Die Therapeutin Amerikas

Oprah Winfrey redete für die Frauen. Und berührte viele.

Bewegender Moment: Oprah Winfreys Rede an der Golden-Globe-Verleihung. (Video: Tamedia mit Material der AFP)

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«Save it for Oprah», sagen die Amerikaner und Amerikanerinnen einander, wenn jemand besonders pathetisch tut oder ein tränenersticktes Bekenntnis ablegt, sich als Opfer fühlt oder sonst wie unverstanden. Spar es dir für Oprah auf. Denn bei Oprah Winfrey darf man pathetisch tun, weinen, gestehen, klagen. Oder konnte es bis vor sechs Jahren, als die «Oprah Winfrey Show» nach 25 Jahren zu Ende ging. «Oprahfication» nannte das «Wall Street Journal» diese öffentlichen Bekenntnisse als Therapieform. Oprah Winfrey ist das Wärmekissen der Nation.

Dass die Menschen bei ihr so gerne Privates preisgeben, hat damit zu tun, dass sie mit gutem Beispiel vorangeht. Die weltbekannte, überaus einflussreiche Moderatorin ist eine hemmungslose Bekennerin. Sie erzählt intime Details aus ihrem Liebesleben, sie redet über ihre Gewichtsprobleme, und sie sprach schon früh in ihrer Karriere über die sexuellen Misshandlungen, die sie als Mädchen jahrelang durchleiden musste, bis sie von zu Hause weglief.

Wenn also jemand weiss, wie sich diese Form der Gewalt anfühlt, dann Oprah Winfrey. Die 63-Jährige erhielt am Sonntag als erste Afroamerikanerin einen Golden Globe für ihr Lebenswerk. Und nutzte ihren Auftritt für einen Appell an alle belästigten und misshandelten Frauen, nicht weiter zu schweigen. «Zu lange wurden Frauen nicht angehört und nicht ernst genommen, wenn sie es wagten, gegen mächtige Männer aufzubegehren», sagte sie. «Aber deren Zeit ist abgelaufen.» Die neunminütige Rede rührte viele im Saal zu Tränen. Die Kameras schauten dem Weinen zu. In Grossaufnahme.

Video: Oprah Winfreys Rede in voller Länge Die ganze neunminütige Laudatio der US-Talkmasterin. (Video: AP, NBC)

Winfreys Empathiefernsehen kann einem mächtig auf die Nerven gehen. Aber sie versteht es auch, Leute zu bewegen, aufzurütteln oder zu versöhnen. Sie ist wiederholt als Therapeutin Amerikas aufgetreten, nach Katastrophen wie dem Hurrikan Katrina, nach Rassenunruhen, nach Schulmassakern und auch im Nachgang zu 9/11. Was sie sagt und findet, daran glauben Millionen. Eine Buchempfehlung von ihr, ein Filmhinweis garantiert einen Hit. Manche verehren sie als spirituelle Person, als sei sie eine Religionsgründerin. Sie gilt als einer der grosszügigsten Menschen ihrer Heimat, hat mehrere Hundert Millionen Dollar für Bildung und andere wohltätige Zwecke gespendet.

Das kann sie sich leisten. Winfrey, die schon als junge TV-Persönlichkeit auffiel und es von Chicago aus zur landesweit bekannten Moderatorin brachte, ist die reichste schwarze Frau der Welt. Mit 32 Jahren hatte sie ihre erste Million verdient, ihr Vermögen wird auf fast drei Milliarden Dollar geschätzt.

Seit einiger Zeit wird sie als mögliche Präsidentschaftskandidatin gehandelt, laut Umfragen würden schon jetzt viele Wähler für sie stimmen. Oprah Winfrey im Streitgespräch mit Donald Trump: Was für eine Talkshow das gäbe. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2018, 21:00 Uhr

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