Die Sorglosigkeit der Eltern

Immer weniger Kinder können schwimmen. Dennoch nehmen es Eltern mit der Aufsicht stets lockerer. Jetzt warnt der Bund.

Kinder in der Badi: Was viel Spass macht, kann gerade für jüngere Besucher auch gefährlich werden.

Kinder in der Badi: Was viel Spass macht, kann gerade für jüngere Besucher auch gefährlich werden.

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Baden kühlt ab und erfrischt. Aber längst nicht alle. Landauf, landab klagen nämlich Bademeisterinnen und Bademeister, die Situation in den Freibädern werde immer brenzliger – weil immer mehr schwimmunkundige Kinder ungenügend betreut und deshalb gefährdet seien. Als ob die Gefahr des Ertrinkens nicht real wäre (siehe Kasten), interpretierten immer mehr Eltern die Aufsichtspflicht über ihre kleinen Nichtschwimmer ziemlich locker.

Die Badi als «Kindertagesstätte»

In Köniz zum Beispiel wirft das Badethema bis ins Gemeindeparlament Wellen: Dort wurde moniert, die Bademeisterinnen und Bademeister fühlten sich immer häufiger «als Babysitter missbraucht», weil sich zahllose Erstklässler ohne Begleitung in der Badi tummelten. Das Schwimmbadreglement der Gemeinde sagt, dass Kinder im Vorschulalter die Anlage nicht ohne Begleitperson besuchen dürften. Der eher verwunderliche Umkehrschluss vieler Eltern ist offenbar, dass für Kinder ab sieben Jahren keine Aufsicht mehr nötig sei. «Ja, wir fühlen uns manchmal wie in einer Kindertagesstätte», sagt auf Anfrage Pascal Blatter, der Leiter der Badeanlage. Immer wieder tummelten sich schwimmunkundige Kinder ohne Begleitung im Wasser. Das Gefahrenbewusstsein bei den Eltern schwinde – und dies, obwohl die Schwimmkenntnisse der Kinder abnähmen: «Weisen wir Eltern darauf hin, dass ihre Kinder unbeaufsichtigt sind, reagieren viele sehr gereizt.» Dazu komme, dass auch viele Schulklassen nicht fürs Schulschwimmen in die Badi kämen, sondern offensichtlich für einen ausgelassenen Nachmittag im Freien. Da könne es auch passieren, «dass man den Lehrer im Beizli oder dösend im Schatten eines Baumes» finde, wenn man ihn suche. Blatters Fazit: Insgesamt haben die wachsende Gleichgültigkeit und schwindende Selbstverantwortung zu einer Situation geführt, die für die Bademeister mehr als nur unbefriedigend sei. An sonnigen Spitzentagen bevölkern bis zu 7000 Gäste die Badi: Da könnten die drei Könizer Bademeister nie alle und alles im Auge haben.

Beratungsstelle reagiert

Die Könizer Bademeister bringen zum Ausdruck, was die Fachleute der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) auch ernsthaft beschäftigt: Angesichts der sich verschärfenden Situation will die BfU in den Jahren 2011 bis 2013 eine gesamtschweizerische Wasser-Sicherheitskampagne durchführen, die explizit auf die null- bis neunjährigen Kinder und deren Eltern ausgerichtet ist. Laut Kampagnenleiterin Claudia Bucher wolle man dabei «auch ganz klar kommunizieren, dass der Bademeister kein Babysitter ist». Derzeit wird landesweit der Istzustand dokumentiert: Die BfU hat ihre Sicherheitsdelegierten gebeten, die Lage an den Kleinkinderbecken und Nichtschwimmerbecken zu prüfen und zu erheben, wie viele Kleinkinder sich überhaupt in Reichweite einer Aufsichtsperson befinden.

Die Altersgrenze steigt

Bei der Sensibilisierungskampagne der BfU wird es nicht bleiben. Weil nach Einschätzung der Experten zu viele Eltern mit der Aufsicht zu locker umgehen und auch schwimmunkundige Siebenjährige sorglos in die Badi schicken, werden in der Tendenz die reglementarischen Hürden erhöht. In Zürich und anderen Städten dürfen Kinder erst im Alter von zehn Jahren ohne Begleitung in die Badi. An dieser Altersgrenze wollen sich auch in Köniz die Zuständigen ab dem nächsten Jahr orientieren. Beschlossen ist die anstehende Anpassung der Verordnung über die Benützung der Badeanlage Weiermatt zwar noch nicht. Pascal Blatter und sein Team haben aber klare Vorstellungen: Auch hier müsse die Altersgrenze für den unbegleiteten Badibesuch auf zehn Jahre angehoben werden. Wenn gleichzeitig auch die Altersgrenze für den freien Eintritt auf zehn Jahre steige, ergebe dies eine mehrheitsfähige Lösung, ist Blatter überzeugt.

Erstellt: 07.07.2010, 10:14 Uhr

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