«Die Täter sind in der Regel pädosexuelle Männer»

Martin Boess von der Schweizerischen Kriminalprävention über Cyber-Grooming und den Fall Paul.

Ein Mädchen spielt mit einem iPad. (Archivbild)

Ein Mädchen spielt mit einem iPad. (Archivbild) Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Paul traf sich über ein Onlinegame mit dem Täter. Sind solche Fälle vermeidbar?
Ja, wenn man die gängigen Präventionsbotschaften anwendet: Jüngere Kinder dürfen in Chats keine Namensangaben oder Ortsangaben machen. Die Eltern sollten ausserdem ein grosses Interesse daran zeigen, was die Kinder im Internet tun, und mit ihnen über Gefahrenpunkte sprechen. Genauso wichtig ist, dass ein Vertrauensverhältnis zwischen Kind und Eltern besteht. Ich nehme an, dass dies Paul zum Verhängnis wurde. Er hat sich mit seinen Problemen statt an die Eltern einer fremden Person zugewandt.

Sind Offlinetreffen mit anderen Spielern stets abzulehnen – oder gibt es solche, die akzeptabel sind?
Wenn man sich etwa an einer Game-Convention trifft, ist das in Ordnung und auch ungefährlich, das Treffen findet ja in der Öffentlichkeit statt. Auch hier spielt das Vertrauensverhältnis eine wichtige Rolle. Die Eltern sollten von den Kindern über solche Treffen informiert werden. Bei Kindern unter 14 Jahren sollten die Eltern an solchen Treffen persönlich dabei sein.

Paul hat «Minecraft gespielt». Ist das Spiel besonders gefährlich?
Nein, das ist ein altersgerechtes Spiel, das auch für Kinder ab fünf Jahren geeignet ist. In einigen Ländern wird es sogar als Schulfach angeboten, weil es das räumliche Vorstellungsvermögen fördert. Spielt ein Kind «Minecraft», sollten die Eltern aber wissen, dass es dort eine Chatfunktion gibt. Doch viele Eltern denken, Kontakte fänden nur über klassische Chatrooms oder Messenger-Dienste statt.

Sollte man den Kindern beim Gamen stets über die Schultern gucken?
Das ist unrealistisch. Durch die Smartphones haben die Eltern diese Möglichkeit längst verloren.

Man könnte auch jegliche Onlineaktivitäten verbieten.
Das wäre eine Überreaktion. Das Internet gehört zur Sozialisierung von Jugendlichen. Es ist wichtig, dass sie Bescheid wissen, wie es funktioniert – auch um Gefahren richtig einschätzen zu können. Es ist wie im Strassenverkehr. Man erklärt den Kindern, wie sie sich verhalten sollen, und zeigt Gefahren auf. Aber ein Restrisiko bleibt. Es ist allerdings minim. Fälle wie jetzt mit Paul sind extrem selten. Ausserdem verbessert sich die Situation. Wir haben die erste Generation von Eltern, die Digital Natives sind. Sie können sehr genau abschätzen, was ihre Kinder im Internet tun.

Ist neben den Eltern auch die Schule gefordert?
Viele Lehrer behandeln das Thema im Unterricht. Bis jetzt hatte Medienerziehung allerdings noch keinen festen Platz im Lehrplan der Schulen. Im neuen Lehrplan 21, der von den Kantonen in den nächsten Monaten und Jahren umgesetzt wird, ist sie vorgesehen.

Ab welchem Alter sollte die Prävention beginnen?
Es hängt vom jeweiligen Mediennutzungsverhalten ab. Es gibt Kinder, die bereits mit acht oder neun Jahren ein Smartphone haben. Da raten wir definitiv zu präventiven Massnahmen, das heisst zu einer regelmässigen Diskussion über das Verhalten der Kinder im Internet. Das Stichwort heisst Medienkompetenz.

Abgesehen vom Mediennutzungsverhalten: Welche Kinder sind besonders gefährdet?
Solche mit einem spezifischen Defizit. Etwa Kinder, die wenig Freunde haben oder ein schlechtes Verhältnis zu den Eltern aufweisen. Mangelnde Integration in der Schule oder übermässiger, nicht altersangepasster Medienkonsum sind weitere Alarmsignale.

Wie nutzen die Täter diese Mängel aus?
Sie investieren viel Zeit, um eine Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen zu etablieren. Sie bringen Verständnis auf, sie geben Ratschläge – was Teenager von Erwachsenen oft nicht gewohnt sind. Bezeichnenderweise freute sich Paul offenbar auf das Treffen mit seinem Peiniger.

