Die Sterbehelferinnen jenseits der Schlagzeilen

Ex International begleitet jährlich etwa 25 Menschen aus dem Ausland in den Suizid. An der Spitze der wenig bekannten Organisation steht neu eine ehemalige Fernsehfrau.

Margrit Weibel (links) übergibt ihre «Lebensaufgabe» an Géraldine Schmidt: Teamleitung Ex International.

Margrit Weibel (links) übergibt ihre «Lebensaufgabe» an Géraldine Schmidt: Teamleitung Ex International. Bild: Tom Kawara

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In ihrem Büro in Pfaffhausen nimmt Géraldine Schmidt Telefonate entgegen, sortiert E-Mails und empfängt Besucher. Und doch ist das kein Bürojob wie andere auch. Schmidt wird mit viel Elend und Verzweiflung konfrontiert von Ausländern, die aus dem Leben scheiden wollen. «Angesichts des himmelschreienden Elends der Leute, die zum Sterben hierher kommen, ist es blanker Zynismus, von Sterbetourismus zu sprechen», sagt Schmidt. «Als würden die Todkranken das zum Vergnügen machen. Als wären wir die Reiseleiterinnen.»

Erfahrene Journalistinnen

Im Durchschnitt erhält Schmidt täglich vier Anfragen. Jährlich begleitet die Organisation «nur» rund 25 Leute aus dem Ausland in den Freitod. Die Sterbewilligen kämen vor allem aus Deutschland und Frankreich, auch aus England. Ex International war die erste Organisation, die Ausländern ermöglicht hat, in der Schweiz begleitet zu sterben. Anders als Dignitas aber ist sie kaum bekannt.

Géraldine Schmidt (65) ist neu Teamleiterin von Ex International. Sie löst die 82-jährige Margrit Weibel ab, die 13 Jahre lang an der Spitze der Organisation stand. Schmidt wie Weibel hatten sich in den Medien einen Namen gemacht. Schmidt war langjährige verantwortliche Redaktorin beim damaligen «Zischtigs-Club» und beim «Literaturclub» des Schweizer Fernsehen. Die promovierte Juristin Weibel arbeitete bei der «Tat», dann betreute sie 25 Jahre lang zusammen mit ihrem Mann das Ressort Lebensberatung bei der «Schweizer Illustrierten».

«Leiden lassen ist unethisch»

Beide Frauen hat die intensive Begegnung mit Tod und Sterben zu Ex International geführt. Schmidt hat ihren Mann während einer «fürchterlichen Krebserkrankung» begleitet und gepflegt. Obwohl sie seit 18 Jahren Exit-Mitglied ist, hat sie mit ihm nie über die Möglichkeit eines begleiteten Suizids gesprochen. «Heute bin ich dankbar für jeden Menschen, der nicht so qualvoll sterben muss. Ich finde, leiden lassen ist unethisch.»

Bei Weibel haben sich Krebserkrankungen ihr nahestehender Menschen «wie ein roter Faden» durchs Leben gezogen. Auch ihr Mann ist gestorben, er litt an Parkinson. Die Tochter erlag einem Herzinfarkt. Weibel ist Exit-Mitglied der ersten Stunde.

Keine Schlagzeilen

So lernte sie den Sterbehilfe-Pionier Pfarrer Rolf Sigg kennen. Er spaltete 1997 Ex International von Exit ab, um eine Sterbehilfeorganisation für Ausländer zu gründen. Zunächst versuchte er, den eidgenössischen Standard der Suizidhilfe in anderen Ländern zu verankern. So wollte er das tödliche Natrium-Pentobarbital (NaP) über die Grenze nach Deutschland schmuggeln, wurde aber festgenommen.

Seine Nachfolgerin Margrit Weibel fordert immer wieder in Vorträgen, dass auch Deutschland zu einer Praxis der Suizidhilfe finden müsse. Solange das nicht so sei, brauche es Ex International. «13 Jahre lang war das meine Lebensaufgabe», sagt Weibel. In all diesen Jahren ist sie kaum je in die Schlagzeilen gekommen.

