Die Revolution des Jorge Bergoglio

In gerade einmal 100 Tagen hat Franziskus die Kirche revolutioniert – das beweist auch seine Reise nach Lampedusa, wo täglich Flüchtlinge landen. Noch nie hat sich ein Papst an einen solchen Ort begeben.

Er verzichtet auf jeden Pomp: Papst Franziskus nach einer seiner wöchentlichen Audienzen im Vatikan. (26. Juni 2013)

Er verzichtet auf jeden Pomp: Papst Franziskus nach einer seiner wöchentlichen Audienzen im Vatikan. (26. Juni 2013) Bild: AFP

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Nach Lampedusa, um die Toten zu beweinen. Die erste Reise von Papst Franziskus führt aus Rom hinaus an den Aussenposten der Festung Europa. Eine Geste der Solidarität, ja der Demut. Zehntausende von Bootsflüchtlingen hat die kleine Mittelmeerinsel zwischen Sizilien und Tunesien in den vergangenen Jahren aufgenommen, Tausende starben auf dem Weg dorthin. Tote, die inzwischen höchstens noch eine Randnotiz in den Medien sind, die von der Politik ignoriert werden und von der Amtskirche vergessen. Zwar kümmert sich die katholische Kirche in Italien um die Flüchtlinge – auch auf Lampedusa, wo in diesem Jahr schon über 6000 gelandet sind. Doch noch nie hat sich ein Papst zu diesen Eindringlingen in die europäische Wohlstandsfestung begeben.

Wie sehr Franziskus sich von seinen Vorgängern unterscheidet, zeigt die Tatsache, dass er die Reise nach Lampedusa ganz allein geplant hatte. Mehr noch: Er wollte auf das Dienstflugzeug der italienischen Fluglinie Alitalia verzichten und für sich und drei Begleiter einen Linienflug buchen. Letzteres wurde ihm in letzter Minute ausgeredet – aber man kann sich vorstellen, wie gross das Entsetzen im Vatikan und in Italien gewesen sein muss. Ein Papst im Flugzeug, wie ein ganz normaler Passagier! Womöglich wäre er auch noch zur Sicherheitskontrolle angetreten und hätte seine Mineralwasserflasche abgegeben. Nicht ohne, wie immer, viele Hände zu schütteln und allen zu sagen: Betet für mich.

Gegen schicke Autos für Priester

Genau das ist die Revolution des Jorge Bergoglio: Normalität. Eine sanfte Revolution, die stets gelassen lächelt. Sie ist in vollem Gange, seit der frisch gewählte Papst vor gut 100 Tagen, am 13. März seine Gemeinde auf dem Petersplatz und in der übrigen Welt mit einem schlichten «Guten Abend» begrüsste. Als er am Sonntag darauf die erste Messe in einer kleinen Kirche im Vatikan las und wie ein Dorfpfarrer jeden Kirchgänger an der Pforte mit Handschlag verabschiedete, da ahnten die Kurienleute schon, was die Stunde geschlagen hatte. Hier war ein Mann Papst geworden, der sich mit aller Macht dagegen stemmte, zum Kirchenfürsten zu mutieren.

Franziskus, der als Kardinal in Buenos Aires allein mit der Metro fuhr, lehnt auch in Rom allen äusseren Pomp als überflüssig ab: «Es tut mir weh, einen Priester in einem schicken Auto zu sehen.» Also verzichtet er auf den goldenen Fischerring, und auf die roten Papstschuhe, die sein Vorgänger Benedikt XVI. so gern getragen hatte – der stilbewusste Deutsche kramte zur Entrüstung der Tierschützer sogar die lang nicht benutzte Hermelinkappe und die pelzbesetzte Mozetta hervor. Franziskus weigert sich sogar, das päpstliche Apartment im Apostolischen Palast zu beziehen. Bis heute wohnt der Papst in jenem Gästehaus, das er als Konklave-Kardinal bezogen hat. Drei schlichte Zimmer hat er dort, dafür aber wechselnde Gesellschaft bei den Mahlzeiten. Die päpstliche Dienstwohnung sei ihm zu gross, war sein Argument.