Sie geben sich nicht als Gleichaltrige aus, um die Kinder anzulocken?
Nein, die meisten versuchen ihr Alter gar nicht erst zu verheimlichen. Die Täter sind in der Regel pädosexuelle Männer. Es geht ihnen nicht um einen Online-Flirt. Das Ziel ist reales Treffen, bei welchem Sex im Zentrum steht. Diesen so genannten Kernpädophilen geht es darum, möglichst viel Zeit mit dem Kind zu verbringen. Sie sehen sich auf derselben Stufe wie die Kinder und streben nicht unbedingte Machtausübung an. Andere Tätergruppen schrecken aber auch vor gewalttätigem Missbrauch nicht zurück.

Wie gehen die Täter bei der Kontaktaufnahme konkret vor?
Sie probieren aus, wie stark sich Kinder gegen einen Kontakt wehren. Dazu gewinnen sie zuerst das Vertrauen des Kinds, schicken ihm dann leicht sexualisierte Bilder und gucken, wie die Reaktion ist. Oder sie fordern sie auf, solche Bilder mit einer Webcam von sich anzufertigen. Cyber-Grooming nennen wir diesen Vorgang. Gemäss einer europäischen Studie erhielt jeder zehnte Jugendliche solche sexuellen Avancen. Und laut einer Studie der Uni Zürich haben sich sieben Prozent der Kinder schon einmal mit einem Fremden aus dem Internet getroffen.

Gerade im Fall vom äusserst populären «Minecraft»: Ist es nicht denkbar, dass die Täter sich als Game-Cracks ausgeben?
Die Täter müssen auf alle Fälle über das Game Bescheid wissen, um mit den Kindern übers Fachsimpeln ins Gespräch zu kommen. Es ist jedoch klare Absicht, bei den Kindern auszutesten, ob sich eine sexuelle Annäherung lohnen könnte oder nicht. Dabei spielt der Game-Inhalt meist eine untergeordnete Rolle.

Wie viele Männer werden in der Schweiz nach einem solchen Treffen überführt?
Die genaue Zahl ist aus der polizeilichen Kriminalstatistik nicht ersichtlich. Wir haben wenig Kenntnis davon, wie viele Täter bei einem effektiven Treffen von der Polizei überführt werden konnten. Uns sind nur einige Treffen bekannt, bei denen sich beunruhigte Eltern bei uns gemeldet hatten und wir dann die Polizei zu einem geplanten Treffen schicken konnten.

Ist die reine Anbahnung eines Treffens strafbar?
Nein, Cyber-Grooming ist nicht strafbar. Erst das effektive Zusammentreffen von Täter und Opfer ist aufgrund eines Entscheids des Bundesgerichts strafbar.

Ist das ein gesetzlicher Missstand?
Nein, es ist äusserst schwierig, Grooming von einer gewöhnlichen, nicht sexualisierten Unterhaltung zu unterscheiden. Es wäre zudem falsch, jeden Chat zwischen Minderjährigen und Erwachsenen unter Generalverdacht zu stellen. Es reichen die vorhandenen Gesetzesartikel, um gegen grobe Verstösse im Chat vorzugehen: Der Versand von Pornografie an Minderjährige etwa kann durch bestehende Gesetzesartikel durchaus geahndet werden. Die Einführung eines sogenannten Grooming-Artikels wurde in den eidgenössischen Räten ausführlich diskutiert, aber nicht zur Umsetzung empfohlen.

Könnten Lockvögel in Chatrooms helfen?
Die Einheiten der Kantonspolizei haben tatsächlich verdeckte Ermittler im Einsatz. Es geht ihnen dabei vor allem um Abschreckung. Angesichts der vielen Chatrooms und User sind die Ressourcen aber begrenzt. Gesetze und die Polizei allein können unsere Kinder im Internet nicht vor allen Straftätern schützen, deshalb ist Unterstützung der Jugendlichen durch ihre Eltern enorm wichtig. Eltern sind verantwortlich, dass ihre Kinder über Fallen im Internet Bescheid wissen und sich bei geeigneten Personen Rat holen können. Wenn sich Eltern im Internet nicht auskennen, sollten sie sich von ihren Kindern zeigen lassen, wie Games und Chats funktionieren, und sich mit anderen Eltern darüber austauschen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.06.2016, 17:55 Uhr

Der Jurist Martin Boess ist Geschäftsleiter der Schweizerischen Kriminalprävention.

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