Analyse

Die Sehnsucht nach Anpassung

Es wird ungemütlich in der Komfortzone: Je stärker sich die Mittelschicht vom Absturz bedroht fühlt, desto mehr sucht sie Hilfe bei konservativen Werten.

Drastische Analyse: Der ehemalige Investmentbanker Rainer Voss in «Master of the Universe», dem Dokumentarfilm von Marc Bauder.

Drastische Analyse: Der ehemalige Investmentbanker Rainer Voss in «Master of the Universe», dem Dokumentarfilm von Marc Bauder. Bild: PD

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«Not hilft Menschen lindern.»
Dieter Hildebrandt

Rainer Voss nimmt den Lift nach oben und erzählt vom Weg nach unten. Er arbeitete als Investmentbanker, das Monatsgehalt lag über 100'000 Euro. Seine Analyse, die er dem Regisseur und Ökonomen Marc Bauder in die Kamera formuliert, bleibt frei von Schuld oder Schonung; und sie klingt drastisch.

Der Finanzmarkt sei ausser Kontrolle, sagt Voss in «Master of the Universe», einem neuen Dokumentarfilm. Das System sei nicht mehr zu bremsen, erkennt der ehemalige Vertreter des Systems. Banken könnten heute Länder angreifen, nach Griechenland, Spanien und Portugal gerate Frankreich in Gefahr, der Euro sei akut bedroht, trotzdem gehe es immer weiter: «Vor 20 Jahren war die Haltedauer einer Aktie im Durchschnitt 4 Jahre, heute sind wir bei 22 Sekunden.»

Rainer Voss gehörte zu den Vollstreckern der Deregulierung, die in den 90er-Jahren Europa erfasste und in den Nullerjahren die Finanzkrise globalisierte. Er beschreibt die Umlagerung nach oben, mit der sich eine neue Feudalgesellschaft finanziert. Ihre Fürsten arbeiten zu Höchstlöhnen, gleiten hinter getönten Scheiben durch die Welt, schotten sich ab in ihrer Welt.

Der Lift nach unten

Früher nahm der Lift nach oben nicht nur die Reichen mit, sondern auch den Mittelstand. Soziologe Ulrich Beck sprach Ende der 80er-Jahre von einem Fahrstuhleffekt. Die Abstände zwischen den Klassen blieben, aber immerhin fuhren alle ein paar Stockwerke hoch. Heute fahren nur noch wenige hinauf, die meisten bleiben stehen oder sinken zurück.

In Europa und Amerika ist die Mittelschicht bedroht: Es wird kalt in der einstigen Komfortzone. In Amerika verfallen ganze Quartiere, Hausbesitzer übernachten im Auto und waschen ihre Kinder an der Tankstelle. Auch in Europa gehen die Aufstiegsmöglichkeiten zurück, die Absturzgefahr steigt. In Europa leiden auch Familien mit anständigem Lohn unter wachsenden Mieten, hohen Steuern und Abgaben. Ihre Kinder werden es schlechter haben als sie. An der Gesellschaft und am wirtschaftlichen Aufstieg teilhaben, sich sicher zu fühlen: Das sind keine Selbstverständlichkeiten mehr.

Zurück zur Familie

Die deutsche Kultursoziologin Cornelia Koppetsch (46) lehrt als Professorin in Darmstadt und Berlin. Sie geht der Frage nach, was diese Bedrohung der Mitte bei denen auslöst, die sich so lange sicher wähnten. Koppetsch ortet hinter den Abstiegsängsten der deutschen Mittelschicht eine wachsende Sehnsucht nach Geborgenheit. «Viele fürchten sich heute nicht mehr in erster Linie vor Beschränktheit und Provinzialität», schreibt sie, «sondern vor Statusverlust. Sie suchen Bindungen statt Optionen.» Aus diesem Rückzugsverhalten ergibt sich ein Mentalitätstypus, den die Soziologin als «Wiederkehr der Konformität» bezeichnet, so hat sie auch ihren neuen Essay übertitelt.

