Die Lüge vom perfekten Laufschuh

Hersteller von Joggingschuhen bewerben ihre Produkte immer dreister. Die Folge: Die Läufer schlagen zurück.

Der Hype der letzten Jahre: Zehenschuhe. Foto: PD

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Welcher Läufer will ein solches Wunderding nicht besitzen, wenn er liest: «Dieser hochentwickelte Laufschuh beeindruckt mit einem schwebenden Gefühl, das Laufen revolutionieren wird.» So preist Adidas sein neustes Produkt an. Man könnte auch einen PR-Begleittext zu einem Modell von Nike oder Asics verwenden.

Diese Produzenten versprechen mit ihren superbahnbrechenden Innovationen, endlich und endgültig den perfekten Laufschuh kreiert zu haben – und zwar für die gesamte Menschheit in all ihren (Fuss-)Formen. Klingt unglaubwürdig? Nicht, wenn man die Läufer fragt. Sie kaufen wie wild. Die Branche setzt weltweit pro Jahr mehrere Milliarden Franken um.

Dass die Zahl an verletzten Joggern bei allen gross beworbenen Durchbrüchen konstant um die 30 Prozent bleibt, ficht weder Hersteller noch Käufer an. Dann wird einfach die nächste Innovation vorgestellt – und erworben.

Gar Schummeln gehört zum Konzept der Branche: 2009 stellte Reebok einen Schuh vor, der den Po um bis zu 28 Prozent fester machen solle. Vor allem Frauen kauften den Wunder­treter gierig. 2011 musste sich Reebok dann zu einer Vergleichszahlung von 25 Millionen Dollar verpflichten, weil es seine US-Kunden mit Falschaus­sagen in die Irre geführt hatte. Es gebe keine seriösen wissenschaftlichen Studien, welche die Ergebnisse ­bestätigten, beurteilte die nationale Handelsaufsicht. Statt Reue zu zeigen, frohlockte Adidas-Chef Herbert Hainer, der sich Reebok 2006 einverleibt hatte, gemäss «Welt»: «Einen solchen Erfolg bei einem Modell habe ich noch nie ­erlebt.» Man nahm die Vergleichszahlung darum gerne hin.

Was gestern galt, ist heute falsch

Den neusten Streitfall aus diesem Jahr betrifft Vibram. Die Marke zählt im Segment des «Natural Running» zu den Pionieren. Mitte des letzten Jahrzehnts hatten die Laufschuhhersteller ihren Ansatz, was Jogger für Schuhe benötigen würden, fundamental geändert: Jetzt mussten die Schuhe möglichst das Barfusslaufen simulieren, also weder gross stützen noch dämpfen oder führen. Diese Eigenschaften galten lange als die königliche Trias im Schuhbau. Inzwischen setzt die Branche allein mit «Natural Running»-Produkten knapp 2 Milliarden Franken pro Jahr um. Mit am konsequentesten trieb Vibram die Idee voran. Die Schuhe sind wie eng anliegende Finken und schützen den Fuss bloss noch vor Schnittwunden.

Schrittmacher der Barfussbewegung ist der US-Autor Christopher McDougall, der 2009 mit seinem Sachbuch «Born to Run» über indigene mexikanische Barfusswunderläufer so etwas wie eine Bibel der Szene verfasste. Kein Hersteller konnte es sich nach dem einsetzenden Hype leisten, nicht mindestens ein entsprechendes Modell auf den Markt zu bringen.

Vibram aber nahm den Mund im Kampf um Marktanteile zu voll («geringere Verletzungsgefahr, gestärkte Fussmuskulatur») und wurde schon 2012 von einer enttäuschten US-Läuferin samt weiteren unzufriedenen amerikanischen Joggern eingeklagt.

Inzwischen einigte sich Vibram aussergerichtlich mit den Klägern und richtete einen Entschädigungsfonds über 3,75 Millionen Dollar ein. Die Lobpreisung ihres Produkts musste die Firma natürlich anpassen. Seit dem Vergleich tobt zwischen der Fraktion der Barfussläufer und den Fürsprechern konventionellerer Laufschuh­modelle eine Fehde, in der jede Partei der anderen vorwirft, sie lüge. Dabei gibt es auch nach 40 Jahren Laufschuh­industrie gemäss dem führenden Biomechaniker, dem Schweizer Benno M. Nigg, keine universellen Auswahlkriterien beim Kauf von Laufschuhen – ausser: Sie müssen bequem sein.

Erstellt: 05.08.2014, 15:04 Uhr

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