Die Lizenz zur Umweltsünde

Käufer von Bioprodukten sind egoistischer, Besitzer von Minergiehäusern fliegen häufiger als der Durchschnitt. Studien zeigen, dass menschliche Schwächen die Bemühungen um Nachhaltigkeit oft durchkreuzen.

Menschen, die kein Auto besitzen, fliegen mehr. Sie glauben mit ihrer «Umweltbuchhaltung» im Plus zu sein. Foto: Keystone

Menschen, die kein Auto besitzen, fliegen mehr. Sie glauben mit ihrer «Umweltbuchhaltung» im Plus zu sein. Foto: Keystone

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Das deutsche Onlinemagazin «Klimaretter» bietet seinen Lesern nicht nur harte Fakten und fundierte Analysen zum Klimawandel, sondern auch ein sonderbares Angebot: den Klimaretter-Beichtstuhl. Hier entlasten gefallene Gutmenschen ihr schlechtes Klimagewissen: «Ich bin Fahrstuhl gefahren . . . und werde es leider wieder tun», schreibt ein reuiger User. Und eine Frau beichtet: «Ich wäre gerne Vegetarierin, aber ich schaffe es nicht. Ich esse gerne Fleisch.»

Die Beichtenden auf der Klimaretterseite sind sich ihres Handelns bewusst – zum Teil begehen sie ihre klimaschädlichen Sünden sogar absichtlich. Sie sind Ausnahmen: Meistens geschieht dies unbewusst. Psychologische Studien zeigen, dass viele Menschen in ihrem Umweltverhalten eine Art moralischen Ablasshandel betreiben. Sie verhalten sich in einem Teilbereich besonders vorbildlich und sind stolz darauf, die Welt ein wenig verbessert zu haben – und sündigen dann in anderen Bereichen. Steht ein allzu menschlicher Makel allen Nachhaltigkeitsbemühungen im Weg?

Symbole statt Fakten

«Diese Mechanismen sind tief im Menschen drin, man kann sie nicht wegreden», sagt Heinz Gutscher, Sozialpsychologe an der Universität Zürich mit Schwerpunkt Umweltpsychologie. Das Problem sei, dass wir uns in Umweltentscheidungen von Symbolen leiten liessen. «Doch Symbole führen in die Irre, die Umwelt reagiert nicht auf Symbole, sondern auf konkrete Auswirkungen.»

Zu diesen Symbolen gehören Bionahrungsmittel, umweltfreundliche Autos, nachhaltig gebaute Häuser. Konsumgüter, die als Statthalter im Wettstreit um die beste Umwelteinstellung dienen: gut sichtbar, täglich benutzt, mit viel Ideologie verknüpft. Alle sind sie mit Labels verbunden, über die Schattierungen korrekten Handelns einlesbar sind: von regional produzierten Lebensmitteln über Knospenprodukte bis zum Demeter-Label, von Minergie über Minergie-Plus bis Eco-Passiv-Minergie-Plus.

Die «Guten» bewerten strenger

Was vordergründig wie reine Information aussieht, vermittelt moralische Werthaltungen und bedient den urmenschlichen Wunsch, gut dazustehen. Die Fakten dahinter sind für den Konsumenten oft nur schwer eruierbar. Wie subtil dagegen die unbewussten sozio-psychologischen Mechanismen wirken, zeigte kürzlich der amerikanische Psychologe Kendall Eskine in einer Studie mit amerikanischen Studenten. Eskine zeigte drei Gruppen von Probanden unterschiedliche Fotos: Eine erste Gruppe sah deutlich gekennzeichnete Biolebensmittel wie Äpfel, Karotten oder Tomaten. Die zweite Gruppe betrachtete «sündige» Lebensmittel wie Schokolade, Kekse und Eiscreme. Und eine dritte Kontrollgruppe bekam neutrale Lebensmittel gezeigt: Reis, Bohnen, Senf oder Haferflocken. Danach wurden alle Teilnehmer mit moralisch verwerflichen Szenarien konfrontiert: mit einem Politiker, der korrupt handelt, einem Mann, der seinen verstorbenen Hund isst, Cousins zweiten Grades, die miteinander ins Bett gehen. Die Probanden, die die Bionahrungsmittel sahen, äusserten mehr moralische Abscheu als die Mitglieder der anderen Gruppen.

