gilt auch für Ärger und Wut; eher macht man die Faust im Sack, als dem anderen seine Gefühle mitzuteilen. Auf Dauer entstehen so tickende Zeitbomben und die Gefahr der plötzlichen Entladung im Gewaltakt. Das ist freilich nur eine Hypothese, die der sozialpsychologischen Überprüfung bedürfte. Dass dies in nächster Zeit geschieht, ist unwahrscheinlich.

Das schreckliche Ereignis des Familienmordes bewegt jeweils die Öffentlichkeit nur kurz. Bis zur nächsten Tat. Statistisch gesehen in neun Tagen.

Erstellt: 12.05.2015, 23:14 Uhr

Zur Person

Walter Hollstein ist emeritierter Professor für politische Soziologie, Autor des Standardwerkes «Was vom Manne übrig blieb» (2012) und Gutachter des Europarates für Männerfragen.

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