In Wirklichkeit ist es ihm wohl zu abgeschottet. Nur Höflinge haben dort Zutritt. Auf Höflinge aber will Franziskus gern verzichten. Wen er wann empfängt, vom Mitarbeiter bis zum Staatschef, das entscheidet er selbst. Die in Rom übliche Machtentfaltung interessiert ihn nicht. All das in Jahrhunderten einstudierte Gewese um ein Kirchenoberhaupt, das ja sehr lange Zeit auch weltliche Macht ausübte, ist dem ersten Südamerikaner auf dem Stuhl Petri fremd. Und wenn der Pole Karol Wojtyla und der Deutsche Joseph Ratzinger die Befugnisse der grossen italienischen Kurienfraktion zwar leicht einschränkten, sich aber hüteten, die gewieften Italiener ganz zu verprellen, so ist der Bruch bei Jorge Bergoglio schon jetzt total.

Erbhöfe kennt er nicht

Der Mann aus Buenos Aires kennt keine Erbhöfe. Und pflegen tut er sie schon gar nicht. Das bekommt vor allem jener Kardinal zu spüren, der unter Benedikt XVI. der eigentlich starke Mann im Vatikan war. Tarcisio Bertone amtiert zwar weiter als Kardinalstaatssekretär. Aber im Herbst wird seine Zeit endgültig ablaufen. Und dann wird Schluss sein mit der dauernden Einmischung des Vatikans in die Familien- und Sozialpolitik des Nachbarlandes Italien. Zwar denkt Franziskus in Sachen Homosexuellenehe und Abtreibung mindestens so konservativ wie der italienische Hardliner Bertone und wie seine Vorgänger. Aber Italien ist für ihn nur ein Land unter vielen. Kein Erbhof auf der anderen Tiberseite, in dem es gilt, katholischen Wählern die richtige Partei zu weisen.

Bertone und die anderen Italiener sollen deshalb nicht länger Politik machen, sondern die Kirche erneuern. Wie das gehen soll, hat Franziskus am Samstag bei seiner letzten römischen Messe vor der Sommerpause erklärt: «Auch in der Kirche gibt es überalterte Strukturen. Die müssen wir erneuern. Wir sollten neuer Wein in alten Schläuchen sein!» Nicht wenigen Kurienmännern dürfte es da essigsauer aufgestossen sein. Vor allem zwei Gruppen müssen jetzt zittern: Die «Homosexuellen-Lobby», von der Franziskus kürzlich gesprochen hat. Und die Strippenzieher in der Vatikanbank IOR, deren Generaldirektoren vor wenigen Tagen auf Druck der italienischen Justiz und mit Bergoglios Einverständnis gehen mussten.

Massengrab für die Armen

Doch «neuer Wein in alten Schläuchen», das meint mehr als nur eine päpstliche Kontrollkommission für das IOR, es umfasst auch die dringend nötige Reform einer Kurie, die allzu selbstreferenziell arbeitet, viel zu schwerfällig geworden ist, mit einer Unzahl von Ämtern und Befugten und viel zu wenig Verantwortlichen.

Wer weiss, ob Franziskus daran denken wird, wenn er am Montag in aller Herrgottsfrühe nach Lampedusa aufbricht. Es wird ein Blitzbesuch sein, der Papst wird sich von 9.15 Uhr bis 12.45 Uhr auf der Insel aufhalten. Dreieinhalb Stunden für eine Messe und einen Blumengruss für die toten Flüchtlinge. Franziskus wird einen Kranz für sie ins Mittelmeer werfen, dieses sommertürkis schimmernde Massengrab für die Armen vom anderen, nicht privilegierten Ufer.Grosse Gesten brauchen nicht viel Zeit. Nur einen starken Geist.

Erstellt: 07.07.2013, 21:28 Uhr

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