Muri-Gümligen

Die Pfarrerin, die nicht an Gott glaubt

Ihr Bekenntnis gibt zu reden: Dass Pfarrerin Ella de Groot von der Kirchgemeinde Muri-Gümligen nicht an einen real existierenden Gott glaubt, schlägt sogar international hohe Wellen.

Erklärte sich am Radio: Ella de Groot, Pfarrerin in Muri-Gümligen.

Erklärte sich am Radio: Ella de Groot, Pfarrerin in Muri-Gümligen. Bild: zvg

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Sogar dem Onlineportal der Boulevardzeitung «Bild» in Deutschland war die Meldung ein paar Zeilen wert. «Frau Pfarrer glaubt nicht an Gott» war letzte Woche in dieser Zeitung zu lesen, gemeint war Ella de Groot, Pfarrerin in der Kirchgemeinde Muri-Gümligen. Die Theologin wollte ein paar Tage später in einem Radiointerview erörtern, woraus sie schon bislang in ihren Predigten kein Geheimnis gemacht hatte.

Nämlich, dass sie mit einem real existierenden Gott nichts anfangen kann. Gott sei vielmehr ein Ereignis, das sich zwischen Menschen abspiele. «Nur in der Liebe ereignet sich Gott.»

Warum dann Pfarrerin?

Nicht nur bei «Bild», der grössten Zeitung Europas, erregen derartige Gedanken Aufmerksamkeit. Auch der «Berliner Zeitung» und dem «Standard» aus Wien war Ella de Groot ein Artikel wert. In Österreich löste die Geschichte eine regelrechte Flut an Reaktionen aus: Bis gestern Abend diskutierten weit über 500 Leute eifrig über die Pfarrerin aus der Agglomeration Bern.

Stimmen, die ihr beipflichten, sind genauso zu finden wie solche, die mit einem derart auf die Menschen reduzierten Gott rein gar nichts anfangen können. Gott sei «ein Hirngespinst», erklärt einer, «Gott ist der Erhalter allen Seins», hält ihm ein anderer entgegen. Das heisse natürlich nicht, «dass Gott jede einzelne Wolke am Himmel verschiebt, um es regnen zu lassen» – und ein Dritter: «Im Prinzip gebe ich ihr ja recht. Aber wie kommt man mit dieser Einstellung auf die Idee, Pfarrerin zu werden?» Das sei, wie wenn ein Veganer Käsewürste produzieren würde.

Ähnlich kontrovers war zuvor schon auf der Internetplattform dieser Zeitung hin- und hergeschrieben worden, auch hier gab es Lob und Tadel für die Pfarrerin. Was diese wohl nicht sonderlich erstaunt haben mag, wie sie im Gespräch am Radio andeutete: Einigen Leuten in ihrer Gemeinde gehe sie mit ihren Gedanken tatsächlich zu weit, gestand sie ein. Und schob nach: «Für andere dagegen sind sie befreiend.»

Sehr religiöses Elternhaus

Für sie sei Gott «das Leben», «das, was zum Leben drängt», «eine Energie» und «eine Kraft», wiederholte Ella de Groot am Mikrofon auch noch. Um noch einen Blick in ihre Kindheit zu werfen, der ihre radikale Abkehr vom figürlichen Gottesbild zumindest ein Stück weit erklären mag: Sie sei in einem sehr religiösen Elternhaus aufgewachsen. Ihre Erziehung sei streng gewesen, am Sonntag sei höchstens lesen und stricken, nicht aber Velo fahren oder schwimmen erlaubt gewesen. Nach den Gründen für diese Verbote habe sie nicht fragen dürfen. «Über Glauben zu reden, war so etwas, wie über Sexualität zu reden. Es gehörte zu den Tabuthemen.»

Mit dieser Zeitung wollte Ella de Groot nicht über ihren Glauben reden. Dafür habe sie weder Lust noch Zeit, beschied sie letzte Woche. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.07.2013, 20:24 Uhr

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