«Die Prominenz hat nicht viel Zeit»

Seit Jahren befragt der Journalist Bruno Bötschi prominente Personen nach deren Träumen, nun hat er 52 dieser Interviews in ein Buch gepackt – der passende Anlass, ihn selbst mal ins Gebet zu nehmen.

«Plötzlich waren wir beim Thema Tod»: Kolumnist Bruno Bötschi. Foto: Dieter Seeger

«Plötzlich waren wir beim Thema Tod»: Kolumnist Bruno Bötschi. Foto: Dieter Seeger

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Als Bruno Bötschi in der «Schweizer ­Familie» aufkreuzte und vermeldete, er wolle Prominente über deren Träume und Traumwelten befragen, genoss seine Idee zwar viel Sympathie, aber kaum Kredit: «Nicht wenige glaubten, der Serie würde nach ein paar Wochen die Luft ausgehen», so der 47-jährige Journalist und Kolumnist. Sie wurden eines Besseren belehrt: Aus den «paar Wochen» sind mehr als fünf Jahre geworden – und dabei sind über 200 «Traumfänger»-Interviews entstanden.

52 dieser Stücke hat Bötschi jetzt im gleichnamigen Buch verewigt – und sich damit einen Traum erfüllt. Die «Starparade» reicht von Yello-Mastermind Boris Blank über Comedian Simon Enzler, Fitnesspionier Werner Kieser, Schauspielerin Julia Jentsch bis zu Gerda Spillmann, der «Grande Dame» der Schweizer Kosmetikbranche. Bei der Frage nach den Auswahlkriterien nennt der Autor «zeitlose Themen, einen mehr oder minder ausgewogenen Frauen- und Männeranteil und Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Berufsrichtungen.» Letztgenannter Faktor war einer der Gründe, warum es Roger Schawinski nicht ins Buch schaffte . . . es gibt noch einen zweiten, diesen verrät Bötschi im Interview – das im Stile eines «Traumfänger»-Gesprächs geführt wurde.

Herr Bötschi, als Kind hat man viele Träume – erinnern Sie sich?
An jene in der Nacht erinnere ich mich kaum, an die Tagträume dagegen schon. Dabei gings vor allem um Sport, ich war lange im Leichtathletikclub, habe 100 und 200 Meter trainiert, ich wollte unbedingt einmal an Olympischen Spielen teilnehmen. Leider hat es bei weitem nicht gereicht, obwohl man mir sagt, ich hätte noch heute die Figur und den typischen Arsch eines Sprinters.

Mit der Frage, die ich Ihnen eben stellte, haben Sie jedes der «Traumfänger»-Interviews eröffnet. Wurde das mit der Zeit nicht langweilig?
Nein, denn die Frage ist bewusst sehr offen formuliert, weshalb sie alle möglichen Arten von Antworten zulässt: Die einen erwähnten einen konkreten Nachttraum, andere sprachen über kindliche Berufsträume oder über Zukunftshoffnungen. Es war stets eine schöne Überraschung, für welche Traumart sich die Befragten entscheiden würden.

Die Entscheidung hat bestimmt auch den Gesprächsverlauf beeinflusst.
Ja, zumindest teilweise. Interessant aber war, dass etliche Befragte mitten in unserem Dialog plötzlich auf diese Einstiegsfrage zurückkamen, weil ihnen plötzlich ein Traum eingefallen war.

Was wieder mal zeigt, dass ein Gespräch Zeit und Musse braucht, um sich voll entfalten zu können.
Schön wärs! Also grundsätzlich stimmt das natürlich schon, aber die Prominenz hat nicht viel Zeit für Interviews, nach 25 Minuten waren die Gespräche meistens vorbei, ich musste also stets fokussiert bleiben.

Und? Ist das immer gelungen?
Das Interview mit Komikerin Nadeschkin fand als eines von ganz wenigen am Telefon statt, es gab terminlich keine andere Möglichkeit. Wahrscheinlich war es diese ungewöhnliche Situation, die dann dazu führte, dass ich das Aufnahmegerät falsch ans Telefon anschloss. Es gab dann natürlich keine Aufnahme, und wir mussten das Gespräch wiederholen.

Das kann man als Panne abbuchen. Haben Sie aber auch mal einen Albtraum erlebt – vor oder während eines Interviews?
(lacht) Beim Interview mit Roger Schawinski war ich am Vorabend schrecklich nervös, vielleicht auch, weil ihm ja der Ruf «Bester Interviewer der Nation» anhaftet und ich das verwegene Ziel hatte, ihn zu «knacken». Die Nervosität führte dazu, dass ich plötzlich 38 Grad Fieber hatte – und das wiederum, dass ich während des Gesprächs komplett neben den Schuhen stand: Ich verhaspelte mich beim Ablesen der Fragen, vergass mehrfach das Nachhaken, brachte Zahlen durcheinander. Ich war nur peinlich, von A bis Z. Aber auch Schawinskis Antworten waren wenig spannend. Deshalb nahm ich mir die Freiheit, im Buch auf dieses Interview zu verzichten.