In einem zweiten Test, in dem es darum ging, einer fremden Person zu helfen, zeigten sich die Bio-Betrachter bedeutend weniger hilfsbereit. Die Bilder der Nahrungsmittel funktionieren als Schalter, die das moralische Koordinatensystem im Hirn aktivieren. Dieser psychologische Mechanismus wird Priming genannt und ist mittlerweile gut untersucht. Er wird zum Beispiel auch von der Werbewirtschaft verwendet, um über Bilder Kaufentscheide auszulösen.

Moralisches Guthaben

Offenbar löste nur schon die Betrachtung der Bilder ein Verhalten aus, das die Forscher «Moral Licensing» nennen und damit die Phänomene der Doppelmoral und des Pharisäertums meinen. Danach hat jeder Mensch ein endliches moralisches Guthaben. Äufnet er dieses durch eine gute Tat (oder auch nur schon durch die Wahrnehmung eines «guten» Produktes), glaubt er sich danach umso mehr berechtigt, das Konto andernorts wieder zu verbrauchen. Die Mechanismen beschränken sich auch nicht auf das Umweltverhalten. Der amerikanische Psychologe Benoît Monin konnte zum Beispiel zeigen, dass sich Menschen sexistischer und rassistischer äusserten, wenn sie sich vorher ausdrücklich vorurteilsfrei geben konnten.

Dass der Schritt zum Handeln nicht mehr weit ist, zeigte die kanadische Psychologin Nina Mazar von der University of Toronto vor zwei Jahren. Sie untersuchte Probanden, die gerade ein «grünes» Produkt erstanden hatten. Diese verhielten sich in einem Kooperationsspiel unfairer und egoistischer. Die Forscher waren erstaunt, weil sie glaubten, dass der Kauf von sozial und ökologisch tadellosen Produkten Verantwortungsgefühl und ethisch einwandfreies Benehmen nicht nur signalisieren, sondern sogar verstärken würde.

Mentaler Rebound-Effekt

Im Umweltbereich führt dieser schwer zu beeinflussende «Faktor Mensch» zum Rebound-Effekt von Umweltmassnahmen. Darunter versteht man die kontraproduktiven Effekte einer an sich positiven Massnahme. Das bekannteste Beispiel sind Energiesparlampen: Die Nutzer lassen die Birnen den ganzen Tag brennen, da die neusten Modelle kaum mehr Strom brauchen. Das kann so weit führen, dass ein Teil der erhofften Einsparung nicht eintritt, weil der zusätzliche Einsatz von Lampen einen Teil der möglichen Einsparung kompensiert. Der Rebound-Effekt wurde bisher nur ökonomisch erklärt: Die Einsparungen bei den Energiekosten erlauben den Konsumenten einen Mehrverbrauch.

Der Schweizer Umweltexperte Peter de Haan hat vor drei Jahren mit dem ETH-Forscher und grünen Nationalrat Bastien Girod den Rebound-Effekt in einer Studie im Auftrag des Bundesamtes für Energie genauer untersucht. Dabei zeigte sich, dass ein an sich positives Umweltverhalten zu kontraproduktiven Wirkungen führen kann, die nicht ökonomisch erklärbar waren.

Voruntersuchungen bei rund 45 Haushalten im Kanton Zürich zeigten zum Beispiel, dass die Besitzer von Minergiehäusern mehr Flugreisen unternahmen als die Allgemeinbevölkerung. Auch Menschen, die kein Auto besitzen, fliegen mehr. Peter de Haan prägte für ein solches Verhalten den Begriff des mentalen Rebounds, basierend auf einer diffusen mentalen Umweltbuchhaltung. Sein Anteil am totalen Rebound-Effekt ist schwer zu quantifizieren. Peter de Haan schätzt jedoch, dass er im Umweltverhalten von Privatpersonen wohl 50 Prozent des Rebound-Effekts ausmacht.

Der mentale Rebound-Effekt tritt aber nicht immer auf: Bei Schweizer Haushalten etwa, die nur Bionahrungsmittel kauften, war auch die Treibhausgas-Bilanz besser als im Durchschnitt. Das stimmt Peter de Haan optimistisch: «Die Konsumenten sind nicht dumm, und wer sich umweltfreundlich verhalten will, wird dies schon tun, wenn er alle Informationen hat.» Auch Umweltpsychologe Heinz Gutscher glaubt an die Wirkung guter Information: «Man sollte bei Kampagnen für Umweltmassnahmen mehr Wert auf die Fakten und nicht so sehr auf den symbolischen Wert legen.»

Erstellt: 20.06.2012, 18:56 Uhr

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