Früher zähmte die Mitte den Exzess der Reichsten und linderte die Not der Ärmeren. Jetzt wird sie in ihre Extreme zerrissen. Die Facharbeiter der unteren Mittelschicht grenzen sich von den Ausländern ab, die noch viel weniger verdienen. Am oberen Ende versuchen Akademiker den Anschluss zu behalten, indem sie maximal flexibel bleiben, also biegsam. Der Bürger der Mitte steht zwischen einem transnationalen Kapital und den Niedriglohnarbeitern. Mit der Deregulierung verstärkt sich die Willkür, Erfolg, Karriere und Aufstieg werden unberechenbarer.

Darauf reagierten viele mit Rückzug, Abschottung und Anpassung hin zur Konvention, schreibt Cornelia Koppetsch, allen voran die Jugend. «Die junge Generation glaubt nicht mehr an den kollektiven Aufstieg und hofft ebenso wenig auf eine radikale Veränderung, der Verhältnisse.» Sie sieht sich durch Studien bestätigt, welche die konservativen Tendenzen der neuen Generation feststellen, ihre Angepasstheit, ihre Abkehr vom politischen Denken. Die Jungen leben viel länger bei ihren Eltern und tendieren, einmal erwachsen geworden, zur traditionellen Rollenverteilung. Mit dem arbeitenden Mann und der Frau als Mutter. Mit der Familie als Ruhepol und Selbstversicherung. Je grösser die soziale Verwundbarkeit, desto stärker der Wunsch nach Verbindlichkeiten, auch in der Partnerschaft. Bei älteren Paaren, vor allem in Grossstädten, nimmt Koppetsch eine Tendenz zur seriellen Monogamie wahr; «man glaubt nach wie vor an die Institution Familie».

Zwar bleibt die Scheidungsrate in Deutschland hoch und die Kinderzahl niedrig, zudem leben etwa acht Millionen Menschen als Single. Aber sie haben die Coolness der 80er-Jahre verloren; eine Generation von Alleinlebenden altert ihrer Pensionierung entgegen, es droht die Vereinsamung. Viele Singles lebten ein herausgeschobenes Erwachsenwerden, sagt Koppetsch: «Sie halten sich alles offen an Optionen, doch die Möglichkeitsträume schrumpfen.» Die jüngere Generation fände ein solches Leitbild wenig attraktiv.

Die Boheme verbürgerlicht

Den auffälligsten Ruck ins Konforme diagnostiziert die Soziologin bei denen, die sich am weitesten davon wegglaubten: die links-grüne Boheme der deutschen Grossstädte, vor allem Berlin. Quartiere wie Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Kreuzberg und sogar Teile von Neukölln werden umgehübscht und zurechtgemacht. Die steigenden Mietpreise vertreiben all jene Bewohner und Ladenbesitzer, die nicht mithalten können. Zurück bleibt eine Linke, die ihre Kulturkämpfe nicht mehr um Freiräume austrägt, sondern um die richtigen Lebensentwürfe innerhalb der eigenen Reihen. «Linke Aufsteiger mit Geld und gutem Gewissen stehen linken Aussteigern gegenüber, die aus ihren urbanen Lebensräumen verdrängt werden», sagt Koppetsch. Rhetorisch verbreiten die neuen Aufsteiger zwar noch Toleranz und Multikulturalität, nur werde Erstere nie herausgefordert und beziehe sich Letztere auf die Menükarte.

Die Wiederkehr der Konformität als Angstreaktion auf die Destabilisierung: Das klingt einleuchtend, verschiedene Umfragen und Studien bestätigen es als Tendenz. Und hat Cornelia Koppetsch nicht recht mit ihrem Hinweis, die wiedergewählte Angela Merkel symbolisiere die Sehnsucht nach einem Deutschland der Wirtschaftswunderzeit?

Das Problem solcher Zeitdiagnosen ergibt sich aus ihrer Attraktivität. Sie deuten die Tendenzen gesellschaftlicher Veränderungen zurecht, nur geht das nicht ohne Verallgemeinerung. «Streifzüge durch die gefährdete Mitte» hat die Soziologin ihren Essay untertitelt, sie trägt neben Studien auch Fallbeispiele zusammen. Ihre These ist also noch keine durchgeforschte Empirie.