Der Freitod kostet 6230 Franken

Weibel – oder heute Schmidt – besucht den Suizidwilligen am Wohnort im Ausland und übermittelt einem der Schweizer Konsiliarärzte von Ex International die Krankheitsberichte. Wird die infauste Prognose bestätigt, prüft der Vertrauensarzt die Urteilsfähigkeit des aus dem Ausland angereisten Suizidenten und stellt das Natrium-Pentobarbital-Rezept aus. Wenn immer möglich, verbringt der Sterbewillige zwei Nächte in einem Berner Hotel, ehe es zum Sterben in eine Wohnung in der Nähe von Bern geht. Entweder trinkt er das Natrium-Pentobarbital oder er erhält eine Magensonde, die er selber betätigen muss. Schmidt: «Schnelle Lösungen gibt es nicht. Das Prozedere ist immer aufwendig und zu langsam für den, der gehen will.»

Bei Ex international kostet eine Freitodbegleitung 6230 Franken, womit die Kosten für Wohnung, Arzt und Kremation abgedeckt sind – Reise und Hotel exklusive. Die Organisation arbeitet auf Spendenbasis und kennt keine Mitgliederbeiträge. Weibel arbeitete stets kostenlos, Schmidt halb ehrenamtlich; sie verdient etwas, «aber nicht viel». Als Teamleiterin vertraut sie auf vier Mitarbeiter, darunter auf zwei Männer in Deutschland, die dort die nötigen Abklärungen vornehmen.

«Todesengel» war einmal

Ex International ist für Suizidwillige aus dem Ausland eine Alternative zu Dignitas. Beide Frauen sind aber weit davon entfernt, sich von Dignitas-Gründer Ludwig Minelli abzugrenzen. «Er hat viel zur Enttabuisierung der Suizidhilfe beigetragen», sagt Weibel. Als sie vor 13 Jahren als Sterbebegleiterin angefangen habe, sei diese Tätigkeit etwas anrüchig gewesen. Heute werde sie kaum mehr mit dem Etikett «Todesengel» versehen. «Das ist vorbei», sagt Schmidt. Schliesslich seien 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung für den begleiteten Suizid.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2012, 07:13 Uhr

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Neuer Verein in der Region Basel

Im Raum Basel besteht ein neuer Verein, dem eine Sterbehilfeorganisation angegliedert ist – initiiert von der Ärztin Erika Preisig, die bisher als Konsiliarärztin für Dignitas tätig war. Der Verein Lifecircle bietet laut Preisig ausser Patientenverfügungen und Suizidprophylaxe auch Beratung betreffend Selbstbestimmung am Lebensende an. Er informiert über Alternativen zum Freitod, etwa über Hospize und Palliativmedizin. Die Ärztin praktiziert auch die Palliativ-Sedation: Kann man Schmerzen nicht mehr mit Morphium therapieren, wird der Patient in ein künstliches Koma versetzt. Diese besondere und akzeptierte Form der Sterbehilfe übt Preisig zusammen mit der Onko-Spitex für ihre Patienten aus. Ist es unmöglich, die Schmerzen erträglich zu machen, kann das Mitglied bei der Stiftung Eternal Spirit Antrag auf eine Freitodbegleitung stellen.

Preisig und ihre Sterbebegleiter helfen Schweizern und auch Ausländern in einem Sterbezimmer im Raum Basel in den Suizid. Die Unheilbarkeit der Krankheit, der Sterbewille und die Urteilsfähigkeit der Betroffenen müssen von zwei verschiedenen Ärzten beurteilt werden. Eine Begleitung kostet für Schweizer 3000 Franken, für Ausländer 10'000 Franken. Erika Preisig will noch in diesem Sommer mit den Begleitungen anfangen. Als Ärztin wird sie dabei besonders kritisch beobachtet. (mm.)

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