Dann wechseln wir jetzt eilends ans andere Ende der Werteskala: Gab es auch ein Interview, das Sie mit dem Prädikat «grossartig» taxieren?
Ganz toll war sicher, als mir Brigitte Maag von «Karl’s kühne Gassenschau» aus heiterem Himmel erzählte, sie habe in der Schule immer davon geträumt, von der Terrororganisation RAF entführt zu werden, da sie die Französischlektionen nicht ausstehen konnte. Und ziemlich schräg war auch, als mir Komikerin Anet Corti sagte, ich würde wahrscheinlich kommende Nacht in ihrem Traum als Monster über ihren Kopf schweben. Als ich fragte, weshalb als Monster, sagte sie: «Vielleicht ertönt auch das Sinfonieorchester Berlin, und Sie galoppieren als weisser Prinz auf einem Schimmel in meine Richtung und schreiben einen Artikel über Tom Sawyer, der sich im Casinotheater vor meinen Playmobil-Figuren hinter einem Baum versteckt». Abgefahren, nicht?

Das kann man so sagen, ja. Was glauben Sie: Schildert Ihnen die Prominenz wahre Träume? Oder werden diese zwecks Originalität auch mal erfunden?
Ich glaube, dass die Antworten beziehungsweise die geschilderten Träume in den allermeisten Fällen ehrlich waren – gerade weil sie ihnen, wie ich vorhin erwähnt hab, oft erst mitten im Gespräch eingefallen sind.

In Traumwelten Fremder einzutauchen, ist etwas Intimes. Gab es Momente, die Ihnen trotz berufsbedingter Professionalität unter die Haut gingen?
Ja, beim Gespräch mit Clown Dimitri war das zweifellos der Fall, allerdings auf eher unerwartete Weise. Wir redeten zuerst ganz normal über Träume, doch plötzlich waren wir beim Thema Tod: Dimitri sprach dann von einem Kollegen, der wenige Tage vor dem Interview verstorben war. Er berichtete, wie er am Totenbett dieses Mannes sass und nicht gewusst habe, was er sagen sollte. Und da habe ihm sein sterbender Kollege einfach einen Witz erzählt, danach habe er ihm einen Witz erzählt, und beide hätten sie herzlich lachen müssen, und statt todtraurig sei die ­Situation auf einen Schlag heiter gewesen. Diese Episode stimmte nachdenklich, allerdings auf leichte, schöne Art.

Solch persönliche Augenblicke können ja nicht überall entstehen. Wo führen Sie die Interviews – bei den Promis zu Hause?
Manchmal. Und einige Interviews fanden auch in Restaurants statt, was meist schrecklich war: Als ich beispielsweise mit Schauspieler Leonardo Nigro in einer Beiz in Wollishofen sass, kam ein halbes Dutzend Autogrammjäger an unseren Tisch. Aber nein, die meisten Interviews machte ich im Werdino.

Im Personalrestaurant der Tamedia?
Genau. Der Ort ist ideal, weil sich hier kaum jemand nach Prominenten umdreht, es sind ja fast alles Journalisten, die hier ein- und ausgehen. Die Atmosphäre war stets angenehm und offen, und wir konnten da auch die «Traumfänger»-Fotos mit den geschlossenen Augen machen, ohne dass uns jemand ­gestört hätte.

Haben Sie die Träume der befragten Berühmtheiten eigentlich analysiert oder gedeutet?
Diese Frage wurde mir vor den Interviews immer wieder mal gestellt. Aber ich kann das guten Gewissens verneinen. Ich habe mal in ein paar Traumdeutungsbücher reingeschaut, aber mir war das zu kompliziert. Manchmal frage ich aber bei den Interviewten selbst nach, was sie sich unter dem eben geschilderten Traum vorstellen könnten. Aber weiter gehe ich diesbezüglich nicht, nein.

Die Serie heisst «Traumfänger», benannt nach diesen indianischen Kultobjekten, die man übers Bett hängt. Bleiben Ihre schlechten Träume auch in einem solchen Netz hängen?
(lacht) Nein, bei mir hängt gar nichts über dem Bett. Wahrscheinlich habe ich gestern Nacht gerade deshalb geträumt, ich sei seit 15 Jahren erstmals wieder durch eine Prüfung gefallen.

Erstellt: 14.06.2014, 09:24 Uhr

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