Die Provokation des hohen Alters

Immer mehr Menschen werden immer älter, aber auch immer gebrechlicher.

Hochaltrigkeit beginnt, wenn der Alltag nicht mehr ohne fremde Hilfe bewältigt wird.

Hochaltrigkeit beginnt, wenn der Alltag nicht mehr ohne fremde Hilfe bewältigt wird. Bild: U. Markus/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hochaltrigkeit ist eine Errungenschaft, auf die wir stolz sein können. Sie ist nicht das Problem, das dauernd herbeigeredet wird, aber eine Provokation ist sie schon.

Das vierte Lebensalter oder eben Hochaltrigkeit beginnt, wenn körperliche oder geistige Einschränkungen so gravierend sind, dass der Alltag nicht mehr ohne fremde Hilfe bewältigt werden kann. Dass heute immer mehr Menschen dieses vierte Alter erreichen, stellt den Wahn von der ewigen Jugend, der unerschöpflichen Tüchtigkeit, der Unersetzbarkeit, der «Ich AG» radikal infrage. Sie zeigt, was wir Menschen in unserem Leben von Anfang an eben auch sind: bedürftig und aufeinander angewiesen.

Ein neuer Generationenvertrag

Ohne die Liebe und Fürsorge von Müttern und Vätern, ohne die Geduld und Führung durch Lehrerinnen und Lehrer, ohne Freundinnen und Freunde geht der Mensch zugrunde. Das sind keine Beziehungen, die auf dem Markt zu kaufen sind. Hochaltrigkeit wird zur Lehrmeisterin für die heutige Zeit. Wir müssen dazulernen.

Der Generationenvertrag besteht jetzt über vier Generationen. Auch das ist eine Provokation. Die heutigen Rentnerinnen und Rentner des dritten Lebensalters werden zu Brückenbauern. Sie haben für die Vorgeneration Renten finanziert. Sie bezahlten jahrzehntelang Steuern und haben damit Schulen, Universitäten und Kulturhäuser für die heute aktive Generation finanziert, und sie zahlen weiterhin Steuern, viele nicht wenig. Sie bezahlten und bezahlen jahrzehntelang Krankenkassenbeiträge, solidarisch auch für extreme (Un)-Gesundheits­aktivitäten. Sie finanzieren seit dem Wechsel zur Mehrwertsteuer ihre eigenen Renten mit. Sie hüten Enkelkinder, arbeiten in den Schulen mit und in Nonprofitorganisationen. Und sie kommen heute in die Pflicht, für die vierte Generation Dienstleistungen zu erbringen. Der Generationenvertrag ist Geben und Nehmen, intergenerationell zwischen jungen und alten Menschen, aber zunehmend auch innergenerationell, zwischen alten Menschen des dritten und des vierten Lebensalters.

Nichtlohnarbeit ist für die soziale Sicherheit ebenso wichtig wie Lohnarbeit. Freiwillige Arbeit, Besuchsdienste, Nachbarschaftshilfe werden noch immer mehrheitlich von Frauen erbracht und nicht wirklich ernst genommen. Projekte, in denen Frauen und Männer in der dritten Lebensphase gegenüber Hochaltrigen wesentliche Dienstleistungen erbringen, erhalten mehr Beachtung. Nichtlohnarbeit muss sichtbar gemacht und höher wertgeschätzt werden. Sie muss endlich in der Rentenbildung angerechnet werden, denn sie ist Bestandteil der sozialen Sicherheit und unverzichtbar für die Lebensqualität. Weitere Anerkennungsformen müssen angepackt werden wie: Steuerermässigung, Reduzierung der Prämien der Krankenkassen und verbindliche Zeitgutschriften.

Pflegearbeit ist ein wichtiger Faktor unserer Wirtschaft. Fürsorge und Betreuung ist anspruchsvolle professionelle Arbeit. Sie muss gut bezahlt werden und es muss genügend Personal bereitgestellt werden. Genügend Ausbildungsplätze, auch für Wiedereinsteigerinnen und Quereinsteiger, sind nötig. Carearbeit ist kein Kostenfaktor, der minimiert werden muss. Carearbeit darf wachsen; sie ist eine öffentliche Aufgabe, genauso wie Strassen bauen, Schulen führen und Polizisten einstellen. Es gibt eine verbindliche Qualität, die sichergestellt werden muss. Sie ist kein gängiges Produkt unserer Märkte, sondern von anderer Dimension. Das ist noch nicht überall angekommen.

Leben mit Lust, trotz Gebrechlichkeit

Und die letzte Lebensphase – wie lang sie auch währen wird – ist spirituelle Aufgabe für jeden einzelnen Menschen, für Familien, Gesundheitswesen, Kirchen, Einrichtungen der Altershilfe, die Gesellschaft. Sein Leben zu beenden, aufzuräumen, einen alten Traum noch zu leben, nachzudenken . . . Das ist der Weg, den wir alle gehen werden, wie immer und wer immer wir im sogenannten aktiven Leben gewesen sind. Ich habe noch keinen Menschen am Ende des Lebens sagen hören: «Hätte ich doch mehr gearbeitet, wäre ich doch reicher geworden.» Aber einige, die meinten: «Hätte ich mir doch mehr Zeit genommen für das, was wirklich wichtig ist, für Freunde, Menschen, das Engadin, in dem ich das Licht so liebte, das Meer . . .»

Hochaltrigkeit ist etwas Ungeheuerliches, eine Umkehr der heute gängigen Werte. Die Frage ist gestellt: Wer bin ich, wenn ich bedürftig bin? Auch dann soll meine Autonomie respektiert werden. Jeder Mensch hat seine je eigene Geschichte, seine eigenen Verletzungen und Kränkungen erlebt, ist stolz auf die persönlichen Leistungen. Das ist widerständig im Mainstream der Irrlehren von Normen, von Pauschalen und vom Controllingwahn.Wenn wir das Lernprogramm kennen und es einüben, dann, ja dann kann Hochaltrigkeit gelassen und mit – wenn auch begrenzter – Lust gelebt werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2015, 23:49 Uhr

Monika Stocker
Die ehemalige Zürcher Stadträtin hat mit Kurt Seifert soeben ein Buch zur Hochaltrigkeit herausgegeben: «Alles hat seine
Zeit» (Theologischer Verlag Zürich). Vernissage: 23. September, 18 Uhr, Pro Senectute Bibliothek, Bederstrasse 33, Zürich.

Artikel zum Thema

Teure Angst der Senioren

Recht & Konsum Sparen bei der Krankenversicherung: Warum viele das Aus beim Zusatzschutz fürchten. Mehr...

Zum Fahrtest, bitte!

Wie kann der Staat dafür sorgen, dass Senioren, die nicht mehr Auto fahren sollten, den Ausweis abgeben? Der Bundesrat erneuert nun die Regeln. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Keine ruhige Fahrt: Möwen fliegen über einen Mann, der am frühen Morgen in Neu Dehli mit seinem Boot über den Fluss gleitet. (21. November 2018)
(Bild: Anushree Fadnavis) Mehr...