Die Angst der Jungen

Und doch: Auch Steffen Mau, Soziologe an der Universität Bremen, registriert in der Mitte mehr Anpassung als Abweichung. Bei Ärzten, Lehrern und hohen Beamten ortet er eine grosse Verunsicherung, «weil sie permanent auf ihre Leistung abgeprüft werden». Bei den Studierenden nimmt er gar «eine ungeheurere Verunsicherung» wahr. Selbst Jurastudenten mit Prädikatsexamen hätten Angst, weil sie nicht wüssten, was der Abschluss einmal wert sei.

Die deutsche Mitte zerfällt in ihre Extreme und verzagt; wie steht es um die schweizerische? Auch bei uns habe sich der angelsächsisch bestimmte, stark deregulierte Kapitalismus durchgesetzt, sagt der Basler Soziologe Ueli Mäder. Auch er nimmt eine Sehnsucht nach Verbindlichkeiten wahr und die Gefahr, «dass sich Leute auf dem Abstieg im Autoritären wiederfinden». Nur glaubt er nicht, dass diese Verbindlichkeiten einzig aus Not oder Angst gesucht werden, sondern teilweise eine neue Identität formulieren. Diese sei auch nötig in einer pluralistischen Gesellschaft mit ihren Ambivalenzen.

Der Schweizer Soziologe Denis Hänzi arbeitet in Darmstadt, kann also gut vergleichen. Er beobachtet in beiden Ländern eine starke Verunsicherung der Mittelschicht, allerdings mit unterschiedlichen Bedrohungslagern. In Deutschland komme die Gefährdung aus dem Land selber, der Wettbewerb sei härter, die Arbeit kompetitiver, die Erfolgskultur aggressiver. In der Schweiz dagegen «wirkt die Gefährdung immer von aussen her». Die Angriffe auf Banken und das Bankgeheimnis, die forschen Chefs aus Deutschland in der Schweiz, überhaupt die Ausländer und Einwanderer, die mit Abstimmungen abgewehrt werden sollen. Im Gegenzug installiere die Schweiz spätkapitalistisch eine neue Geistige Landesverteidigung: ein für vorbildlich gehaltenes, konsensual orientiertes Eidgenossentum mit dem Schwingfest als popkulturellem Grossereignis.

Die verängstigten Mittäter

Im Hochhaus in der Frankfurter City, Mittelpunkt der deutschen Finanzwelt, steht Rainer Voss, der zum Privatier umgestiegene Investmentbanker. Er erzählt von seiner früheren Arbeit. Von einer Welt fast ohne Aussenkontakte, von tagelangem Arbeiten am Bildschirm und am Telefon, von nächtelangem Weiterschaffen für den Chef. Wie die Familie wegbricht, wie die Wochenenden und selbst die Ferien genormt sind. Wie die Aussenwelt vor dem Hochhausfenster verschwimmt.

Dass es so weit kommen konnte mit dieser Geldelite und den Milliarden, die sie jeden Tag herumschieben innert Sekunden: Daran hat sich ausgerechnet die Mittelschicht beteiligt, welche nun unter den Folgen der Globalisierung leidet. Darin sind sich alle befragten Soziologen einig. Die Mitte hoffte auf Eigenprofite, lehnte sich gegen den Steuerstaat auf und realisierte nicht, dass nur wenige von der Deregulierung sehr viel profitieren würden.

Der Lift ist abgefahren.

Erstellt: 13.01.2014, 19:26 Uhr

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Cornelia Koppetsch: Die Wiederkehr der Konformität. Streifzüge durch die gefährdete Mitte. Campus, Frankfurt 2013.

Steffen Mau: Lebenschancen. Wohin driftet die Mittelschicht? Suhrkamp, Frankfurt 2012.

Marc Bauder: «Master of the Universe». Dokfilm von 2013, ab Mai auf DVD.

«Master of the Universe» – Trailer

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