Die Pokerlehrerin

Claudia Chinello (33) organisiert Poker-Events. Dabei kann sie sich gar nicht gut verstellen.

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Frau Chinello, was ist Ihr Rezept gegen schlechte Montagslaune?
Ich brauche keines, weil der Montag meist mein Sonntag ist. Nach einem durchgearbeiteten Wochenende schlafe ich aus und gehe dann mit meinem Hund spazieren. Mein Rezept für Zufriedenheit bei der Arbeit ist übrigens mein Rhythmus, der genau andersrum ist als bei den meisten. Ich geniesse meine Freizeit am Morgen und arbeite dafür meist bis 2 oder 3 Uhr nachts. Es hat sich herausgestellt, dass ich so am besten funktioniere.

Worauf kommt es an in Ihrem Job?
Als Kursleiterin muss ich eine komplexe Materie so einfach wie möglich erklären. Oft verwenden Pokerspieler derart viele Fachbegriffe, dass ein Laie kaum etwas versteht.

Was ist das Schlimmste, was in Ihrem Job passieren kann?
Wenn mir vor einem Event mein Bus abliegt oder die Mitarbeiter nicht erscheinen. Das ist mir aber zum Glück noch nie passiert. Ich organisiere etwa zwei bis drei Anlässe pro Woche. Firmen und Private können bei mir einen Abend buchen, worauf ich mit Tischen, Karten und den sogenannten Dealern komme, den Kartengebern.

Spielt man an den Events um Geld?
Nein, Live-Pokern um Geld ist in der Schweiz seit einem Jahr verboten. Meist geht es um eine Flasche Champagner und um den Spass. Pokern ist ein unheimlich facettenreiches Spiel. Ich pokere seit sieben Jahren, und es ist mir noch lange nicht verleidet. Es ist ein Machtspiel. Kein Wunder, sind Manager besonders gut im Pokern, wie ich an den Events beobachten kann.

Wo spielen Sie selbst?
Ich pokere halbprofessionell im Internet und manchmal auch in echten Runden im Ausland oder mit Freunden. Ich mache Gewinn dabei als eine der Wenigen.

Sie müssen eine hervorragende Schauspielerin sein, um Ihre Gegner bluffen zu können.
Nein, ganz und gar nicht. Ich habe italienische Wurzeln, und ich kann schlecht verbergen, wie es mir geht. Deshalb pokere ich am liebsten im Internet, und wenn ich am Tisch spiele, trage ich eine Dächlikappe, die ich tief ins Gesicht ziehe. Das Bluffen ist beim Pokern auch viel weniger wichtig, als Laien meinen. Viel wichtiger ist die Geduld. Man muss warten können, bis man gute Karten hat. Und dann richtig reagieren, damit man das Maximum an Ertrag erspielen kann.

Wie schafft man das?
Da gibt es keine Faustregeln. Und das macht es gerade spannend. Wann muss ich aggressiv sein, wann zurückhaltend? Das kommt auf die Stimmung der Mitspieler an, und die muss man erkennen können. Dazu braucht es eine Menge Erfahrung, mathematische Kenntnisse und sehr viel Konzentration.

Ist das Ihr Traumberuf?
Im Moment ja. Aber das kann sich auch wieder ändern. Ich bin selbstständig, seit ich 21 Jahre alt bin. Zuerst habe ich Websites gestaltet, dann hatte ich Lust auf etwas Verrückteres.

Haben Sie mit Vorurteilen zu kämpfen?
Ja, ich höre oft, Pokern sei unseriös und fördere die Spielsucht. Das bestreite ich. Pokern ist ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem im Vergleich zu Glücksspielen wenig Geld investiert wird. Wer geschickt ist, kommt mit einem kleinen Einsatz lange über die Runden.

Zürich wäre eine bessere Stadt...
...wenn Live-Pokern um Geld erlaubt wäre, sagen wir bis 200 Franken Einsatz. Ich finde es einen absoluten Unsinn, dass der Staat das Pokern ausserhalb von Kasinos verboten hat.

Erstellt: 16.08.2011, 10:20 Uhr

Für Sie ist Pokern ein Geschicklichkeitsspiel: Claudia Chinello. (Bild: Doris Fanconi)

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